Der christliche Stursinn von Lea Ackermann Teil 2

12. Februar 2015

Militanter Aktionismus par excellence

Mag sich Frau Ordensschwester Lea Ackermann einst aus lauteren BeweggrĂĽnden fĂĽr die Rechte der Frauen weltweit eingesetzt haben (vielleicht tut sie es ja heute auch noch), was sie aber hinsichtlich des Themas Prostitution tut, ist nichts als christlicher und militanter Starrsinn. Gleich jener verbohrt wahrheitsfremden Argumentation, die man von Alice Schwarzer kennt, versucht die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes seit Jahren Sexarbeiterinnen pauschal als Opfer zu deklarieren. Gern genutzte Mittel: Ăśbertreibungen, Verallgemeinerungen, Aufstellen von Behauptungen inkl. Unterlassung von Quellenangaben, wettern gegen die böse „Prostitutionslobby“.

So wieder geschehen am gestrigen Mittwoch. Da nämlich veröffentlichte man auf Tagespost.de (siehe hier) ihren Kommentar zum geplanten „Prostituiertenschutzgesetz“.

Hier eine Reihe von Ackermanns kruden Aussagen:

– Der Sexmarkt in Deutschland sei nirgendwo auf der Welt so dereguliert wie hier.

Diese Unterstellung ist schlichtweg falsch! Frau A. verwechselt hier wohl legal mit dereguliert.

– Deutschland – das „Bordell Europas“

Jaja, kennen wir ja. Seltsam nur, dass in der Vergangenheit auch die Ă–sterreicherSchweizer, Niederländer oder Spanier diesen Anspruch fĂĽr sich geltend gemacht haben. Am Ende ist dieser Ausspruch nichts als billiger Populismus und Panikgeschrei.

– Ackermann unterstellt, dass freiwillige Sexarbeiterinnen ihren Job als Traum-„Beruf“ ansehen

Hier haben wir wieder das Problem. In keinem anderen Job wird Freiwilligkeit mit Passion gleichgesetzt. Nur Sexdienstleisterinnen sollen ihre Arbeit als Traumjob betrachten und wenn nicht, dann sind sie garantiert Opfer von Menschenhändlern oder Missbräuchen. Welch krude Logik

– „Frauen in der Prostitution sind in aller Regel Opfer finanzieller, menschlicher und psychischer Zwänge.“

Wie schon gesagt, eine krude Logik. Ich unterstelle mal, dass auch ein groĂźer Teil der arbeitenden Bevölkerung dies aus finanziellen Zwängen (man braucht nun mal Geld zum Leben und Arbeit bedeutet Geld) tut. Was Ackermann allerdings mit „psychischen Zwangen“ meint, weiĂź ich nicht. Klingt aber so, als attestierte sie einer gewissen Anzahl an Sexarbeiterinnen unter einer Zwangsstörung, also einer psychischen Störung zu leiden. Da sie jedoch weder Psychologin, Psychiaterin noch Psychotherapeutin ist und auch keine entsprechende Facharbeit zum Thema verfasst hat, ist Ackermanns Behauptung als unsinnig zu betrachten.

– „Wer einmal drin ist schafft den Ausstieg kaum jemals mit eigener Kraft – das wissen wir aus Tausenden von Beratungsgesprächen“

Der Wahrheitsgehalt zur Ausstiegsproblematik soll hier nicht angezweifelt werden. Ich möchte den zweiten Teil des Satzes betrachten. Denn hier macht A. von einer ihr typischen Argumentationsweise/“Beweisfindung“ gebrauch: einfach eine nicht fassbare und aufgeschwemmte Größe in den Raum werfen und gut ist. Was heiĂźt tausende? 2- oder 9-tausend? AuĂźerdem spricht sie ja von Beratungsgesprächen und nicht Frauen. Nehmen wir mal folgendes zur Kenntnis: SOLWODI gibt es in Deutschland bereits seit 1987. Eine Hilfesuchende Frau nimmt dort im Schnitt vielleicht 20 Beratungsgespräche war. Dann bezieht sich Ackermann – bei angenommenen 2000 Beratungsgesprächen – auf insgesamt 100 Frauen, dass sind ĂĽber den Zeitraum von 26 Jahren knapp 4 Frauen pro Jahr. Bei 9.000 Gesprächen wären es 17 Frauen. Wenn dem so wäre, dann weiĂź man bei SOLWODI aber herzlich wenig.

Ich weiĂź: meine Rechnung ist völlig unbrauchbar. Aber eben nicht weniger als Ackermanns „Beweis“.

– Ackermann brĂĽskiert sich darĂĽber, dass man sich seitens der Regierung von medizinischen Pflichtuntersuchungen verabschiedet hat. „Die Chance, mit dieser Untersuchung Opfern von Menschenhandel und Zwangsprostitution einen geschĂĽtzten Raum allein mit Arzt oder Ă„rztin zu schaffen – dahin“, sagt sie.

??? 1. Es steht ja immer die Aussage im Raum, dass der GroĂźteil der Prostituierten kein oder nur unzureichend Deutsch kann. Was sollten Ă„rzte dann von diesen erfahren? 2. Warum sollten sich Prostituierte einem Mediziner mehr anvertrauen wollen, als bspw. Sozialarbeitern? 3. Ackermann unterstellt hier, dass bei „Zwangsprostituierten“ – eingangs sprach sie ja noch von „Opfern finanzieller, menschlicher und psychischer Zwänge“ – persĂ© körperliche Verletzungen, die auf Misshandlungen, Gewalteinwirkungen etc zurĂĽckzufĂĽhren sind, zu sehen seien. Sie vergisst aber, dass der Körper das Kapital der Frauen ist. Mit solchen Verletzungen wäre doch der „Ertrag“ einer jeden Prostituierten“ geschmälert. Das wäre sicherlich auch nicht im Sinne eines Zuhälters.

Worin der Schutz im behandlungsraum eines Mediziners ansonsten bestĂĽnde, enzieht sich meiner Vorstellungskraft. Sicherlich hat auch Frau Ordensschwester keine plausible Erklärung…

– zum Thema Kondompflicht: „Der einzige Effekt: UngeschĂĽtzter Verkehr wird teurer und bringt den BordellbetreiberInnen und ZuhälterInnen noch mehr Geld ein.“

Sag mal, würfelt die Ackermann mit Wörtern und guckt dann was rauskommt? Das ergibt doch gar keinen Sinn? 1.) Warum sollte ungeschützter Verkehr teurer werden, wenn die (Nicht-)Nutzung von Präservativen doch gar nicht kontrollierbar ist? 2.) Vielleicht träfe das auf Zuhälter zu, doch wenn sie meint, dass auch das Gros der Bordellbetreiber von solchen gemutmaßten Mehreinnahmen profitiert, dann hat hat sie keine Ahnung, wie das Rotlichtgewerbe funktioniert (Stichpunkt Miete).

– Zum Thema Mindestalter: „Dabei sind es gerade die jungen Frauen und Mädchen, bei denen sich aus vermeintlicher Liebe zu einem Mann besonders leicht eine psychische und finanzielle Abhängigkeit entwickelt, die geradewegs zum „Anschaffen“ fĂĽhrt.“

Ach so ein Wischiwaschi. In puncto „Loverboy“-Masche – und das meint A. wahrscheinlich – sind es fĂĽr gewöhnlich noch minderjährige Teenager, welche zu den bevorzugten Opfern dieser Zuhälter werden. Und in diesem Zusammenhang handelt es sich um sexuellen Missbrauch, Menschenhandel oder Nötigung. Das hat also mit der Hochsetzung des Mindestalters auf 21 rein gar nichts zu tun. Andererseits, warum sollten denn 21-jährige Frauen weniger unter solchen Abhängigkeiten leiden als 18-Jährige? Reine Spekulation.

Als Atheist könnte man die Katholikin Ackermann auch mal fragen, wie es denn mit ihrer Beziehung zu Gott bestellt ist? Wie weit geht denn ihre Liebe und wie groĂź ist ihre psychische Abhängigkeit zu dieser „Lichtgestalt“? Was wĂĽrde sie alles tun im Namen Christi?

Ja, Frau Ackermann: unterstellen und pauschalisieren kann ich auch.

– „Und schlieĂźlich nĂĽtzt auch eine Anmeldepflicht nichts, wenn sie einmal im Jahr verlangt wird – die Frauen, die alle paar Monate das Bordell, nicht selten die Stadt wechseln, damit die Stammgäste Abwechslung haben, hatte wieder mal niemand im Blick.“

Aber das ist doch genau das was man Seitens der GroKo will: Ein separate Kompletterfassung der Prostituierten inkl. Bewegungsprofil.

Und die zwei unsäglichsten Aussagen Ackermanns…:

– „Prostitution ist ein wesentlich von kriminellen Elementen bestimmtes Dunkelfeld“

Diese Behauptung ist so unwar, dass es schon weh tut. Ohne jeglicher Beweisführung agitiert Ackermann hier, was es das Zeug hält. Keinerlei bekannte Statistiken können diese Behauptung unterstreichen. Aber Ackermann weiß es ja besser. Und mit nicht prüfbaren Dunkelfeldern und Dunkelziffern kann man ja super Politik machen. Ja, Frau Ackermann, Sie haben es drauf!

– „Daran wird auch das neue Gesetz nichts ändern, ganz im Gegenteil: Das Gesetz schĂĽtzt nicht die Interessen der Frauen in der Prostitution, sondern die der Profiteure. Gewonnen haben all jene – SPD, Prostitutionslobby und Selbsthilfeorganisationen – die ein gleichermaĂźen beliebtes wie falsches Bild von der ach so modernen Frau in der Prostitution verkaufen.“

In einem Punkt hat sie recht. Das neue Prostitutionsgesetz wird nichts zum Positiven fĂĽr die Sexarbeiterinnen ändern. Der Rest ihrer Aussage ist aber ein genauso populistischer Aktionismus, wie der ganze Rest ihres Kommentars. Der ist ĂĽbrigens nicht sehr viel länger als die von mir herausgegriffenen Aussagen – da sieht man mal, wie umfassend unqualifiziert Frau A. arbeitet. Wenn hier jemand also falsche Bilder verbreitet, dann ist es die SOLWODI-GrĂĽnderin selbst. Die Hure: das stilisierte Opfer schlechthin. Rettung verspricht nur die Heilige am Horizont. GlĂĽcklich sind also nur jene, die dem Wort Got… äh Ackermanns gelauscht haben.

Übrigens, schon vor einigen Monaten habe ich mich über Ackermann aufgeregt. (siehe hier) Wer nun von Ackermanns Ergüssen eine Pause braucht und sinnige Kritik am neuen Prostitutionsgesetz lesen will, dem sei der ebenfalls gestern veröffentlichte Kommentar von Almut Siefert auf Stuttgarter-Nachrichten.de empfohlen (siehe hier).

rmv

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