Das „PROBLEM Prostitution“

8. April 2022

NDR-Talk mit Margot KĂ€ĂŸmann und Arne-Torben Voigts zeigt die hĂ€ssliche Seite des Abolitionismus

Wer sich gerne auf die Seite von Wissenschaftsleugnern oder stumpf absolutistischen Meinungsmachern schlĂ€gt, dem seien die Namen Margot KĂ€ĂŸmann, Arne-Torben Voigts und Kristine Tauch empfohlen. Absurde Menschenbilder und Faktenquatsch par exellence liefern die drei in der aktuellen Folge des Kamera-begleiteten NDR-Podcasts „Mensch Margot“. Der Titel „Prostitution: Kein Job wie jeder andere“.

… Also eine weitere Sendung, die sich in den absolut nicht bunten Reigen der von Voreingenommenheit triefenden Talkformate einreiht. Eine Sendung, in der alle nur erdenklichen, obgleich schon vielfach widerlegten Ressentiments und Falschaussagen stakkatoartig abgefeuert werden. Eine Sendung, in der sich in jedem Punkt einige Moderatoren und GĂ€ste komplett unreflektiert daherschwadronieren, pseudoemanzipiert argumentieren und durchweg völlig unwidersprochen ihre moralische Deutungshoheit stammtischartig herausposaunen, dass es an Herablassung kaum zu ĂŒberbieten ist. Eine Sendung, die es im öffentlich rechtlichen Rundfunk so gar nicht geben dĂŒrfte.

Im Vordergrund zum Einen GesprĂ€chspartner Arne-Torben Voigts. Welche Rolle er genau einnimmt, wird nie so richtig klar. Eigentlich hat es mehr den Anschein, dass er nur Beiwerk, nur Strohpuppe und Stichwortgeber von Margot KĂ€smann ist. Denn Voigts, der, wie er sagt, vor der Sendungsrecherche selbst nur sehr wenig Vorwissen zum Thema Prostitution hatte, besticht von Beginn an durch völlige Ahnungslosigkeit. Zwar versucht er diese stets mit bedeutungsschwangerer Mimik zu kaschieren und die SensibilitĂ€t der Thematik mit SĂ€tzen wie „Heute geht es um ein sehr gewichtiges Thema, großes Thema, ein schwieriges Thema.“ hervorzuheben. Er sagt aber auch mehrfach, Prostitution sei ein Problem. Er sagt es immer ziehmlich bedeutungsschwanger. Ohne dabei zu bemerken wie er damit pauschalisierend die Victimisierung einer legalen TĂ€tigkeit vorantreibt. Eine BegrĂŒndung fĂŒr seine These liefert er nicht selbst. Dies ĂŒberlĂ€sst er KĂ€ĂŸmann und Tauch. Auch weil er schon zu Beginn des Talks hervorhebt, dass der GesprĂ€chsinhalt „ein Herzensanliegen von Margot KĂ€smann“ sei. Also Wunsch der Podcast-Namensgeberin.

Was Voigts extrem gut kann, ist dem Zuhörer auf den Sack zu gehen. Wie kann man so unprofessionell, so charakterlos sein, frag ich mich. Er moderiert nicht, er hinterfragt nicht, er bringt keine HintergrĂŒnde, keine Fakten oder Zahlen ins GesprĂ€ch. Er ist lediglich kosmetisches Beiwerk. Das Einzige was er inhaltlich beisteuert, ist, mittels Stichworten und Überleitungen zwischen dem PLURV-Sprech von KĂ€ĂŸmann und der zugeschalteten GĂ€stin Kristine Tauch zu switchen.

Wer das Format nicht nur hört, sondern auch ĂŒber die Mediathek oder Youtube sieht, der bekommt noch eine zweite Auf-den-Sack-geh-FĂ€higkeit Voigts zu spĂŒren. Und zwar seinen unentwegt zutiefts nachdenklichen Gesichtsausdruck, mal verwundert, mal verstehend. Dagegen ist das Versteh-Gesicht von Markus Lanz komplett harmlos. Auf die Dauer ist Voigts inflationĂ€r gebrauchte Denkerstirnfalte derart nervtötend und Agressionen schĂŒrend. Denn sie zeigt nicht etwa Anteilnahme, sondern sie spiegelt die völlige Unwissenheit eines Arne-Torben Voigts. Bei absoluter Hörigkeit seiner beiden GĂ€stinnen gegenĂŒber.

Die Hauptfigur des Formats ist Namensgeberin Margot KĂ€ĂŸmann. Die Autorin und Theologin gibt sich als Philanthropin, Orientierungsgeberin und Frauenrechtlerin. KĂ€ĂŸmann weiß, versteht und deutet. Ihr hört man zu und glaubt ihr. Immerhin ist ja genau das ihr GeschĂ€ft: der Glaube. Das aber Glauben nicht gleich Wissen ist, davon hat scheinbar weder der NDR noch die zustĂ€ndige Redaktion je etwas gehört. Und so lĂ€sst man KĂ€ĂŸmann schwadronieren und moralisieren. Sie behauptet und tut klug. Die Krux ist, dass auch KĂ€smann trotz stetiger Untermauerung ihrer „Fachkenntnis“ absolut keine Ahnung von der Materie hat; vielleicht auch nicht haben will. Das braucht sie ja auch nicht, sie glaubt ja. Und als eine der fĂŒhrenden Theologinnen im Land reicht das. Außerdem ist die Evangelische Kirche Co-Produzentin des Podcasts. Damit ist einiges gesagt.

Um der aktuellen Folge noch etwas mehr Know How einzuverleiben, wurde noch eine Fachfrau eingeladen, eine die sich seit Jahren mit der Thematik Prostitution auseinandersetzt: Kristine Tauch…. Ähhh, Kristine wer? Noch nie gehört! Was hat sie studiert? Wo promoviert? Welche Veröffentlichungen kann sie Vorweisen? Arbeitet sie in einem der Millieus? Ist sie Lobbyistin? Mitarbeiterin einer Beratungsstelle? Vorstand eines Prostituierten verbandes? Politikerin? Nööö, nichts von alledem.
Tauch ist unbekannte Filmemacherin, hat mal einen 25-minĂŒtigen Film zur Prostitution in Wiesbaden prodiziert (dazu gleich mehr) und versucht aktuell eine weitere Dokumentation per Crowdfunding zu finanzieren (siehe hier). Mir schwant Übles. Darf sie vielleicht ein öffentlich rechtlich finanzierten Podcast dazu benutzen, um mittels billiger Emotionalisierung einer hoch komplexen Thematik Geldgeber fĂŒr ihr eigenes Filmprojekt zu gewinnen? Nicht gleich Mutmaßen! Vielleicht hat Frau Tauch ja doch Ahnung.
Aber kurz gesagt: Nein, hat sie nicht.

Ein Blick auf ihren Film „FASSADEN – Prostitution in Wiesbaden„, dessen Titel unser top vorbereiteter Vorzeigepodcaster Arne-Torben Voigts ĂŒbrigens nicht einmal schafft, richtig widerzugeben. Tauchs 25-minĂŒtiges Machwerk von 2021 ist eigentlich nur was fĂŒr starke Nerven oder fĂŒr nicht vorinformierte Zusachauer:innen. Warum? Weil es extrem voreingenommen, tendenziös, emotionalisierend (TonalitĂ€t, Musik- und Zitatauswahl
) und eindimensional ist. Der Film bedient in einer absolutistischen, mehr noch, exzesshaften Weise althergebrachte Stereotype. Hier wird Framing in Reinform betrieben. Prostituierte sind ad hoc Opfer. Opfer von perversen und machtgierigen MĂ€nnern. Opfer von Gewalt und Ausbeutung. Selbst wehrlos, unmĂŒndig und fast immer getĂ€uschte AuslĂ€nderinnen. Utermauert wird das Framing durch die den ganzen Film ĂŒber permanent eingespielten, vorgelesenen Freierforen-BeitrĂ€ge. Die natĂŒrlich sorgfĂ€ltig nach möglichst menschenunwĂŒrdigem Sprech ausgewĂ€hlt sind. Die Auswahl ist gewollt. Schließlich mĂŒssen die Verlautbarungen ins Bild passen. Bitter auch: beinahe alle „Erkenntnisse“ des Films basieren auf das im ZwiegesprĂ€ch ausgetauschte „Fachwissen“ zweier sich selbst ĂŒberschĂ€tzender und bekannter Hardliner-Abolotionisten. Namentlich Dr. phil. Alfons Heinz-Trossen und Manuela Schon. Letztere wird im Abspann sogar als am Filmkonzept Mitwirkende genannt. Interessant. Á propos Abspann. Dort aufgelist werden sage und schreibe drei! Quellen in Bezug auf erbrachte Zahlen und Fakten: eine vom „BĂŒndnis Stop Sexkauf!“ betriebene Webseite, das Statistische Bundesamt und das Gesundheitsamt Wiesbaden. Also drei (3) „externe“ Quellen. FĂŒr einen 26-minĂŒtigen Film. Krass, wie schlecht. Da hat ja jeder Schulaufsatz mehr. Facepalm

ZurĂŒck zu „Mensch Margot“. Hier ist Kristine Tauch schließlich ebenso hĂ€ufig Rednerin wie KĂ€ĂŸmann. Was steuert sie bei zur Expertise bei? Genau soviel, wie ihr Alfons Heinz-Trossen und Manuela Schon ins Hirn geschwafelt haben. Abolitionistische Meinungsmache, falsche Zahlen, eindimensionale Menschenbilder und ein romantisiert pittoreskes SexualitĂ€tsverstĂ€ndnis.

40 Minute lang bekommt man als Zuhörer/Zuschauer nichts anderes zu hören als emotionalisierendes, bemittleidendes und verurteilendes Stammtischgerede. Ein zutiefts selbstgerechtes Gerede mit dem Duktus einer absoluten Wahrheitsvermittlung. Zu keiner Zeit wird es aber irgendwelchen modernen journalistischen AnsprĂŒchen gerecht.

Es werden an keiner Stelle Ekenntnisse aus reprĂ€sentativen Studien oder Erhebungen geliefert. Nur ein einziges Mal wird eine offizielle Zahl ins Spiel gebracht: die zu den aktuell von den GesundheitsĂ€mtern geschĂ€tzen Prostituierten (geschĂ€tzt 40.000 – 60.000). Weil das aber nicht ins Bild passt, wird die SchĂ€tzung nur einen Satz spĂ€ter mit Quatschzahlen konterkariert.

Weder werden Jahresberichte von Beratungsstellen beachtet noch offizielle Paper von den diversen Runden Tischen „Prostitution“ der LĂ€nder. Nationale oder internationale ProstituiertenverbĂ€nde werden mit keinem einzigen Wort erwĂ€hnt. Ebenso wenig Aufrufe und Statements zur Entkriminalisierung der Sexarbeit, wie es sie in den vergangenen Jahren in großer Anzahl gab – von GesundheitsĂ€mtern, NGOs oder Frauenorganisationen.

Der gesamte Komplex der gĂŒltigen Bundes- und Landesgesetze, Verordnungen, Sperrgebietsregelungen, Besteuerung, Krankenversicherungen
 wird konsequent außen vor gelassen. Nicht ein Wort bspw. vom ProstSchG. Die fehlende finanzielle UnterstĂŒtzung der Prostitutierten wĂ€hrend der letzten 2 Pandemiejahre wir nicht thematisiert.

Es werden keine LösungsvorschlĂ€ge fĂŒr tatsĂ€chlich vorhandene (arbeitsrechtliche, gesellschaftliche, gesundheitliche) MisstĂ€nde in Beschaffungs- oder Straßenprostitution ins GesprĂ€ch gebracht. Einzig ein angeblich einheitliches „Nordisches Modell“ kommt zur Sprache und wird als einzig richtiger Weg postuliert. Aber auch hier ohne eine eingehende oder gar kritische Betrachtung existierender Strukturen. Man unterlĂ€sst es zwischen den verschiedenen nationalen Gesetzen zu differenzieren oder auf deren signifikante SchwĂ€chen hinzuweisen. Kein Wort, dass der Schwedische Weg und dessen Nachahmer alles andere ist als der Weg zur „Befreiung“ der Sexarbeiterinnen ist. Im Gegenteil, KĂ€ĂŸmann und Tauch erzĂ€hlen hier sogar MĂ€rchen von einer „massiven UnterstĂŒtzung der Prostituierten“.

„Expertin“ Kristine Tauch fordert an einer Stelle der GesprĂ€chsrunde notwendige Ausstiegshilfen, sie fordert die Entkriminalisierung der Sexarbeiterinnen (die sie so ĂŒbrigens nicht bezeichnen will) und die Freierbestrafung. Heißt, Tauch wirft lediglich die drei Schlagworte in die Runde. Weiter kommt da aber nichts mehr. Sie ignoriert die seit Jahrzehnten existenten BemĂŒhungen zur Entkriminalisierung seitens unterschiedlichster VerbĂ€nde, BĂŒndnisse, NGOs etc. Warum ist eigentlich klar. Weil deren BemĂŒhungen stets von rĂŒckwĂ€rtsgewandten, verstockten Abolitionisten, von schlecht gemachten Bundesgesetzen und von ignoranten Talkrunden zunichte gemacht werden. Auch Ausstiegshilfen werden seit jeher bundesweit angeboten. Tauch hĂ€tte mal ansprechen sollen, dass es Bund und LĂ€nder nur nicht schaffen geschweige denn wollen, diese in nötigem Ausmaß zu finanzieren oder gar auszuweiten. Kristine Tauch hĂ€tte mal ihre eigenen Zahlen in die Überlegung werfen sollen. Wie wĂŒrde man fĂŒr ihre postulierten 200.000 bis 400.000 Prostituierten adĂ€quate Ausstiegshilfen inkl. deren Umsetzung gewĂ€hrleisten können
 Da brauchen wir gar nicht rechnen und weiter ĂŒberlegen, wie absurd das ganze ist.

Und dann fordert sie ja noch die Kriminalisierung der Freier bei gleichzeitiger Rettung der in der Prostitution arbeitenden Frauen? Das dies aber absolut nicht funktioniert, sehen wir mindestens am Beispiel Schwedens (sozialwissenschaftlich betrachtet). Siehe dazu Susanne Dodillet und Petra Östergren, „Das schwedische Sexkaufverbot Beanspruchte Erfolge und dokumentierte Effekte“; Linzer Schriften zur Frauenforschung 51, 2012

Und weil KĂ€ĂŸmann, Voigts und Tauch so sehr auf das Nordische Modell pochen, möchte ich diesen ersten Teil meines Kommentars mit den AuszĂŒgen aus dem Fazit der eben erwĂ€hnten Arbeit von Dodillet/Östergren schließen:

Wir glauben, dass man mehrere Faktoren beachten muss, um die Diskrepanz zwischen dem beanspruchten Erfolg des Sexkaufverbots und seinen dokumentierten Effekten zu verstehen. […]
Wir sind also der Überzeugung, dass die ”Einzigartigkeit” des Sexkaufverbots und die oben beschriebenen Diskrepanzen im ideologischen und kulturellen Bereich liegen. Sie haben mit dem BedĂŒrfnis zu tun, eine nationale IdentitĂ€t als moralisches Gewissen der Welt zu schaffen und aufrechtzuerhalten; mit Vorstellungen von ”guter” und ”schlechter” SexualitĂ€t; mit dem Hurenstigma; mit der Konstruktion neuer Formen sexuellen Fehlverhaltens; mit einer kommunitaristischen im Gegensatz zu einer eher liberalen politischen Kultur; und vielleicht vor allem: einem stereotypisierenden und uninformierten VerstĂ€ndnis von Prostitution.
Wenn es um politische Strategien fĂŒr den Umgang mit Prostitution geht, sollten diese unserer Meinung nach auf Wissen beruhen und nicht auf moralischen Bedenken oder radikalfeministischer Ideologie. Wir glauben auch, dass die Betroffenen adĂ€quat befragt und ihre Meinungen respektiert werden sollten, wenn neue Strategien entwickelt werden. Unserer Meinung nach war dies beim ”Schwedischen Modell” nicht der Fall.

Im demnĂ€chst folgenden, zweiten Teil der Auseinandersetzung mit jener Podcastfolge von „Mensch Margot“, werden diverse Aussagen der drei Protagonisten im Einzelnen widergegeben und kommentiert. „Freut“ euch schon mal auf allerlei ideologischen Nonsens.

rde


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