FundstĂĽck im Netz: Das perfekte Bordell in der „Republik“

Schweizer Onlinemagazin zeichnet beeindruckendes Modell

Prostituierten ergeht es in der Schweiz ganz ähnlich wie in der Bundesrepublik. Einerseits ist Sexarbeit legal (dort bereits seit 1942. Andererseits fehlt die gesellschaftliche Anerkennung, von seiten der Öffentlichkeit wird den männlichen, weiblichen und intersexuellen Sexworkern ein permanentes Stigma angeheftet, Gleichbehandlung gibt es nur per Lippenbekenntnis. Sexarbeiter_innen selbst werden entweder als Opfer oder bewusst negativ konnotiert als Nutten angesehen.

In der medialen Berichterstattung geht es dann allzu häufig um die Schattenseiten eines Milieus, das eigentlich gar kein homogenes und erst recht kein eigenständiges Milieu ist. Schattenseiten, die man oftmals mehr aus Gewohnheit, denn aus empirischer Erkenntnis im Dunstkreis jenes „Prostitutionsgewerbes“ verortet, angeblich mehr als anderswo. Seien es Drogen, Gewalt, Nötigung, Steuerhinterziehung, Menschenhandel -die Liste ist lang. Begleitet wird all dies liebend gern von der Verbreitung ominöser Dunkelziffern. Und als Topping: da kommen dann immer wieder ausgewiesene Verachter von Sexarbeit, christlich Ultrakonservative und ausgewählte Austeigerinnen zu Wort.

Die Folge: unterschwelliges Fortführen von Stigmatisierungen, Verbreitung von Halbwahrheiten, aufwärmen von nachgewiesen falschen oder unrepräsentativen Studienergebnissen, Meinungsmache, Framing. Hauptsache Schlagzeilen.

Eine objektive Auseinandersetzung ohne moralische Vorverurteilung oder „werte“orientierte Verunsachlichung wagen nur einzelne Medienhäuser im deutssprachigen Raum.

Das perfekte Bordell

„Es ist höchste Zeit fĂĽr einen neuen Umgang mit der Prostitution.“

Höchste Zeit, so fordert es das preisgekrönte Schweizer Onlinemagazin „Republik“. Spezialisiert auf die Theman Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur versteht sich das werbefreie und leserfinanzierte Format als „Rebellion gegen die Medienkonzerne, fĂĽr die Medienvielfalt“. Nun also rebelliert man in ZĂĽrich auch gegen die Verachtung der an den Gesellschaftsrand gedrängten Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen. Chapeau!

Es ist ein klares und humanistisches Statement fĂĽr die Menschen in der Sexarbeit, das die Autorin Brigitte HĂĽrlimann schaft. Denn HĂĽrlimann weiĂź:

„Die Prostituierten werden bei uns an den Rand gedrängt. An den Rand der Gesellschaft und der Städte, auf Brachen und in Industriezonen, hinter Sichtschutzwände verbannt. Wir wollen sie nicht sehen, nichts von ihnen wissen, nicht mit ihnen ins Gespräch kommen. Wir stempeln sie entweder als Opfer oder als Störenfriede ab – sie sind alles, nur nicht gleichwertige Bewohnerinnen dieses Landes. Wir schnĂĽren ihnen in einem Korsett aus Regeln und Auflagen die Luft ab, muten ihnen ein Wirrwarr an Wider­sprĂĽchlichkeiten zu. Wir lassen sie in der Schmuddelecke stehen.“

Und sie wagt ein mutiges Gedankenexperiment. Zusammen mit QuickHoney und Anna Traussnig skizziert, nein koloriert sie eine Vorstellung vom perfekten Bordell (zwar fĂĽr die Schweiz, aber genauso fĂĽr Deutschland anwendbar). Ăśbrigens nicht ohne vorab auch mit Sexdienstleisterinnen zu sprechen.

Auf jeden Fall ist HĂĽrlimann genau die richtige fĂĽr das Thema. Bereits vor 20 Jahren schrieb sie ihre Dissertation zum Thema rechtlicher Umgang mit Prostitution in der Schweiz.

Aber wie sieht es nun aus, jenes Bordell, das sowohl Prostituierte als auch Freier (egal welchen Geschlechts) präferieren würden? Die Antwort ist so schwer wie lang. Verkürzt:

Es ist ein mehrstöckiger, selbstverwalteter, nicht gewinnorientierter Genossenschaftspuff in welchem die unterschiedlichsten Sexarbeiterinnen (Selbständig oder im Angestelltenverhältnis) tätig sein können. Gelegen ist es am Stadtrand oder in den Bergen, nein besser doch mitten in der Stadt, also in der Wohnzone. Integriert sind sogar Räumlichkeiten für die Aus- und Weiterbildung, Teamsitzungen, Supervisionen und Beratung. Zudem auch unerlässlich ist eine stetige Kooperation mit den Behörden und der Polizei; incl. Wegfall willkürlicher Razzien.

StraĂźenprostitution ist ĂĽbrigens wieder auf dem gesamten Stadtgebiet zugelassen.

Die lange Version findet ihr hier: https://www.republik.ch/2020/01/17/das-perfekte-bordell

HĂĽrlimanns Fazit:

„Visionen fĂĽr einen neuen Umgang mit der Sex­arbeit auszuhecken, steht bei den Politikern eindeutig nicht zuoberst auf der Agenda. Ganz anders sieht es bei den Prostituierten aus: Ihre Augen beginnen zu leuchten, und sie sprudeln vor Ideen, wenn sie ideale Arbeits­bedingungen skizzieren dĂĽrfen. Sie werden selten danach gefragt.“

Podcast «Aus der Redaktion»

Im Zusammenhang mit HĂĽrlimanns Artikel wurde auch ein Interview produziert: „Im Republik-Studio spricht Bettina Hamilton-Irvine mit Brigitte HĂĽrlimann ĂĽber den Hintergrund der Geschichte: ihren eigenen Bezug zum Thema, ihre Motivation – und darĂĽber, wie sie Sexarbeiterinnen gefunden hat, die von ihren eigenen WĂĽnschen erzählt haben.

«Sexarbeiterinnen sind Menschen wie du und ich. Und die Freier sind unsere Brüder, Onkel, Arbeitskollegen, Partner. Es stört mich, dass wir Sexarbeiterinnen, aber auch Freier, an den Rand der Gesellschaft drängen»

Zum 23-minĂĽtigen Podcast „Aus der Redaktion“ geht es hier lang: https://www.republik.ch/2020/01/17/podcast-warum-wir-das-perfekte-bordell-entworfen-haben

Veranstaltungshinweis – „Unser Job – Sexarbeit“

Am 17. Februar 2020 moderiert Brigitte Hürlimann eine Posiumsdiskussion im Zürcher «Kosmos», an der drei Sexarbeiterinnen von ihrem anspruchsvollen Beruf, dem die gesellschaftliche Anerkennung fehlt, erzählen.

„Unser Job – Sexarbeit“

Podiumsdiskussion im «Kosmos»

Montag, 17. Februar 2020, 20 Uhr

Lagerstrasse 102, 8004 ZĂĽrich

Der Eintritt ist frei

Weitere Infos: https://kosmos.ch/programm/einzelansicht/detail/130965

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