Salomé Balthus im Schweizer Fernsehen: - Ein Dialog mit Nachspiel


Sexarbeiterin und Kolumnistin Salomé Balthus in Talksendung "Schawinski"
07.05.2019 Medien

Roger Schawinski ist vor allem in der Schweiz bekannt. Seit Jahrzehnten tritt er dort insbesondere als Autor und Moderator öffentlichkeitswirksam in Erscheinung. Dazu gehört auch die nach ihm benannte Talksendung "Schawinski" im ersten Schweizer Fernsehprogramm (SRF 1). Warum wir jetzt Schweizer Fernsehen gucken sollen? Weil in der Sendung vom 08. April die Sexarbeiterin und Kolumnistin Salomé Balthus zu Gast ist. Fast eine halbe Stunde steht die Berliner Edelprostituierte Rede und Antwort.

Aber was soll man sagen zur Sendung. Schawinski versucht den Anschein zu erwecken, investigativ und konfrontativ zu sein. Letztendlich bedient er nur gängige Klischees. Dabei zeigt er sich immer wieder erstaunlich naiv, gestrig und sogar vorwurfsvoll besserwisserisch. Sein ständig von ober herab kommendes "Aha" setzt dem ganzen dann noch die Krone auf. Ist vielleicht auch nur seine Masche um seine Interviewpartner aus der Raison zu bringen. Dazu kommen auch noch die von der Redaktion gewählten Einspieler mit jenen notorischen Moralkeuleschwingern und Halbwahrheiten-Verbreitern wie Alice Schwarzer (Als gäbe es keine anderen "Feministinnen" contra Sexarbeit). Zusammen zeigt das, was die Sendung anstrebt: Das Führen einer Diskussion, die es eigentlich schon dutzendfach gibt. Man kratzt thematisch an der Oberfläche, bedient populistische und konservative Frauenbilder und will eigentlich nur Zuschauer mit dem Thema Sex locken. Inhaltliche Tiefe und Ehrlichkeit sucht man vergebens.

Hut ab vor Balthus. Wie gefasst und ehrlich sie die ganze Zeit bleibt - immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Also von ihr kann man immer wieder fasziniert sein. Darum schaut euch die Sendung an. Wer aber keinen Bock auf Tendenzjournalismus (Schawinski) hat, lässt es lieber sein.

Zur Sendung, veröffentlicht auf Youtube: https://youtu.be/yFw7vV5pWHg

Das Nachspiel

Hier könnte jetzt eigentlich Schluss sein. Talksendung passé, unsere Kritik an Redaktion und Moderation fällt nicht gut aus, nächstes Fernsehformat und -studio kommt bestimmt...

Ist es aber nicht. Denn das Interview hat für Salomé Balthus tatsächlich ein etwas bitteres Nachspiel. Denn knapp eine Woche nach Erstausstrahlung hat sie sich auf ihrem Blog über den Talk geäußert: "Wie mich der Schweizer Talkmaster Roger Schawinski in seiner Late-Night-Show in meine Einzelteile zerlegen wollte – ohne Plan, [...]" Ihr Aufhänger ist die dreiste aber allem Anschein nach ernst gemeinte Frage, ob sie in ihrer Kindheit sexuell Missbraucht wurde. Immerhin wisse eine Alice Schwarzer ja genau, dass das auf das Gros der Prostituierten zutrifft. Erst im Nachgang wird Balthus über die Tragig dieser Unverschämtheit bewusst. In ihrem Blog schreibt sie:

"[...] Denn natürlich assoziierte die Frage ihn, den berühmten Mann, dessen Tochter ich bin. Wurde nun ihm, ausgerechnet ihm unterstellt, ein Kinderschänder zu sein? [...]"

Und Balthus Auseinandersetzung mit jener Frage ist sehr lang und ausführlich. Sie wird jetzt sogar selbst überaus konfrontativ, eher zynisch wenn sie sinniert:

"Ich könnte jetzt mit der Retourkutsche fahren und fragen: Was für eine Art Mensch muss man sein, Gäste vor laufender Kamera vernichten zu wollen? Auf diese Art die eigene Macht als Talkmaster auszuspielen, ohne jede Verantwortung für die Folgen? Ist es eine Form von Sadismus? Ist es schon krankhaft? Kommt es vielleicht daher, dass er, Schawinski, als Kind missbraucht wurde, oder [...]"

Während es Schawinski erlaubt ist unverschämt zu sein, darf es Salomé nicht. Denn der Schweizer Talkmaster fragte letztendlich nicht, ob sein Gast von ihrem Vater missbraucht wurde. Seine Frage war allgemein gestellt und nannte keinen vermeintlichen Täter. Dennoch, der Interpretationsspielraum ist da.

Weil nun aber Balthus auch in ihrer Welt-Kolumne diesen Vorwurf (mittlerweile gelöscht) äußerte, habe die "Welt" ihr den Vertrag per Mail aufgekündigt. Die TAZ schreibt zur Löschung ihres Textes auf Welt.de, dies sei nach einem Anruf von Schawinski geschehen. "Eine „arge Verunglimpfung meiner Person und meiner Integrität als Journalist“ sei die Kolumne für den Talkmaster gewesen, wird Schawinski zitiert.

rde

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