„Emma“ zieht in Schwedische Botschaft ein

17. März 2014

In Berlin traf man sich am Freitag zum Thema „Prostitution. Der Schwedische Weg“

Am vergangenen Freitag luden die „Emma“ und die Schwedische Botschaft in Berlin zu einer angeblichen Fachtagung ein. Thema des Vormittages war „Prostitution. Der Schwedische Weg“. Der schwedische Umgang mit Prostitution wird ja vielerorts und in populistischen Berichterstattungen stets als DER einzig wahre Weg mit Prostitution umzugehen angesehen. So beschloss leider auch das Europäische Parlament vor zwei Wochen eine Resolution, mit welcher ganz nach dem Abolitionsprinzip Sexarbeit letztendlich verboten und kriminalisiert werden soll.

Laut AnkĂĽndigung der Schwedischen Botschaft sollten am Freitagmorgen „erfahrene schwedische Experten aus den Bereichen Justiz, Polizei und Sozialarbeit ĂĽber ihre Erfahrungen berichten und zusammen mit deutschen Experten diskutieren“.

Die Redner waren die Justizkanzlerin Anna Skarhed (Initiatorin des schwedischen Modells), die Kommissare Jonas Trolle (Schweden) und Uwe Dörnhöfer (Deutschland), die StaatsanwältInnen Thomas Ahlstrand (S) und Kerstin Lotz (D), die Sozialarbeiterinnen Lisa Green (S) und Sabine Constabel (D). Die Moderation ĂĽbernahm Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar (D), der als einer der Ersten die letztjährige Emma-Petition unterzeichnete. Die EMMA-Redakteurin Chantal Louis und der Schwedische Botschafter Staffan Carlsson traten als Gastgeber auf.

Schon anhand dieser Gästeliste wurde eines deutlich: Kritische Stimmen, also BefĂĽhrworter eines liberalen Prostitutionsgesetzes wie Sexarbeiterinnen oder Vertreter/innen von Hurenverbänden, waren weder eingeladen, noch sollten sie in jener Runde zu Wort kommen. So bemerkt auch der Tagesspiegel auf seinem Onlineportal:

„Kritische Stimmen, und das ist das groĂźe Manko dieser Veranstaltung, gibt es nicht. […] Schade. Wenn die Verfechter des schwedischen Weges von seiner Richtigkeit so ĂĽberzeugt sind, hätten sie doch locker den Gegenargumenten der Kritiker standhalten können. Sind sie sich also selber noch nicht ganz sicher? Dann wäre es umso fruchtbarer gewesen, sich auch die Gegenseite anzuhören.“

Auch seien keinerlei belastbare Zahlen, pro oder kontra schwedisches Gesetz, geliefert worden. Weder sei zwischen freiwilliger, erzwungener und Armutsprostitution unterschieden worden. Noch habe man versucht die ungelösten Fragen zum Thema aufzuarbeiten.

Was mich auch hier wieder enorm verstört ist, dass so ein intelligenter, investigativer und humanistisch gebildeter Journalist wie Ranga Yogeshwar, sich auf solche eingleisigen und ungenĂĽgenden Argumentationsstränge begibt. Dass er die Emma-Petition unterschrieb, war mir schon ein Rätsel. Aber auch er kann ja mal einen Fehler machen. Dass jene Petition teilweise mit unwahren und propagandistischen Behauptungen daherkam, sollte mittlerweile aber eigentlich bekannt sein. Auch Alice Schwarzer selbst wurde in diesem Bezug (Diffamationen in ihrem Buch) vom Frankfurter Landgericht abgemahnt.

Warum Herr Yogeshwar aber nun die Moderation einer solchen einseitig durchgeführten Veranstaltung übernahm, kann ich mir nicht erklären. Das enttäuscht. Wo war sein Sachverstand, sein Hang zum kritischen Denken?

Wenn eine Lisa Green als Argument fĂĽr ein Prostitutionsverbot sowas hervorbringt, wie:

„FĂĽr die vielen ausländischen Zwangs- und Armutsprostituierten wĂĽrde der Ausstieg Hunger und Elend bedeuten. Ich habe noch keine einzige glĂĽckliche Hure gesehen“,

dann muss einem doch das Paradoxe daran förmlich ins Gesicht springen. Wenn Ein Ausstieg Hunger und Elend zur Konsequenz hat, warum verteidigt man dann die Wahnidee einer Abschaffung von Sexarbeit. Würde dann nicht genau jenes Schreckensszenario eintreten? Die Logik dahinter verstehe ich nicht? Natürlich ist Armutsprostitution nichts löbliches, aber wie kann die Kriminalisierung jener letzten Überlebensgrundlage moralisch zu vertreten sein?

Gleiches gilt fĂĽr jegliche Sexarbeiterinnen, ob nun Deutsche, EU-BĂĽrger oder Personen anderer Nationalität. AuĂźerdem: Deutschland hat eine Arbeitslosenquote von 7,3 Prozent (Februar 2014) – Erwerbslose und durch die Statistik fallende Personen sowie Geringverdiener etc. nicht mit eingerechnet. Entzieht man nun allen Personen, die sich durch einen Job im Rotlichtmilieu finanzieren oder ihr Gehalt durch Gelegenheitsarbeit aufstocken, diese Verdienstmöglichkeit, dann wĂĽrde ich mal gerne wissen, in welche Stellen die Damen und Herren dann vermittelt werden sollen? Woher sollen dann diese zigtausend neuen Arbeitsverhältnisse kommen?

Vielleicht gibt es demnächst mal ein paar Mitschnitte oder Aufzeichnungen zur Veranstaltung im Netz. Wäre jedenfalls zu befürworten. So oder so, eine Illegalisierung von Prostitution oder auch eine Kriminalisierung von Freiern und/oder Sexarbeiter/innen ist definitiv der falsche Weg.

rmv

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