Desinformation ĂĽber Sexarbeit beim SWR?

Framing, Wissenschaftsleugnung, Pseudoexperten… – Hurenstigmata haben Methode

Mal Pro Legalisierung und werteneutral, mal naiv kritisch Hinterfragend, aber auch sehr oft Stereotype und Vorurteile bedienend falsch: das sind die Erzeugnisse (Zeitung, Blog, Podcast, Fernsehsendung etc.) kleiner und groĂźer deutscher Medienhäuser zum Thema Prostitution und Sexarbeit. Wer sie lieĂźt, hört und sich anschaut und das ĂĽber Jahre hinweg, der darf zurecht an der angeblich weltoffenen, liberalen und emanzipierten Aufgeklärtheit unserer heutigen Gesellschaft zweifeln. Auch weil das Thema Sex gegen Entgelt scheinbar gar nicht aufgearbeitet werden will. Weder politisch noch journalistisch. Allen erlangten, seriösen Erkenntnissen der vergangenen 30 Jahren zum Trotz werden innerhalb der gefĂĽhrten Debatten immer wieder Aussagen aus methodisch völlig desaströser Pseudostudien verbreitet (und das inflationell), werden das eigene Weltbild untermauernde Erfahrungsberichte selektiv in die Bresche geworfen, wird mit mittelalterliche Menschenbilder argumentiert…

Wenn man bedenkt, dass vor allem nach FlĂĽchtlingskrise, US-Wahlen und Coronapandemie der Umgang mit Fakenews und Propaganda sensibilisiert haben sollte; wenn man bedenkt wie wichtig verantwortungsvolle Quellenrecherche und Faktencheks sind, dann wundert es schon extrem, wie wenig das beim Thema Prostitution eine Rolle zu spielen scheint. Stichpunkt Stigmatisierung, Victimisierung, Pauschalisierung, Gleichsetzung von Sexarbeit und Vergewaltigung (Stichpunkt „Zwangsprostitution“), Tokenismus. All das ist gängige Praxis, also eher die Regel als die Ausnahme.

Eines der vielen aktuellen Beispiele ist der SWR. KĂĽrzlich veräffentlichte die Rundfunkanstalt eine Dokumentation unter sem Titel „Raus aus der Prostitution“. Während die Grundintension des Films durchaus zu begrĂĽĂźen ist, nähmlich die Begleitung und UnterstĂĽtzung einer Prostituierten, die den fĂĽr sie Schweren Weg in ein Leben ohne Sexarbeit schaffen möchte. Nur leider arbeiten die Filmemacherin und die Redaktion mit sexarbeitsfeindlichen und alles andere als neutralen Perspektiven.

Eine detaillierte und lesenswerte Auseinandersetzung mit der SWR-Produktion gibt es von Aktivistin, Bloggerin und Domina Ruby Rebelde. Detailliert diskutiert und analysiert die Berlinerin die Problematik auf ihrem Twitteraccount (siehe hier).

Leider scheint der journalistisch unsaubere Umgang mit Sexarbeit beim SWR Methode zu haben. So ist des neueste Werk nicht der erste Fauxpas. „Desinformation ĂĽber Sexarbeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen?“ titelte Ruby Rebelde bereits im vergangenen Jahr (siehe hier). Gegenstand ihrer zweiteiligen Auseinandersetzung war die vor Framing und Desinformation nur so strotzende, zudem bekannten Abilitionisten einen im Verhältnis zu groĂźe BĂĽhne bietende Sendung „malEhrlich: Sex gegen Geld – Gehört das verboten?“

Auch hier sei Rubys Analyse sehr zu empfehlen. Vor allem weil sie Sendung und Gäste nicht nur kritisch hinterfragt sondern mit extremer Fachkenntnis die Unzulänglichkeiten, ja mehr noch Unverantwortlichkeit und Vorsatz von Redaktion, Moderator und Pseudoexperten Baustein fĂĽr Baustein aufzeigt. “ Moderator Florian Weber leistete dort gezielter Desinformation ĂĽber Sexarbeit Vorschub. Wie nahezu immer, wenn es um Prostitution in den Medien geht, spielt #falseBalance eine groĂźe Rolle“, ist nur eine von Rubys Analysen.

Und zu den in besagte Sendung geladenen „Experten“, nämlich Manfred Paulus, Sandra Norak und Leni Breimayer, haben wir hier auf Rotlicht.de ja selbst in den vergangenen Jahren schon so einiges geschrieben.

Und genau da liegt der Hase im Pfeffer, haben false Balance und Wissenschaftsleugnung beim SWR offensichtlich Methode. Ruby spricht hier u.a. vom PLURV-Prinzip (PLURV = Pseudoexperten, Logische TrugschlĂĽsse, UnerfĂĽllbare Erwartungen, Rosinenpickerei, Verschwörungsmythen) 

Denn auch vor 2020 gab es ähnlich gelagerte Sendungen. Z.B.:

  • 30.09.2013 – SWR1 Leute Night: Wolgang Heim im Gespräch mit Sabine Constabel

Die Stuttgarter Sozialarbeiterin Constable (Sisters e.V.) ist vehemente Gegnerin der Prostitution, Abolitionistin und scheut sich nicht regelmäßig mit Falschbehauptungen und erfundenen Zahlen zu argumentieren.

  • 14.05.2014 – SWR Fernsehen: betrifft: “Verkaufte Frauen – Das boomende Geschäft mit der Prostitution”
  • 24.09.2014 – PRO & CONTRA: Prostitution verbieten? Talk-Show im SWR Fernsehen

Es ist einfach nur erschütternd, dass Menschen in der Sexarbeit und Freier (Gäste) auch 2022 noch a priori in ein Täter-Opfer-Verhältnis gedrängt werden. Sie werden entmenschlicht und entwürdigt. Prostituierte zudem für unmündig erklärt. Der sexuelle Akt gegen Bezahlung wird in einer orthodoxen Rückständigkeit unwidersprochen zu einem sittenwidrigen Prozess, mehr noch, zu einem undenkbar freiwillig stattfindenden Prozess erklärt. Erschütternd ist das.

rde

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