„Emma“ und die D√§monisierung der Prostitution

29. Oktober 2013

Wie das Frauenmagazin mit Desinformation √ľber 200 Prominente f√ľr sich vereinnahmt

Klappe die ***te k√∂nnte es hei√üen, w√§re das prestigetr√§chtige Aufbegehren der Emma-Redaktion gegen das Rotlichtgewerbe eine Filmproduktion. Leider nur wird trotz stets neuer Aufnahme der Film nicht besser. Eher gef√§hrlicher! Verst√∂√üt die Emma-Redaktion doch bei ihrem aktuellen Aufruf zu einer Gesetzes√§nderung des ProstG gegen den allgemeinen medienrechtlichen Grundsatz zur publizistischen Sorgfaltspflicht. Die „Emma“ um Herausgeberin Alice Schwarzer ist so in ihrem Kampf gegen Prostitution verstrickt, dass sie daf√ľr gar eine Art L√ľgengeb√§ude erschafft. Erinnern wir uns nur mal an Schwarzers Aussage anl√§sslich der P√§dophilie-Debatte, wonach sie Parallelen zwischen der Forderung der Entkriminalisierung der Prostitution und einer Liberalisierung der P√§dosexualit√§t sehe. Die daraufhin folgende Kritik an Schwarzer, hat sich wohl leider aber nicht in den K√∂pfen festgesetzt.

Im aktuellen „Appell gegen Prostitution“ hat das Feministinnen-Magazin bislang √ľber 200 Prominente Unterzeichner gefunden. F√ľr sich allein betrachtet ist der Kampf gegen Ausbeutung und Menschenhandel zwar mehr als l√∂blich und notwendig. Der Weg, welchen die Emma dabei einschreitet, ist es hingegen nicht – ist er insbesondere gezeichnet von tiefster Sexualfeindlichkeit. Zudem lautet eine formulierte Forderung: „√Ąchtung und, wenn n√∂tig, auch Bestrafung der Freier; also der Frauenk√§ufer, ohne die dieser Menschenmarkt nicht existieren w√ľrde.“ Genauer noch strebe man „Ma√ünahmen, die kurzfristig zur Eind√§mmung und langfristig zur Abschaffung des Systems Prostitution f√ľhren“, an. Mit der f√ľr Freier gebrauchten Bezeichnung „Frauenk√§ufer“ wird jene Sexualfeindlichkeit mindestens noch einmal verdeutlicht. Aber mehr dazu an anderer Stelle.

Das L√ľgengeb√§ude der „Emma“

Wie bekannt bestreitet das Blatt rigoros die Existenz von sich freiwillig Prostituierenden. Das unterstreicht sie nun noch wortw√∂rtlich mit der Gleichsetzung von Sexarbeit und Sklaverei (so auch mit dem Wort „Menschenmarkt). Weiterhin hei√üt es:

„Weltweit sind Frauenhandel und Prostitution, beides untrennbar miteinander verbunden, heute neben dem Waffen- und Drogenhandel das Gesch√§ft mit den h√∂chsten Profitraten (√ľber 1.000 Prozent).“

Genau das ist aber ein Mythos: Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung und Prostitution sind eben nicht untrennbar miteinander verbunden! Was die Emma hier will, ist eine l√ľckenlose Stigmatisierung der Sexarbeiterinnen. Desweiteren verst√∂ren diese angebliche Profitraten von √ľber 1.000 Prozent. Auf welcher statistischen Grundlage fu√üt denn dieser Wert bittesch√∂n? Ich bezeichne das jetzt mal als L√úGE NR.1.

L√úGE NR. 2 und 3 folgen in nur einem einzigen Satz:

„Die Reform des Prostitutionsgesetzes 2002, die angeblich den gesch√§tzt 700.000 Frauen (Mittelwert) in der Prostitution nutzen sollte, tr√§gt die Handschrift der Frauenh√§ndler und ihrer LobbyistInnen.“

700.000 Prostituierte??? Im Blogbeitrag „Wie viele Prostituierte gibt es eigentlich in Deutschland?“ hatte ich ja mal einige Zahlen gegen√ľbergestellt, wonach die weit verbreitete Annahme von 400.000 Frauen als v√∂llig √ľberzogen anzusehen ist. Aber auch Beratungsstellen und der neu gegr√ľndete ‚ÄúBerufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen‚ÄĚ gehen nur noch von etwa der H√§lfte aus. Woher kommt denn nun der „Mittelwert“ von 700.000? Hier wird ganz klar und mit voller Absicht Desinformation betrieben! Dass die Reform des Prostitutionsgesetzes die Handschrift der Frauenh√§ndler und ihrer LobbyistInnen trage, ist genauso abwegig. √Ąhnlich strukturierte Behauptungen kennt man aus Kreisen der Verschw√∂rungstheoretiker. Bei der Emma hat man wohl arge Defizite, kausale Zusammenh√§nge zu erkennen.

L√úGE NR. 4:

„Selbst die Minderheit deutschst√§mmiger Prostituierter, oft schon als Kinder Opfer sexueller Gewalt, landet zu √ľber 90 Prozent in der Altersarmut.“

Schon einmal habe ich versucht, den herumgeisternden, angeblichen Zusammenhang zwischen der Arbeit als SexarbeiterIn und dem Erleiden von sexueller Gewalt in der Kindheit, zu ergr√ľnden (siehe hier). Hintergrund scheint, obwohl nie zitiert, eine US-Amerikanische Studie aus dem Jahr 2003 zu sein, f√ľr die weltweit 854 Prostituierte befragt wurden – in Deutschland waren es nur 54, wobei die Mehrzahl dieser ehemalige Beschaffungsprostituierte (Prostitution um Drogenkonsum zu finanzieren) waren. Da die daher erlangten Erkenntnisse in keinster Weise als repr√§sentativ angesehen werden k√∂nnen, ist eine Ableitung auf das gesamten Gewerbe mehr als fraglich, wenn nicht sogar fahrl√§ssig verleumderisch.

√Ąhnliches gilt f√ľr die Behauptung bez√ľglich der Altersarmut. Da es keine gesicherten Zahlen gibt, wie viele SexdienstleisterInnen in Deutschland arbeiten, kann man ohne Umschweife sagen, dass die angegebenen 90 % rein willk√ľrlich und schlicht erfunden sind.

5. L√úGE:

„Das System Prostitution brutalisiert das Begehren und verletzt die Menschenw√ľrde von M√§nnern und Frauen ‚Äď auch die der sogenannt ‚Äěfreiwilligen‚Äú Prostituierten.“

Im Rotlichtgewerbe gibt es nicht mehr (aber auch nicht weniger) Kriminalit√§t als in anderen Gewerbebereichen auch. Zumindest gibt es f√ľr Gegenteiliges keine evidenten Zahlen. Diese Behauptungen werden nur gerne von einigen politischen Fraktionen, medienaffinen Polizeikommissaren oder eben verkappten Emanzen in die Welt gesetzt – wohl gemerkt: stets ohne beweiskr√§ftige Zahlen. Gern gebrauchte Ausrede: Die Polizei h√§tte nur unzureichende Befugnisse bzw. keine Kontroll- oder Eingriffsm√∂glichkeiten.

Oder was ist mit Prostitution „brutalisiert das Begehren“ gemeint? Noch dazu beansprucht die Emma hier f√ľr sich das alleinige Recht, Menschenw√ľrde zu definieren und zu vergeben. Was ist mit der W√ľrde von Freiern? Denn auch wenn man es nicht haben will …: Freier sind kein einheitlicher Menschenschlag, Freier sind nicht von Grund auf b√∂se, das Wort Freier ist kein Synonym f√ľr Trieb- bzw. Gewaltt√§ter!

Was ist mit der W√ľrde der Prostituierten? Zur Erinnerung: gerade hat sich in K√∂ln der „Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen“ gegr√ľndet. Dieser „verfolgt das Ziel, die Arbeits- und Lebensbedingungen von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern zu verbessern. Er m√∂chte √ľber die unterschiedlichen Aspekte von Prostitution informieren und gegen√ľber Politik, Medien und √Ėffentlichkeit ein realistisches Bild der Sexarbeit vermitteln. Damit will er der Diskriminierung und Kriminalisierung von Menschen in der Sexarbeit entgegen wirken.“

Ich wei√ü nicht, ob sich die Unterzeichner und Emma-Unterst√ľtzer eingehend mit der Thematik auseinander gesetzt haben und welche Meinung diese im Einzelnen vertreten. Jedenfalls bleibt nur zu hoffen, das sie nur ungl√ľcklicherweise der Emma-Propaganda aufgesessen sind.

Einzige sinnvolle Forderung der Petition ist:

„Pr√§vention in Deutschland und in den Herkunftsl√§ndern, sowie Hilfen zum Ausstieg f√ľr Frauen in der Prostitution. Und Schutz vor Abschiebung von Zeuginnen sowie deren Aufenthaltsrecht.“

Nur da sind sie bei der CDU/CSU leider völlig falsch. Denn in der Vergangenheit dazu eingereichte Gesetzesvorschläge der Oppositionsparteien wurden immer gnadenlos abgeschmettert. Und um diese Farce noch zu steigern, erinnern wir uns nur mal an die aktuelle Lage der Dortmunder Beratungsstelle Kober. Hier wird einer effektiven Präventionsarbeit ein Riegel vorgeschoben indem die Stadt einfach den Geldhahn zudreht.

Fazit: W√ľrde Emma einen Film drehen und w√§re sie selbst eine personifizierte Figur darin, dann w√§re Meister Geppetto stolz auf seinen kleinen Jungen. Emma alias Pinocchio, w√§re kaum noch zu unterscheiden von einer richtigen Zeitung – nur, dass die L√ľgennase hier leider nicht von jedermann zu sehen ist.

rmv

Nachtrag (30.10.2013):¬†Heute ist die Liste der Unterzeichner des Emma-Appells (Prominente als auch nicht prominente Pers√∂nlichkeiten) auf rund 800 angestiegen! Und das in nur wenigen Tagen. Vergleicht man dazu die um ein weiteres sinnvollere und seri√∂sere Petition¬†„Frankfurter Erkl√§rung: Rechte und Respekt f√ľr Sexarbeiter/innen!“¬†– diese l√§uft bereits seit Mai dieses Jahres – dann stellt sich totale Ern√ľchterung ein. Dem Aufruf von Do√Īa Carmen e.V. sind bisher nur 1098 Personen gefolgt (dieser endet bereits in 25 Tagen) – ben√∂tigt werden hier allerdings mindestens 10.000 Stimmen. Traurig ist es immer wieder, wie viele Menschen (ja, auch deren intellektuelle Vertreter) doch allzu leicht billigem Populismus und Tendenzjournalismus (Emma) aufsitzen.

Zum lesen: „Appell F√úR Prostitution“ -ver√∂ffentlicht vom „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen“!

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