Gießener Verein macht Alarm gegen Prostituierte

8. MĂ€rz 2018

Wenn AufklÀrung in pauschaler Kriminalisierung und Stigmatisierung endet

Und wieder hat die Gemeinde der Prostitutions-Hasserinnen eine Stimme mehr bekommen. In Form des Gießener Vereins „Alarm! Gegen Sexkauf und Menschenhandel“. Allein der Name lĂ€sst erkennen, dass die GrĂŒnderinnen keinen Hehl daraus machen, verachtenswerte Verbrechen wie Menschenhandel mit als legal anerkannten Berufsfeldern wie Sexarbeit gleichzusetzen.

WĂŒrde sich der Verein allein mit PrĂ€ventions- und AufklĂ€rungskampagnen zu den Themen „human trafficking“ oder der Loverboy-Masche“ beschĂ€ftigen (was er teils tut), wĂ€r das super. Aber nein, leider begibt man sich auch noch auf eine pauschalisierende und vorverurteilende Schiene ganz im Sinne gĂ€ngiger Abolitionisten-Statements. Schrecklich eigentlich, weil sich unter den VereinsgrĂŒnderinnen immerhin einige Lehrerinnen und SozialpĂ€dagoginnen befinden, so informiert jedenfalls die Gießener Allgemeine.

Wie fadenscheinig die Argumente bei „Alarm“ sind, wird schnell auf deren eigener Facebook-Seite deutlich:

1.)

Zur nicht falsifizierbaren Annahme, ein Sexkaufverbot fĂŒhre zu vermehrten sexuellen Übergriffen Ă€ußert „Alarm zurecht gegenĂŒber der Gießener Allgemeinen: „Welches MĂ€nnerbild offenbart denn so ein Argument?“
Nur um im selben Bericht zu behaupten, Jungen wĂŒrden, wegen einer Verharmlosung der Prostitution, mit dem Bild aufwachsen: „An Frauen klebt ein Preisschild“.

Was bitte ist das fĂŒr ein MĂ€nnerbild? Und wo sind bei solcher Argumentation die mĂ€nnlichen Prostituierten und Transgender vertreten?

2.)

„Alarm“ teilte einen scheinheiligen und verklĂ€renden Beitrag der Vereinigung „Abolition 2014“ mit dem Titel „Das schwedische Modell des Sexkaufverbots fĂŒr Dummies“. Darin wird behauptet, schwedische Prostituierte wĂŒrden weder diskriminiert noch bestraft werden. Sie hĂ€tten nichts zu befĂŒrchten, wenn sie sich an Polizeibehörden wenden. Das Sexkaufverbot wĂŒrde die Kontrollmöglichkeiten von Menschenhandel und Zwangsprostitution verbessern. Auch wird die viel zu wenig thematisierte SexualitĂ€t von Behinderten heruntergespielt und damit einhergehende Probleme völlig zu kurz gefasst. Als könnte man eine BeweisfĂŒhrung mit nur 5 SĂ€tzen aufstellen.

Literatur zum Schwedischen Modell:

weitere Literatur:

Lesenswertes zum Thema SexualitÀt von Behinderten:


3.)

„Alarm“ teilt Hauschke Maus völlig absurden Gedankengang, die seit 2002 verzeichneten Morde an Prostituierten (ihrer Recherche zufolge waren es 80) seien ein Gegenbweweis fĂŒr das Argument „legal makes it safe“.

WĂŒrde man wirklich so argumentieren, dann rechen wir jetzt mal alle getöteten Ehefrauen, Vermieter, Bankangestellten, Lehrer [die Liste ist beliebig erweiterbar] zusammen.

4.)

Wieder ein Link zu „Abolition 2014“, zum Text „10 GrĂŒnde, warum legale Prostitution falsch ist“. Allein dass darin von „Studien“ die Rede ist, diese aber weder benannt noch mit Quellen kenntlich gemacht werden, zeugt von wenig GlaubwĂŒrdigkeit. Aussagen wie â€žProstitution ist niemals freiwillig“, „Legale Prostitution schĂŒtzt die ZuhĂ€lter, nicht die Frauen“, „Prostitution fördert Missbrauch und Gewalt“, „Durch Prostitution blĂŒht der Menschenhandel“ oder â€žProstitution ist mit der MenschenwĂŒrde unvereinbar“ sind einfach nur ein Schlag ins Gesicht von emanzipierten Sexdienstleisterinnen. Allein mit diesen reißerischen Schlagworten (die angehĂ€ngten „BegrĂŒndungen“ tun ihr ĂŒbriges) werden Frauen verunglimft und entmĂŒndigt, werden ihrer SouverĂ€nitĂ€t und Emanzipation beraubt, sie werden schlicht zu Opfern stilisiert.

Allein mit der BegrĂŒnding zu â€ž6. Prostitution bedeutet fĂŒr die Frauen gesellschaftliche Ächtung und Armut“ stellen sich die Verfasser ein geistiges Armutszeugnis aus.
Zitat:

„FĂŒr die Frauen aber hat sich gesellschaftlich wenig geĂ€ndert. Sie werden noch immer gesellschaftlich geĂ€chtet und mĂŒssen ihre TĂ€tigkeit vor ihren Familien und Freunden geheimhalten. Kommt das Jugendamt dahinter, dass eine Frau der Prostitution nachgeht, kann es sein, dass es ihr die Kinder entzieht – Prostitution ist eben kein normaler Job wie jeder andere. Da die Frauen keine Altersvorsorge haben, den Job aber auch nicht bis ins hohe Alter machen können und gleichzeitig körperlich stark gefordert werden, erkranken sie frĂŒh an schweren Krankheiten und sterben frĂŒh und einsam, wĂ€hrend sie auf die Hilfe von Hilfsorganisationen angewiesen sind.“

Anstatt hier das gesellschaftliche bzw. politische System zu verurteilen, Lösungen kontra die Stigmatisierung zu finden, wird jenes moralische GerĂŒst als gegeben betrachtet. Fazit: Das Problem ist kein gesellschaftliches sondern ein persönliches: a lĂĄ „Wer sich prostituiert ist selber schuld“.

Die gleiche Argumentation verfolgt man im nĂ€chsten Punkt â€ž7. Prostitution bedeutet Ausbeutung“. Da heißt es:

„In einem kapitalistischen System bedeutet jede Form von Lohnarbeit Ausbeutung, so ist es auch mit der Prostitution. Die Prostitutierten haben sprichwörtlich nichts anderes mehr als ihre Körper, die sie zu Markte tragen können, um im kapitalistischen System ĂŒberleben zu können. Dabei können sie nur hoffen, dass das, was sie mit ihren Körperöffnungen verdienen, reicht, um die horrenden Mieten fĂŒr die Zimmer [
]. Verantwortlich dafĂŒr will niemand sein, an ihnen verdienen hingegen will jeder.“

WĂ€ren Sexarbeiter_innen eine ethnische Minderheit, wĂ€re der Duktus des Textes ein rassistischer. Soviel versteckter Hass, soviel Opferstilisierung. Sowenig Wille zur Lösungsfindung. Wollte man aber Verantwortung ĂŒbernehmen, dann wĂ€re den Autoren zufolge die einzige Lösung ein umfassendes Verbot. GemĂ€ĂŸ: alles was nicht passt, gehört kriminalisiert.

5.)

„Mit der Liberalisierung der Prostitution durch die damalige rot-grĂŒne Bundesregierung 2002 hat sich Deutschland zur Drehscheibe des Frauenhandels entwickelt und gilt als „Bordell Europas“.

Aufgrund dieser Entwicklungen stellt der Verein ALARM! Gegen Sexkauf und Menschenhandel e.V. anlĂ€sslich des Internationalen Frauentags die Frage: Passt die liberale Prostitutionsgesetzgebung Deutschlands zu einer Gesellschaft, die sich die allgemeine WĂŒrde des Menschen und die Gleichberechtigung der Geschlechter zur Grundlage eines friedlichen Zusammenlebens gemacht hat? Ist die kĂ€ufliche Frau tatsĂ€chlich ein zeitgemĂ€ĂŸes Frauenbild?“

Wer sich auf diese Argumentationsebene begibt, hat mal sowas von verschissen. Seriöse Arbeit sieht anders aus. Deutschland als Drehscheibe des Frauenhandels zu bezeichnen ist nichts weiter als eine polemische und hetzerische Falschaussage. DafĂŒr gibt es keinerlei Evidenz.

Eine moralische GegenĂŒberstellung von Prostitution und einer humanistisch geprĂ€gten Gesellschaft (bzw. eines friedlichen Zusammenlebens) macht wenig Sinn. Das wĂŒrde bedeuten, dass man den menschlichen Geschlechtstrieb (sowohl des Mannes als auch der Frau) als Antiquiertheit, als soziologischen Historismus ansehen könnte. Die Menschheit kommt nun aber nicht ohne SexualitĂ€t aus. Und sexuelle PrĂ€ferenzen, BedĂŒrfnisse und Vorstellungen sind nun einmal genauso vielfĂ€ltig wie Geschmack eben ist


Es geht nicht um ein Ja oder Nein, sondern um ein emanzipiertes Wie.

6.)

KritikunfĂ€higkeit! Weil die TAZ sowohl Ingeborg Kraus als auch Melissa Farley kritisierte (zu Recht), stilisiert sich Frau Kraus gleich mal als als Opfer der Medien: „Gestern fĂ€hrt die TAZ mit einem Panzer auf und schießt auf Ingeborg Kraus und Melissa Farley.“

Und der Verein „Alarm“, der mit der Therapeutin ideologisch Hand in Hand geht, leistet natĂŒrlich sofort geistigen Beistand
 Da sieht man, wie sehr sich diese Aktivistinnen in der Rolle der Retterinnen gefallen. Hauptsache niemand ĂŒbt Kritik. Dann wird mit der Keule vorgegangen.

Was war da noch gleich mit Kraus und Farley?:

Fazit:

»Alarm! Gegen Sexkauf und Menschenhandel« reiht sich ein in eine lange Liste von konservativ radikalen Aktivistinnen, denen es weniger auf eine kristische Auseinandersetzung und vielmehr auf populistische Meinungsmache gelegen ist. Sehr schade eigentlich. Aber vielleicht fĂ€hrt ja die TAZ demnĂ€chst wieder mit einem Panzer vor


rmv

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