Auf taz.de: Streitgespräch über Prostitution

9. September 2014

Johanna Weber, Gerhard Schönborn und Olaf Forner diskutierten

Neulich bei der taz: Ein neues Prostitutionsgesetz ist in Arbeit, die Debatte darüber, was erlaubt ist und was nicht, was moralisch vertretbar ist, wird in allen Lagern heftig ausgetragen. Also mal drei Parteien argumentieren lassen… Also sprach taz-Redakteurin Heide Oestreich mit Domina Johanna Weber, Streetworker Gerhard Schönborn und Freier Olaf Forner.

Obwohl alle drei ihre Meinung klar wiedergegeben haben und stimmige Argumente für ihre Sache lieferten, gab es ein kleines Problem – so wie es häufig immer wieder auftaucht. Gerhard Schönborn (Betreiber des Café Neustart) betreut als Streetworker auf der Kurfürstenstraße in Berlin ausschließlich Armutsprostituierte und Drogenabhängige auf dem dortigen Straßenstrich. Und so problematisch die Situation solcher Frauen auch sein mag, dies ist bitteschön nicht die Situation aller Sexarbeiterinnen. Nicht so im Kopf von Herrn Schönborn: Leider wollte er seinen Erfahrungsschatz rigoros pauschalisieren. Was auf dem Straßenstrich passiere, sei beispielhaft für das gesamte Milieu. Sexdienstleistungen gebe es nicht, Prostituierte seien in der absoluten Mehrheit Opfer sexueller Gewalt. Die Frauen handeln nicht eigenverantwortlich und selbstbestimmt, sie seien alle Opfer. Einvernehmlichen Sex zwischen Freier und Prostituierter gäbe es nicht. Freier, als triebgesteuerte Täter, gehörten allesamt bestraft.

Vielleicht ist das so, wenn man, wie Herr Schönborn, über ein volles Jahrzehnt am untersten Rand der sozialen Gesellschaft arbeitet, wenn man schlimme Erfahrungen mit seinen „Schützlingen“ teilen musste, dann tut man sich schwer damit, gegenteilige Erfahrungen zu akzeptieren. Doch am Ende ist es nun einmal so, wie Weber und Forner bekräftigen: Mit gleicher Argumentation müssten dann geschlechtliche Paarbeziehungen und Ehen verboten werden.

Bedenkt man, dass es überall Falsch-…, Schwarz-… oder Zwangs-…(bitte ein Wort nach Belieben einfügen) gibt, dann wäre eine ähnliche Debatte auch bei diesen Themen anzuraten. Soll ich selbst bestraft werden, weil ich kürzlich einen Handwerker bezahlte, sich im Nachhinein aber herausstellte, dass dieser unterbezahlt ist, unentgeltliche Überstunden ableistet und desweiteren von seinem Arbeitgeber schikaniert wird? Soll es wie vor 100 Jahren in den USA eine Prohibition bezüglich Alkohol geben, weil kürzlich ein trunkener Autofahrer für den Tod einer vierköpfigen Familie verantwortlich war? Oder soll deswegen das Autofahren verboten werden? Beispiele könnte ich jetzt etliche aufzählen.

Gerhard Schönborn, als präventiv arbeitender Streetworker, sollte es eigentlich besser wissen: Solche Verbote sind utopisch und … ein Verbot Sex zu wollen/ zu kaufen kann und wird nie erfolgreich sein! Vielleicht verliert man sich beim Neustart e.V. (Christliche Lebenshilfe) aber auch in Utopien weil dies dem Christentum durchaus eigen ist: fiktiven Gesellschaftsordnungen hinterherzujagen.

Das ganze Streitgespräch ist auf taz.de zu finden. Neben dem oben verlinkten Videobeitrag zum Café Neustart kann man auf Video-Rotlicht.de auch den kürzlich von MonaLisa (ZDF) veröffentlichten Beitrag zur Prostitution finden, in welchem Johanna Weber ebenfalls zu Wort kommt.

rmv

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