Dogmatismus anstatt Feminismus

6. Februar 2018

Warum die Arbeit von „Sisters e.V.“ mit extremer Vorsicht zu genießen ist.

StĂ€ndige Wiederholung ist kein Beweis fĂŒr Wahrheit. Und dennoch setzten sich stets widergekĂ€ute Geschichten bzw. ein Statements sehr gut in die Köpfe fest. Deren ÜberprĂŒfung und kritische Auseinandersetzung sind hingegen mĂŒhselig und erfordern Zeit. Auch im Rotlicht-Milieu gibt es derlei FĂ€lle. In kaum einem anderen Gewerbe gibt es so viele hartnĂ€ckige Klieschees, Verallgemeinerungen und Vorurteile. Einen nicht unerheblichen Anteil daran haben seit jeher Abolitionisten, Prohibitionisten und radikal konservative Feministinnen. Allen voran Vertreterinnen wie Alice Schwarzer, Lea Ackermann oder Gaby Wentland.

Eine weitere, die sich dem unermĂŒdlichen Kampf gegen eine Legalisierung und Liberalisierung der Prostitution verschrieben hat ist die Stuttgarter Sozialarbeiterin Sabine Costable. Seit nunmehr 20 Jahren verbreiten sie und ihre Mitstreiterinnen (insbesondere der Verein Sisters e.V.) ihre unumstĂ¶ĂŸliche „Wahrheit“. Dogmatisch, doktrinĂ€r, starrsinnig und kompromisslos.

Mag ihre pĂ€dagogische Arbeit mit Beschaffungsprostituierten, Stricherinnen usw., die sie in der Prostituiertenanlaufstelle, dem CafĂ© „La Strada“, leistet, ĂŒberaus wertvoll und unersetzbar sein. Die dortige Kompetenz soll hier keineswegs in Abrede gestellt werden. Anders verhĂ€lt es sich hingegen mit Constabels öffentlichem, medialem Wirken (Fernsehen, Rundfunk, Podiumsdiskussionen etc.). Jemand, der unermĂŒdlich behauptet Prostitution sei „im Alltag und in der RealitĂ€t nicht von Zwangsprostitution zu trennen“, dem kann nur Radikalismus attestiert werden.

Zweifelhafte Auszeichnung fĂŒr Constabel und „Sisters“

Nun erhĂ€lt Sabine Constabel und ihr Verein „SISTERS – fĂŒr den Ausstieg aus der Prostitution! e.V.“ auch noch einen Preis. Den Barbara-KĂŒnkelin-Preis der 40.000-Einwohner-Stadt Schorndorf. Im MĂ€rz 2018 soll er verliehen werden. Mit dem Preis werden Frauen oder Frauengruppen ausgezeichnet, die „zum Wohle der Allgemeinheit auf dem Gebiete besonders förderungswĂŒrdiger Zwecke vorbildlich tĂ€tig wurden“. Soweit so gut.

Aus der BegrĂŒndung der Jury:

„[
] Das Besondere an Sabine Constabel ist, dass sie jene Fachfrau in Deutschland ist, die schon vor 20 Jahren mutig öffentlich ‚Nein’ sagte, als die Mehrheit in Politik und Gesellschaft voller Begeisterung fĂŒr eine Liberalisierung der Prostitution das Wort geredet haben. Als ‚kleine’ Sozialarbeiterin aus dem Leonhardsviertel wagte sie, ihre Stimme zu erheben und sich in VortrĂ€gen und Talkshows dem politischen Trend entgegen zu stellen. Heute wissen wir, dass Bordelle lukrative Unternehmen geworden sind. Ihre Betreiber werden nicht mehr als ZuhĂ€lter angesehen, sie sind inmitten der Gesellschaft als Wellness-Manager angekommen und bei Talkshows angesehene GĂ€ste. [
]“

Und genau hier lauert die Gefahr! Allein in diesen paar SĂ€tzen finden sich diverse zweifelhafte, gar erdichtete Ressentiments.

Weder gab es vor 20 Jahren eine öffentliche „Begeisterung“ bezĂŒglich einer Liberalisierung der Sexarbeit. Begeisterung – was ist das ĂŒberhaupt fĂŒr eine meinungsmacherische, weil emotionalisierende Wortwahl? Noch gab es eine meinungskonforme MajoritĂ€t. Der Weg bis hin zu jenem kleinen TĂŒpfelchen Liberalisierung in Form des ProstG von 2002 war steinig und schwer. Die allgemeine Voreingenommenheit gegenĂŒber der Sexarbeit, war nicht anders als die heutige.

Auch gab/gibt es jenen „politischen Trend“, gegen den sich Costabel zu stellen wagte, nicht. Ginge es nach der Mehrheit der Christdemokraten und anderer konservativer Strömungen, wĂ€re Sexarbeit damals wie heute deutlich strenger reglementiert, wenn nicht gar verboten. Was es in den letzten 20 Jahren vielleicht gab, ist ein allgemein offenerer und freierer Umgang mit dem Thema SexualitĂ€t. Eine Liberalisierung und Entkriminalisierung der facettenreichen Sexarbeit nur wĂŒnschenswert. Dazu gehört auch eine sehr deutliche Unterscheidung zum Menschenhandel.

Und Bordelle als lukrative Unternehmen? Ja und nein. Wie in jedem anderen Wirtschaftszweig gibt es das, gab es schon immer. Aber auch genau das Gegenteil, LusthĂ€user, die am Rande der Existenz stehen, sind keine Seltenheit. Das von der Jury behauptete „Wissen“ um den finanziellen Wandel der Bordelle ist also Schwachsinn. Genauso die MĂ€r vom öffentlich hochgeachteten „Wellness-Manager“. Dass sich Bordellbetreiber in Talkshows nicht selten diversen Anfeindungen und eben jenen Verurteilungen als ZuhĂ€lter ausgesetzt sehen, wird hier mal komplett gelĂ€ugnet.

Fazit: die BegrĂŒndung der Jury mutet an, als könnte sie von „Sisters“ selbst verfasst sein. Hier wird ganz unverhohlen das klassische Bild von David (Sabine Constable) gegen Goliath (politische Mehrheit, Rotlicht-Lobby
) gezeichnet, dass es nur so kracht. Schutzherrin der Schwachen gegen deren Peiniger. Gut gegen Böse. Na dann herzlichen GlĂŒckwunsch Frau Sankt Constable.

Vom Epos zur Lyrik

Und wie man in Schorndorf das epische Bild von Constabel als Schutzheilige, als weiblichen David zeichnet. So taucht „Sisters“ neuerdings auch in der Dichtkunst auf. Wie sollte es auch anders sein im Land der Dichter und Denker? Jenes „literarische Meisterwerk“ taucht jedoch auf der eigenen Facebook-Seite auf. Verfasst einem Fan?, dem Rostocker/IngolstĂ€dter Autoren Fred Hallmann.

Hier mal die ersten drei Strophen:

Die Sisters wissen’s seit langem schon:
es ist ein großes Elend, die Prostitution.
TÀglich in den Körper rein und raus
fĂŒr die Frauen ist’s kein Freudenhaus.

Prostitution macht diese Frauen krank!
Doch die Sisters ziehen an einem Strang
geben sich nach außen so bescheiden
und helfen vielen Frauen aus ihrem Leiden.

Gegen EntwĂŒrdigung im Bordell
setzen sie das nordische Modell
am liebsten wollen sie reden
ĂŒber Freierbestrafung in Schweden.

vier weitere folgen (siehe dazu: https://www.facebook.com/pg/sistersverein/reviews/ ) 



 und wieder zurĂŒck zur Prosa

Jenes dilettantische, in simpelstem Paarreim verfasste Gedicht strotzt nur vor Klieschees und Stereotypen. Und das von einem studierten Soziologen. Aber komm, mit literarisch verwursteten Klieschees und Stereotypen kennt sich der Hallmann ja aus, immerhin hat er ja letztes Jahr ein Buch herausgebracht. Einen (autobiografischen?) Liebesroman mit dem schmalzigen Titel â€žEine Blume fĂŒr Christine“. Ja besser hĂ€tte dieses „Pretty Woman fĂŒr Arme“, diese Geschichte vom verliebten Freier der Retter sein will auch eine Rosamunde Pilcher nicht schreiben können. Der Hammer unter all dem schwurbeligen gelaber sind die Dialoge und die „Innere Stimme“ des Protagonisten Sven. WeichgespĂŒlt, kindlich naiv, gefĂŒhlsduselig und 
 einfach nur Ă€tzend. Bitte wer glaubt denn solchen GesprĂ€chen? Da fragt jener Sven nach dem Sex mit Christine – er wird inzwischen von Gewissensbissen geplagt – ob die rumĂ€nische Prostituierte ihren Job freiwillig mache. NatĂŒrlich erhĂ€lt er völlig freimĂŒtig Antwort.

Auszug aus dem folgenden GesprÀch:

„Ich hatte bisher nur schlechte Typen hier. Nur du
 du bist so anders, das ĂŒberrascht mich.“ Ihr letzter Satz berĂŒhrte mich sehr. „Es ist doch kein richtiges Leben, jeden Tag mit Kerlen zu verbringen, die einen behandeln wie ein StĂŒck Dreck“, „Ich dachte immer, dass auch viele GeschĂ€ftsmĂ€nner mit Niveau kommen, die Wert auf Sinnlichkeit und ge-pflegtes Äußeres legen und Respekt zeigen. Und dass du gutes Geld machst mit so einem Job und dass es nur jemand macht, der auch ein bisschen Spaß daran hat. Aber wenn das nicht der Fall ist
 Christine, es tut mir sehr leid. Es tut mir wirklich leid, dass du in so einer schlechten Situation bist.[
]“

Äh ja, Sven aka Fred ist anders und als einziger Freier der Welt von moralischem und wertschĂ€tzendem Wesen. Janee is klar. Genauso albern geht es in dem Buch dann auch weiter. Wie gesagt, der Autor kennt sich aus mit Klieschees und Stereotypen.

Da ist es nicht verwunderlich dass sich Hallann und Sisters gefunden haben


„Prostitution – die unzensierte Wahrheit“ 
 gibt’s beim Verein „Sisters“

Wieder zurĂŒck zur Wahrheit. Diese offenbarende Erkenntnis aller einhergehenden ZusammenhĂ€nge hat halt man bei den „Sisters“. Und auch beim MĂŒnchener „Kommunikationszentrum fĂŒr Frauen zur Arbeits- und Lebenssituation e.V.“ (Kofra). Da wird am 16. MĂ€rz ein Vortrag mit dem Titel „Prostitution – die unzensierte Wahrheit“ gehalten. Wo und von wem es in Deutschland jetzt beim Thema Sexarbeit Zensur gibt, wer weiß. Aber sicherlich wird es uns die Referentin, die rennomierte Forscherin Dr. Melissa Farley erklĂ€ren
 Oder doch nicht! Denn die als „Autorin mehrerer Werke zu Prostitution sowie Leiterin internationaler Studien zu „Freiern“.“ angekĂŒndigte Doktorin steht alles andere als fĂŒr objektive, reprĂ€sentative und meinungsfreie Studien.

Immerhin ist sie die Autorin der bei viel zitierten und selten kritisch betrachteten, weil stĂŒmperhaften Studie „Prostitution and Trafficking in Nine Countries: An Update on Violence and Posttraumatic Stress Disorde”. Darin wird u.a. behauptet, dass ĂŒberdurchschnittlich viele Prostituierte als Kind misshandelt wurden. Dazu befragt wurden in Deutschland allerdings nur 54 Hamburger Prostituierte, die sich zu diesem Zeitpunkt in einer Einrichtung fĂŒr DrogenabhĂ€ngige bzw. in einem Aussteiger-Programm mit beruflicher Rehabilitation befanden.

Mithu Sanyal schrieb in ihrer Kolummne auf taz.de unter dem Titel „Falsche Fakten ĂŒber Prostitution“ folgendes zum Thema Farley:

„Sobald man anfĂ€ngt, zu der unauflöslichen Verbindung von Sexarbeit und Trauma zu forschen, fĂŒhren alle Publikationen zu einer einzigen Quelle, nĂ€mlich Melissa Farleys Buch „Prostitution, Trafficking and Traumatic Stress“ von 2003, das in Fachkreisen inzwischen nicht nur umstritten, sondern schlicht widerlegt ist.“

Neben Farley werden an besagtem Abend auch die beiden „Prostitutions-Überlebende“ Sandra Norak (von SISTERS e.V.) und Marie Merklinger (BĂŒndnis Stop Sexkauf/SPACE-International) sein. Was bitte sind Prostitutions-Überlebende? Mir schwant ob dieser bildreichen, emotionalisierenden Wortschöpfung Schlimmes. Ich frage mich gerade was denn das Gegenteil von Prostitutions-Überlebende sein soll?

Und noch eine wird an der Diskussion teilnehmen: die Fachtherapeutin fĂŒr Psychotraumatologie Dr. Ingeborg Kraus. Die Therapeutin, die wissen will, dass der „Beruf der Prostituierten mit dem von Soldaten, ihre traumatischen Erfahrungen mit denen von Folteropfern“ gleichgestellt ist, hatte Doña Carmen bereits 2017

So konstatierte Doña Carmen:

„Kraus ist mit keinen eigenen Forschungsarbeiten zu Prostitution hervorgetreten. [
] FĂŒr Deutschland gibt es diesbezĂŒglich nur eine einzige Studie zum Zusammenhang von ProstitutionsausĂŒbung und Traumatisierung, auf die sich Kraus dann auch bezieht. Es handelt sich dabei um die im Jahre 2001 unter dem Titel „Die PrĂ€valenz traumatischer Erfahrungen, Posttraumatischer Belastungsstörungen und Dissoziation bei Prostituierten“ veröffentlichte „explorative Studie“ der Hamburger Psychologin Sybille Zumbeck. [
] Diese These darf sie nun auch in der ZDF-Doku zum Besten geben, ohne dass auch nur im Ansatz dargestellt wird, welche bescheidene Reichweite und zweifelhafte QualitĂ€t die Aussagen der Zumbeck-Studie eigentlich haben.[
]

Ingeborg Kraus und mit ihr das ZDF verschweigen all diese ZusammenhĂ€nge komplett. Stattdessen werden die problematischen Ergebnisse der Zumbeck-Studie – wider besseres Wissen – unzulĂ€ssig und bedenkenlos auf die gesamte Prostitution ĂŒbertragen. Das ist nichts anderes als pseudowissenschaftliche Scharlatanerie.[
]

Das ganze mĂŒndet dann in den methodisch unzulĂ€ssigen Vergleich zwischen Kriegsopfern und Sexarbeiter/innen, dessen GrĂ¶ĂŸenverhĂ€ltnisse an den Haaren herbeigezogen und ohne jegliche wissenschaftlich substanzielle Aussage sind.“

Und auch Mithu Sanyal (selber Beitrag wie beim Zitat zu Farley) schrieb im Januar kritische Zeilen ĂŒber Ingeborg Kraus‘ Verlautbarungen und bezeichnete diese als „Quatsch“. Bei der Bundeswehr, genauer bei dessen Psychotraumazentrum, angefragt gab man sich gegenĂŒber der taz empört anlĂ€sslich der unsensiblen Äußerungen der Psychotraumatologin (als auch der damaligen Entscheidung des ZDF, Kraus als einzige Expertise heranzuziehen).

Jaja, bei Sisters & Friends hat man es schon faustdick hinter den Ohren. Und diese geballte Kompetenz: eine Schutzheilige, ein gutbĂŒrgerlicher Held und Retter, eine HĂŒterin der Wahrheit, eine TraumtĂ€nzerin. Beeindruckend! Oder doch erschreckend?!

So schließen wir ab, wie wir anfingen: StĂ€ndige Wiederholung ist kein Beweis fĂŒr Wahrheit!

rmv

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