Gewalt gegen Prostituierte heute und damals

Verlautbarungen gibt es viele, Studien nur wenige

Im vorherigen Beitrag „Tacheles – viel gewollt aber wenig gekonnt“ habe ich angemerkt, dass Herr Prof. Dr. Christian Pfeiffer es nicht fĂĽr nötig hielt, genaue Zahlen bzw. deren Herkunft zu nennen. So verlautbarte er ohne jedwede Quellenangabe lakonisch, eine Studie aus den 90er Jahren hätte ergeben, dass rund 50 Prozent der Berliner Prostituierten in ihrer Kindheit misshandelt wurden. Eine modernere Studie habe sogar ergeben, die Anzahl der Sexarbeiterinnen, auf die frĂĽhkindlicher Missbrauch zutreffe, läge bei ĂĽber 80 Prozent.

Im Anschluss ist es immer fĂĽr jene, die kritisch hinterfragen, schwer nachzuvollziehen, woher die Zahlen stammen. Ebenso ob die Zahlen richtig, geschweige denn existent sind, ob sie nicht vielleicht auch aus dem Zusammenhang gerissen oder umgedeutet wurden…

Ein paar mühselige Recherchen später hat sich für mich jedenfalls folgendes ergeben:

Die „Studie aus den 90ern“ ist zu einer gewissen Wahrscheinlichkeit (nur die Prozentangabe von 80 stimmt nicht ĂĽberein) der Abschlussbericht im Auftrag des Landes Berlin, von Bate Leopold und Elfriede Steffan mit der Bezeichnung „EVA-Projekt. Evaluierung unterstĂĽtzender MaĂźnahmen beim Ausstieg aus der Prostitution.“

Das Eva-Projekt

Die Eva-Studie, für die bundesweit 260 Frauen im Alter zwischen 18 und 71 Jahren mit Fragebögen und in 41 qualitativen Interviews befragt wurden, kommt tatsächlich zu dem von Prof. Dr. Pfeiffer hervorgehobenen Schluss. Nach Leopold und Steffan gaben 50 Prozent der Befragten an, bis zum 18. Lebensjahr Opfer einer oder mehrerer sexueller Gewalttaten durch inner- und/oder außerfamiliäre Täter/innen geworden zu sein. U.a. wurde in jenem Fragebogen zwischen sechs verschiedenen, genau bezeichneten sexuelle Übergriffe/Gewalttaten unterschieden. Insgesamt hatten mehr als die Hälfte der 260 Frauen in ihrer Kindheit oder Jugend sexuelle und/oder körperliche Gewalt erlebt.

Weiterhin gaben 54 Prozent der befragten Frauen an, im Laufe ihrer Prostitutionstätigkeit ein- bis mehrmals Opfer physischer und/oder sexualisierter Gewalt durch Freier, zuhälterische Partner, Zuhälter und/oder Betreiber eines Etablissements geworden zu sein. 35 Prozent der Befragten wurden im Rahmen ihrer Tätigkeit mindestens einmal sexuell genötigt oder vergewaltigt.

Weitere Erkenntnisse sind dĂĽrftig

Nicht nur ist es bei jeglichen Erhebungen zum Thema Missbrauch und Misshandlungen schwer zu ergründen, worin die Ursachen liegen. Auch sind die Zusammenhänge schwerlich erkennbar. Voreilige Schlüsse daher unprofessionell. Ergebnisse/Erkenntnisse müssen also reproduzierbar sein. Beim Thema Prostitution und Gewalt ist es kaum möglich, da es dafür zu wenig Erhebungen gibt. Und die wenigen Studien, stimmen dann meist nicht bezüglich der jeweiligen Parameter überein. So macht es schon einen Unterschied, ob ich hundert Prostituierte vom Straßenstrich, einhundert Aussteigerinnen oder 100 Beschaffungsprostituierte befrage. Daneben spielt es eine Rolle, in welchem Land und zu welcher Rechtslage ich die Studie durchführe, bedeutend ist also die Frage: ist der ideologische bzw. gesetzliche Umgang mit der Sexarbeit nach Prinzip des Reglementarismus, des Abolitionismus oder des Prohibitionismus geregelt? Schon allein, ob eine Studie etwas beweisen oder aber widerlegen will, also wie die vorab aufgestellte Hypothese aussieht, kann einen Unterschied auf das Ergebnis erwirken.

So kann auch die Studie „Prostitution and Trafficking in Nine Countries: An Update on Violence and Posttraumatic Stress Disorde” von Melissa Farley und Co. aus dem Jahr 2002 keine allgemein gĂĽltigen Erkenntnisse beitragen. Nicht nur ist sie ob der wenigen Befragten unrepräsentativ, auch bezĂĽglich der Auswahl der Sexarbeiterinnen darf fehlende Neutralität seitens der Autoren vermutet werden. So standen fĂĽr die Sexarbeiterinnen in Deutschland lediglich 54 Frauen aus Hamburg Pate. Diese befanden sich alle entweder in einer Einrichtung fĂĽr Drogenabhängige oder in einem Programm, welches eine beruflichen Rehabilitation fĂĽr Aussteigerinnen anbietet.

Wie ich im Tacheles-Beitrag vermutete, kann sich Prof. Dr. Pfeiffer in seinem zweiten Satz also nicht auf diese Studie bezogen haben, da sie nicht auf ein Ergebnis von 80 Prozent Missbrauchsopfer kommt – auf jeden Fall nicht in Deutschland. Von welcher Erhebung sprach er dann? Auf jeden Fall auch nicht von folgenden beiden:

Marwitz, Hörnle und Luber: 95 % wurden sexuell missbraucht

Die von Marwitz, Hörnle und Luber veröffentlichte Schrift „Prostitution als Bewältigungsform in der Kindheit erlittenen sexuellen MiĂźbrauchs mit seinen Folgen“ stammt nämlich schon aus dem Jahr 1990. Ihr Ergebnis wĂĽrde zwar Pfeiffers ĂĽber 80 % untermauern, kommt aber eben nicht aus den 2000ern. So ermittelte die Studie an ausstiegswilligen Prostituierten (aus Berlin-Schöneberg), dass von jenen 95 Prozent in ihrer Kindheit einen sexuellen MiĂźbrauch erfahren hatten. Hier liegt aber der Hase genauso im Pfeffer wie bei „Prostitution and Trafficking in Nine Countries“. Die Autoren befragten a) nur ausstiegswillige Prostituierte und b) auch hier lediglich nur 53 Frauen.

Widom und Kuhns: frühkindlicher Missbrauch erhöht das Risiko für einen Weg in die Prostitution

Eine weitere Studie wurde von Cathy Spatz Widom und Joseph B. Kuhns veröffentlicht. Allerdings auch im letzten Jahrtausend, genauer 1996, und auch nicht in Deutschland, sondern in den USA. „Childhood victimization and subsequent risk for promiscuity, prostitution, and teenage pregnancy: a prospective study“ wurde in der Novemberausgabe des „American Journal of Public Health“ publiziert. Zudem war die Grundlage dieser Langzeitstudie nicht, Prostituierte zu befragen, sondern ganz allgemein misshandelte bzw. missbrauchte Probanden.

Zwischen 1967 und 1971 wurden 1.579 Kinder interviewt. Eine Gruppe bestand aus Missbrauchsopfern (exakter aus Opfern von Misshandlungen, sexuellem Missbrauch und Vernachlässigung), die andere war eine Kontrollgruppe. 1989 bis 1995, also 20 Jahre später startete man den zweiten Durchlauf mit denselben Menschen. Von den ehemals 1579 Befragten konnten „nur“ noch 1196 Personen herangezogen werden. 676 gehörten zur „Opfer“-Gruppe, 520 zur Kontrollgruppe. Jede Gruppe bestand je zur Hälfte aus Männern und aus Frauen.

Eine wichtige Erkenntnis von Widom und Kuhns war, dass aus der „Opfer“-Gruppe insgesamt 10,73 Prozent (Frauen 8,93 % und Männer 12,54 %) später in der Prostitution gelandet sind. Bei der Kontrollgruppe lag der Prozentsatz bei knapp der Hälfte, nämlich bei 5,6 Prozent (Frauen 2,87 %, Männer 8,03 %). In der Kindheit sexuell missbraucht wurden 96 der Befragten – von diesen verdingten sich später 9,38 Prozent (Frauen 10,53 %, Männer 5 %) in der Prostitution.

Fazit von Widom und Kuhns (frei ĂĽbersetzt und zusammengefasst):

Trotz der weit verbreiteten Überzeugung, dass Personen, die in Ihrer Kindheit Opfer von Gewalt wurden, mit höherer Wahrscheinlichkeit promiskuitiv leben, in der Prostitution landen oder schon im Teenageralter schwanger werden, haben die Ergebnisse gezeigt, dass dies jedoch kein signifikanter Risikofaktor für Promiskuität oder Teenager-Schwangerschaft sind. Auf der anderen Seite war das Risiko zur Prostitution erhöht, allerdings galt das nur für die weiblichen Probanden. Diese Ergebnisse bestärken die Erkenntnisse in früherer Literatur, wonach frühkindlicher Missbrauch und Vernachlässigung das Risiko erhöhen, später in der Prostitution zu landen.

FrĂĽhere Literatur

Zum Punkt „Erkenntnisse in frĂĽherer Literatur“ fasste im Jahr 2000 die damalige Doktorandin Sonja C. Huhle in „Sexueller MiĂźbrauch bei opiatabhängigen Frauen- Einstieg, Verlauf und Ăśberwindung der Abhängigkeit.“ zusammen (ein Ausschnitt):

„Dieser Zusammenhang zwischen sexuellem MiĂźbrauch während der Kindheit bzw. Jugendentwicklung und Prostitution ist schon seit längerem bekannt. So fand schon FlĂĽgel im Jahre 1921(!) einen Prozentsatz von 51% Inzestopfern unter Prostituierten (FlĂĽgel, 1921). Weiner stellte 1964 fest, daĂź sich Mädchen, die im Laufe der Adoleszenz einem Inzest ausgesetzt waren, nach Beendigung desselben häufig prostituieren (Weiner, 1964). Dies konnte durch Ferracuti bestätigt werden (Ferracuti, 1972). Auch er konnte gehäuft sexuell promiskuitives Verhalten nach Beendigung einer inzestuösen Beziehung nachweisen. In einer Studie von James und Meyerding (1977) konnten die Untersucher bei 46 % der befragten Prostituierten sexuelle Ăśbergriffe in der Kindheit feststellen, die von Männern verĂĽbt wurden, die mehr als 10 Jahre älter waren. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen auch Silbert und Pines; in ihrer Untersuchung betrug der Anteil der Prostituierten, die einen sexuellen MiĂźbrauch in der Kindheit erfahren hatten, 60%. Von diesen war etwa

ein Viertel zusätzlich körperlicher Gewalt ausgesetzt (Silbert und Pines, 1981). Finkelhor (1984) wies darauf hin, daĂź das Auftreten von drogenmiĂźbrauch bei einem Teil der ehemals sexuell MiĂźbrauchten mit Prostitution vergesellschaftet ist. Fromuth (1986) und Teegen et al. (1992) betonen als Folgeerscheinung sexuellen MiĂźbrauchs insbesondere sexuelle Probleme, zu denen Blockierungen im sexuellen Erleben und Promiskuität bis hin zur Prostitution gehören, wie auch das Risiko, im Erwachsenenalter erneut Opfer sexueller Ăśbergriffe zu werden. […]“

Nach Widom und Kuhns gelangen also rund doppelt so viele der in der Kindheit sexuell missbrauchten, misshandelten und/oder vernachlässigten Personen (im Vergleich mit den gewaltfrei aufgewachsenen Personen) später in der Prostituition. Allerdings lässt sich hieraus nicht ableiten, wie hoch der prozentuale Anteil der Prostituierten ist, welche in ihrer Kindheit missbraucht wurden. Denn es wird schließlich nicht erkenntlich, wie das Verhältnis zwischen Misshandlungsopfern und der Gesamtbevölkerung ist.

ZurĂĽck zu Herrn Pfeiffer…. Von der US-Studie kann er also auch nicht gesprochen haben. Von welchen Erkenntnissen spricht er dann? Keine Ahnung!

Die wenigsten Missbrauchsopfer prostituieren sich

Egle, Hoffmann, Joraschky veröffentlichten 2004 das Buch „Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung“. Darin nahmen sie allerdings auch nur Bezug auf ältere Studien und schreiben:

„Empirisch ist der Zusammenhang von Missbrauch und Prostitution durch Studien belegt, in denen 22 – 95 Prozent der Prostituierten von sexuellem Missbrauch berichteten, die meisten durch den Vater oder eine Vaterfigur. […] Auch wenn diese Studien einen engen Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch und Prostitution belegen, darf nicht ĂĽbersehen werden, dass sich auch Mädchen und Frauen sowie Jungen und Männer prostituieren, die nicht sexuell missbraucht worden sind. Ebenso wenig ist davon auszugehen, dass sich die meisten Missbrauchsopfer prostituieren.“

Ă„hnlich sieht es auch Beatrice Bowald in „Prostitution. Ăśberlegungen aus ethischer Perspektive zu Praxis, Wertung und Politik“:

„Die noch mit einer gewissen Vorsicht formulierten Erkenntnisse bezĂĽglich eines möglichen Zusammenhangs zwischen (sexuellem) Missbrauch als Kind/Jugendliche und einer späteren Prostitutionstätigkeit bzw. Gewalterfahrung in der Prostitution basieren – was aber, um ganz sicher zu gehen, eigens zu ĂĽberprĂĽfen wäre – hauptsächlich auf den Aussagen einheimischer Frauen. Ob sich ein solcher Zusammenhang auch bei Migrantinnen, die mittlerweile die Mehrheit der in der Prostitution tätigen Frauen ausmachen, nachweisen lässt, wäre erst noch zu ermitteln.“

Auf jeden Fall muss sich bewusst gemacht werden, dass es keinen monokausalen Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch und Prostitution gibt. Pauschalisierte oder gar populistische Aussagen a lá „Belegt ist, dass ĂĽberdurchschnittlich viele Prostituierte als Kind unter Misshandlungen und Vernachlässigung gelitten haben.“ (Spiegel 2013) sollten also nie leichtfertig geglaubt werden.

Zum Thema Gewalt gegen Frauen hat die repräsentative Untersuchung „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland.“ des Bundesministeriums fĂĽr Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2003 detaillierte Ergebnisse zutage gebracht. FĂĽr alle die Leute, die Sexarbeiterinnen stets als Paradeopfer von Gewalt und Missbrauch stigmatisieren, sei diese Studie empfohlen. Leider kommen die verschieden motivierten Gewaltarten gegen Frauen eben in fast allen Lebensbereichen vor.

rmv

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