Gewalt gegen Prostituierte heute und damals

6. Februar 2014

Verlautbarungen gibt es viele, Studien nur wenige

Im vorherigen Beitrag „Tacheles – viel gewollt aber wenig gekonnt“ habe ich angemerkt, dass Herr Prof. Dr. Christian Pfeiffer es nicht fĂŒr nötig hielt, genaue Zahlen bzw. deren Herkunft zu nennen. So verlautbarte er ohne jedwede Quellenangabe lakonisch, eine Studie aus den 90er Jahren hĂ€tte ergeben, dass rund 50 Prozent der Berliner Prostituierten in ihrer Kindheit misshandelt wurden. Eine modernere Studie habe sogar ergeben, die Anzahl der Sexarbeiterinnen, auf die frĂŒhkindlicher Missbrauch zutreffe, lĂ€ge bei ĂŒber 80 Prozent.

Im Anschluss ist es immer fĂŒr jene, die kritisch hinterfragen, schwer nachzuvollziehen, woher die Zahlen stammen. Ebenso ob die Zahlen richtig, geschweige denn existent sind, ob sie nicht vielleicht auch aus dem Zusammenhang gerissen oder umgedeutet wurden…

Ein paar mĂŒhselige Recherchen spĂ€ter hat sich fĂŒr mich jedenfalls folgendes ergeben:

Die „Studie aus den 90ern“ ist zu einer gewissen Wahrscheinlichkeit (nur die Prozentangabe von 80 stimmt nicht ĂŒberein) der Abschlussbericht im Auftrag des Landes Berlin, von Bate Leopold und Elfriede Steffan mit der Bezeichnung „EVA-Projekt. Evaluierung unterstĂŒtzender Maßnahmen beim Ausstieg aus der Prostitution.“

Das Eva-Projekt

Die Eva-Studie, fĂŒr die bundesweit 260 Frauen im Alter zwischen 18 und 71 Jahren mit Fragebögen und in 41 qualitativen Interviews befragt wurden, kommt tatsĂ€chlich zu dem von Prof. Dr. Pfeiffer hervorgehobenen Schluss. Nach Leopold und Steffan gaben 50 Prozent der Befragten an, bis zum 18. Lebensjahr Opfer einer oder mehrerer sexueller Gewalttaten durch inner- und/oder außerfamiliĂ€re TĂ€ter/innen geworden zu sein. U.a. wurde in jenem Fragebogen zwischen sechs verschiedenen, genau bezeichneten sexuelle Übergriffe/Gewalttaten unterschieden. Insgesamt hatten mehr als die HĂ€lfte der 260 Frauen in ihrer Kindheit oder Jugend sexuelle und/oder körperliche Gewalt erlebt.

Weiterhin gaben 54 Prozent der befragten Frauen an, im Laufe ihrer ProstitutionstÀtigkeit ein- bis mehrmals Opfer physischer und/oder sexualisierter Gewalt durch Freier, zuhÀlterische Partner, ZuhÀlter und/oder Betreiber eines Etablissements geworden zu sein. 35 Prozent der Befragten wurden im Rahmen ihrer TÀtigkeit mindestens einmal sexuell genötigt oder vergewaltigt.

Weitere Erkenntnisse sind dĂŒrftig

Nicht nur ist es bei jeglichen Erhebungen zum Thema Missbrauch und Misshandlungen schwer zu ergrĂŒnden, worin die Ursachen liegen. Auch sind die ZusammenhĂ€nge schwerlich erkennbar. Voreilige SchlĂŒsse daher unprofessionell. Ergebnisse/Erkenntnisse mĂŒssen also reproduzierbar sein. Beim Thema Prostitution und Gewalt ist es kaum möglich, da es dafĂŒr zu wenig Erhebungen gibt. Und die wenigen Studien, stimmen dann meist nicht bezĂŒglich der jeweiligen Parameter ĂŒberein. So macht es schon einen Unterschied, ob ich hundert Prostituierte vom Straßenstrich, einhundert Aussteigerinnen oder 100 Beschaffungsprostituierte befrage. Daneben spielt es eine Rolle, in welchem Land und zu welcher Rechtslage ich die Studie durchfĂŒhre, bedeutend ist also die Frage: ist der ideologische bzw. gesetzliche Umgang mit der Sexarbeit nach Prinzip des Reglementarismus, des Abolitionismus oder des Prohibitionismus geregelt? Schon allein, ob eine Studie etwas beweisen oder aber widerlegen will, also wie die vorab aufgestellte Hypothese aussieht, kann einen Unterschied auf das Ergebnis erwirken.

So kann auch die Studie „Prostitution and Trafficking in Nine Countries: An Update on Violence and Posttraumatic Stress Disorde” von Melissa Farley und Co. aus dem Jahr 2002 keine allgemein gĂŒltigen Erkenntnisse beitragen. Nicht nur ist sie ob der wenigen Befragten unreprĂ€sentativ, auch bezĂŒglich der Auswahl der Sexarbeiterinnen darf fehlende NeutralitĂ€t seitens der Autoren vermutet werden. So standen fĂŒr die Sexarbeiterinnen in Deutschland lediglich 54 Frauen aus Hamburg Pate. Diese befanden sich alle entweder in einer Einrichtung fĂŒr DrogenabhĂ€ngige oder in einem Programm, welches eine beruflichen Rehabilitation fĂŒr Aussteigerinnen anbietet.

Wie ich im Tacheles-Beitrag vermutete, kann sich Prof. Dr. Pfeiffer in seinem zweiten Satz also nicht auf diese Studie bezogen haben, da sie nicht auf ein Ergebnis von 80 Prozent Missbrauchsopfer kommt – auf jeden Fall nicht in Deutschland. Von welcher Erhebung sprach er dann? Auf jeden Fall auch nicht von folgenden beiden:

Marwitz, Hörnle und Luber: 95 % wurden sexuell missbraucht

Die von Marwitz, Hörnle und Luber veröffentlichte Schrift „Prostitution als BewĂ€ltigungsform in der Kindheit erlittenen sexuellen Mißbrauchs mit seinen Folgen“ stammt nĂ€mlich schon aus dem Jahr 1990. Ihr Ergebnis wĂŒrde zwar Pfeiffers ĂŒber 80 % untermauern, kommt aber eben nicht aus den 2000ern. So ermittelte die Studie an ausstiegswilligen Prostituierten (aus Berlin-Schöneberg), dass von jenen 95 Prozent in ihrer Kindheit einen sexuellen Mißbrauch erfahren hatten. Hier liegt aber der Hase genauso im Pfeffer wie bei „Prostitution and Trafficking in Nine Countries“. Die Autoren befragten a) nur ausstiegswillige Prostituierte und b) auch hier lediglich nur 53 Frauen.

Widom und Kuhns: frĂŒhkindlicher Missbrauch erhöht das Risiko fĂŒr einen Weg in die Prostitution

Eine weitere Studie wurde von Cathy Spatz Widom und Joseph B. Kuhns veröffentlicht. Allerdings auch im letzten Jahrtausend, genauer 1996, und auch nicht in Deutschland, sondern in den USA. „Childhood victimization and subsequent risk for promiscuity, prostitution, and teenage pregnancy: a prospective study“ wurde in der Novemberausgabe des „American Journal of Public Health“ publiziert. Zudem war die Grundlage dieser Langzeitstudie nicht, Prostituierte zu befragen, sondern ganz allgemein misshandelte bzw. missbrauchte Probanden.

Zwischen 1967 und 1971 wurden 1.579 Kinder interviewt. Eine Gruppe bestand aus Missbrauchsopfern (exakter aus Opfern von Misshandlungen, sexuellem Missbrauch und VernachlĂ€ssigung), die andere war eine Kontrollgruppe. 1989 bis 1995, also 20 Jahre spĂ€ter startete man den zweiten Durchlauf mit denselben Menschen. Von den ehemals 1579 Befragten konnten „nur“ noch 1196 Personen herangezogen werden. 676 gehörten zur „Opfer“-Gruppe, 520 zur Kontrollgruppe. Jede Gruppe bestand je zur HĂ€lfte aus MĂ€nnern und aus Frauen.

Eine wichtige Erkenntnis von Widom und Kuhns war, dass aus der „Opfer“-Gruppe insgesamt 10,73 Prozent (Frauen 8,93 % und MĂ€nner 12,54 %) spĂ€ter in der Prostitution gelandet sind. Bei der Kontrollgruppe lag der Prozentsatz bei knapp der HĂ€lfte, nĂ€mlich bei 5,6 Prozent (Frauen 2,87 %, MĂ€nner 8,03 %). In der Kindheit sexuell missbraucht wurden 96 der Befragten – von diesen verdingten sich spĂ€ter 9,38 Prozent (Frauen 10,53 %, MĂ€nner 5 %) in der Prostitution.

Fazit von Widom und Kuhns (frei ĂŒbersetzt und zusammengefasst):

Trotz der weit verbreiteten Überzeugung, dass Personen, die in Ihrer Kindheit Opfer von Gewalt wurden, mit höherer Wahrscheinlichkeit promiskuitiv leben, in der Prostitution landen oder schon im Teenageralter schwanger werden, haben die Ergebnisse gezeigt, dass dies jedoch kein signifikanter Risikofaktor fĂŒr PromiskuitĂ€t oder Teenager-Schwangerschaft sind. Auf der anderen Seite war das Risiko zur Prostitution erhöht, allerdings galt das nur fĂŒr die weiblichen Probanden. Diese Ergebnisse bestĂ€rken die Erkenntnisse in frĂŒherer Literatur, wonach frĂŒhkindlicher Missbrauch und VernachlĂ€ssigung das Risiko erhöhen, spĂ€ter in der Prostitution zu landen.

FrĂŒhere Literatur

Zum Punkt „Erkenntnisse in frĂŒherer Literatur“ fasste im Jahr 2000 die damalige Doktorandin Sonja C. Huhle in „Sexueller Mißbrauch bei opiatabhĂ€ngigen Frauen- Einstieg, Verlauf und Überwindung der AbhĂ€ngigkeit.“ zusammen (ein Ausschnitt):

„Dieser Zusammenhang zwischen sexuellem Mißbrauch wĂ€hrend der Kindheit bzw. Jugendentwicklung und Prostitution ist schon seit lĂ€ngerem bekannt. So fand schon FlĂŒgel im Jahre 1921(!) einen Prozentsatz von 51% Inzestopfern unter Prostituierten (FlĂŒgel, 1921). Weiner stellte 1964 fest, daß sich MĂ€dchen, die im Laufe der Adoleszenz einem Inzest ausgesetzt waren, nach Beendigung desselben hĂ€ufig prostituieren (Weiner, 1964). Dies konnte durch Ferracuti bestĂ€tigt werden (Ferracuti, 1972). Auch er konnte gehĂ€uft sexuell promiskuitives Verhalten nach Beendigung einer inzestuösen Beziehung nachweisen. In einer Studie von James und Meyerding (1977) konnten die Untersucher bei 46 % der befragten Prostituierten sexuelle Übergriffe in der Kindheit feststellen, die von MĂ€nnern verĂŒbt wurden, die mehr als 10 Jahre Ă€lter waren. Zu einem Ă€hnlichen Ergebnis kamen auch Silbert und Pines; in ihrer Untersuchung betrug der Anteil der Prostituierten, die einen sexuellen Mißbrauch in der Kindheit erfahren hatten, 60%. Von diesen war etwa

ein Viertel zusĂ€tzlich körperlicher Gewalt ausgesetzt (Silbert und Pines, 1981). Finkelhor (1984) wies darauf hin, daß das Auftreten von drogenmißbrauch bei einem Teil der ehemals sexuell Mißbrauchten mit Prostitution vergesellschaftet ist. Fromuth (1986) und Teegen et al. (1992) betonen als Folgeerscheinung sexuellen Mißbrauchs insbesondere sexuelle Probleme, zu denen Blockierungen im sexuellen Erleben und PromiskuitĂ€t bis hin zur Prostitution gehören, wie auch das Risiko, im Erwachsenenalter erneut Opfer sexueller Übergriffe zu werden. […]“

Nach Widom und Kuhns gelangen also rund doppelt so viele der in der Kindheit sexuell missbrauchten, misshandelten und/oder vernachlĂ€ssigten Personen (im Vergleich mit den gewaltfrei aufgewachsenen Personen) spĂ€ter in der Prostituition. Allerdings lĂ€sst sich hieraus nicht ableiten, wie hoch der prozentuale Anteil der Prostituierten ist, welche in ihrer Kindheit missbraucht wurden. Denn es wird schließlich nicht erkenntlich, wie das VerhĂ€ltnis zwischen Misshandlungsopfern und der Gesamtbevölkerung ist.

ZurĂŒck zu Herrn Pfeiffer…. Von der US-Studie kann er also auch nicht gesprochen haben. Von welchen Erkenntnissen spricht er dann? Keine Ahnung!

Die wenigsten Missbrauchsopfer prostituieren sich

Egle, Hoffmann, Joraschky veröffentlichten 2004 das Buch „Sexueller Missbrauch, Misshandlung, VernachlĂ€ssigung“. Darin nahmen sie allerdings auch nur Bezug auf Ă€ltere Studien und schreiben:

„Empirisch ist der Zusammenhang von Missbrauch und Prostitution durch Studien belegt, in denen 22 – 95 Prozent der Prostituierten von sexuellem Missbrauch berichteten, die meisten durch den Vater oder eine Vaterfigur. […] Auch wenn diese Studien einen engen Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch und Prostitution belegen, darf nicht ĂŒbersehen werden, dass sich auch MĂ€dchen und Frauen sowie Jungen und MĂ€nner prostituieren, die nicht sexuell missbraucht worden sind. Ebenso wenig ist davon auszugehen, dass sich die meisten Missbrauchsopfer prostituieren.“

Ähnlich sieht es auch Beatrice Bowald in „Prostitution. Überlegungen aus ethischer Perspektive zu Praxis, Wertung und Politik“:

„Die noch mit einer gewissen Vorsicht formulierten Erkenntnisse bezĂŒglich eines möglichen Zusammenhangs zwischen (sexuellem) Missbrauch als Kind/Jugendliche und einer spĂ€teren ProstitutionstĂ€tigkeit bzw. Gewalterfahrung in der Prostitution basieren – was aber, um ganz sicher zu gehen, eigens zu ĂŒberprĂŒfen wĂ€re – hauptsĂ€chlich auf den Aussagen einheimischer Frauen. Ob sich ein solcher Zusammenhang auch bei Migrantinnen, die mittlerweile die Mehrheit der in der Prostitution tĂ€tigen Frauen ausmachen, nachweisen lĂ€sst, wĂ€re erst noch zu ermitteln.“

Auf jeden Fall muss sich bewusst gemacht werden, dass es keinen monokausalen Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch und Prostitution gibt. Pauschalisierte oder gar populistische Aussagen a lå „Belegt ist, dass ĂŒberdurchschnittlich viele Prostituierte als Kind unter Misshandlungen und VernachlĂ€ssigung gelitten haben.“ (Spiegel 2013) sollten also nie leichtfertig geglaubt werden.

Zum Thema Gewalt gegen Frauen hat die reprĂ€sentative Untersuchung „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland.“ des Bundesministeriums fĂŒr Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2003 detaillierte Ergebnisse zutage gebracht. FĂŒr alle die Leute, die Sexarbeiterinnen stets als Paradeopfer von Gewalt und Missbrauch stigmatisieren, sei diese Studie empfohlen. Leider kommen die verschieden motivierten Gewaltarten gegen Frauen eben in fast allen Lebensbereichen vor.

rmv

ZufÀllige BeitrÀge aus der selben Rubrik