„Ich fĂĽhle mich als Prostituierter verdammt wohl“

20. November 2019

Gastbeitrag von Dominus.Berlin

Prostitution wird Illegal? Einige Vertreter*innen der SPD haben sich vor kurzem für die Einführung des sogenannten schwedischen Modells in Deutschland ausgesprochen. Das bedeutet im Klartext, dass jeder Erwerb einer sexuellen Dienstleistung bzw. Unterstützung von Sexarbeitern (zB Bordellbetriebe) illegal werden. Im sonst sehr liberalen Schweden werden Kunden nicht nur strafrechtlich verfolgt und müssen Bußgelder bezahlen, sondern es folgen ebenfalls Nachrichten an Arbeitgeber und an die Familie des „Kriminellen“.

Master AndrĂ© alias Dominus.Berlin – der „unangefochtene männliche Platzhirsch der deutschen dominant-gewerblichen BDSM Szene“ hat dazu folgende Meinung:

Ich bin Sexarbeiter – das ist meine Berufung, aber auch schlicht mein Beruf mit eben welchem ich seit mehreren Jahren meinen Lebensunterhalt verdiene und das im Übrigen ausschliesslich. Meine Arbeit als berührbarer Dominus mit männlichen und auch weiblichen Klienten fällt unter die Ausübung von Prostitution – also den Vollzug sexueller Handlungen gegen Entgelt. Das schwedische Model bestraft also alle meine Kunden, wenn es eingeführt werden würde. Meine Meinung: Bezahlte Lust ist keine Straftat.

In Gesellschaft, Politik und Medien brennt nun eine hitzige Diskussion darum, ob Menschen in der Sexarbeit von der Kriminalisierung ihrer Kunden profitieren, weil sie ja auf keinen Fall freiwillig der Sexarbeit nachgehen können wollen (ironie-off) oder Schaden nehmen (weil sie in ihren Arbeits und Grundrechten beschränkt werden). Auch Teile der CSU und natürlich der AfD stehen hinter dem Vorstoß aus den Reihen der sozialdemokratischen Partei, die sich laut eigenem Programm für Bürgerrechte, Freiheit und Solidarität stark machen will. Ein Paradoxon, das seinesgleichen sucht. Fragt man Sexarbeitende selbst, lehnt die große Mehrheit das Schwedische Modell entschieden ab. Warum das so ist, erklärt sich leicht: Eine entsprechende Gesetzesregelung würde den Kauf sexueller Dienstleistungen, sowie jegliche Unterstützung von Sexarbeitenden – auch untereinander – verbieten. Jegliche Kunden und Kundinnen wären als Gesetzesbrecher abgestempelt und müssten mit Strafverfolgung rechnen, wenn sie dennoch einen Termin bei mir wahrnehmen.

Effektiv heiĂźt das: WĂĽrde in Deutschland ein Gesetz nach Vorbild des schwedischen Sexkaufsverbots eingefĂĽhrt, wäre eine Fortsetzung meines Berufs fast unmöglich. Die schlimmen Konsequenzen der Gesetzgebung in Schweden wurden von zahlreichen Menschenrechtsorganisationen verurteilt. Zum Beispiel die Gefahr, dass Sexworker keinen Vermieter finden. Dass sie das Sorgerecht fĂĽr minderjährige Kinder verlieren können. Dass sie gezwungen sind, sich hohen Risikosituationen und gefährlichen Kunden auszusetzen. Auch das gemeinsame Arbeiten oder der Zusammenschluss in Berufsverbänden ist dort verboten – hierzulande kann jeder von uns (auch anonym) Mitglied im Netzwerk des BesD e.V. (https:// berufsverband-sexarbeit.de) werden und so fĂĽr seine Rechte eintreten. Wenn ihr selbst als schwuler Escort arbeitet – oder mal tätig wart – und meinen AusfĂĽhrungen auch nur im Ansatz zustimmt, dann ĂĽberlegt euch bitte, Mitglied beim BesD zu werden. Noch ist es in Deutschland unser Recht zu netzwerken, uns gegenseitig zu helfen und uns auszutauschen. Und je mehr Mitglieder wir haben, desto mehr zählen unsere Stimmen und desto eher werden unsere Anliegen gehört! Ihr mĂĽsst auch keine Sexarbeiter sein, um uns zu unterstĂĽtzen – der Verband ist als ehrenamtliches Konstrukt fĂĽr jede noch so kleine Spende dankbar und auch Re-Posts unserer Beiträge auf Social Media helfen uns ungemein.

Manche Studien, insbesondere zu Gewalterfahrungen von Sexarbeitern, lassen an wissenschaftlichem Berufsethos zu wĂĽnschen ĂĽbrig, denn: WĂĽrdet ihr ausschlieĂźlich den Beschwerdemanager eines Unternehmens zur Kundenzufriedenheit befragen? Viele der von Prostitutions-Gegner*innen immer wieder zitierten Studien stĂĽtzen sich auf Befragungen von Sexarbeitenden, die sich fĂĽr den Ausstieg entschieden haben. Wie wenig repräsentativ die sind, kann man sich ja dann locker vorstellen. Was ist denn mit den ganzen Sexworkern, die einfach zufrieden und anonym arbeiten und niemals an Umfragen teilnehmen? Ich habe bisher ĂĽber fĂĽnfzig männliche Sexarbeiter kennengelernt, auch Stricher, die fĂĽr relativ kleines Geld an der StraĂźe ihre Dienste anbieten – darunter habe ich keinen Fall von Unfreiwilligkeit erlebt. Weibliche Sexarbeiter habe ich weit ĂĽber 300 in meinen Jahren als Sexarbeiter kennegelernt. Aber lasst mich die Frage an euch, die BDSM Community weitergeben: Wer von euch kennt BDSM Escorts oder war mal bei BDSM Escorts, die euch gezwungen, geschändet oder ausgebeutet vorkamen? Gibt es sicher, aber ist es die Masse? Sicher nicht. Zum anderen hebt sich die Gesellschaft den GroĂźteil ihrer Stigmatisierung – also der sozialen Ă„chtung – fĂĽr weibliche und transsexuelle Sexarbeitende auf.

Als männlicher Prostituierter bin ich sozusagen eine Minderheit in der Minderheit: Erfahren Menschen von meinem Beruf, bewerten sie meine Arbeit und meine Person durchschnittlich völlig anders, als das bei meinen weiblichen Kolleginnen im Studio der Fall ist. Beispielsweise ist es mir noch nicht passiert, dass man versucht hat, die Freiwilligkeit meiner Arbeit in Frage zu stellen. Der männliche Sexarbeiter – vor allem wenn er (auch) weibliche Kundinnen hat – wird in der ersten Reaktion gern mal als groĂźer Hengst gefeiert, der Mann ist also ein Held. Addieren wir die böse, anale Penetration, sieht die Sache schon wieder anders aus. Während Frauen, die mit dem Strap-On-Dildo bei einem Mann zugange sind und dafĂĽr Geld nehmen, mit belustigter Zustimmung rechnen können, wird der männliche Sexarbeiter hierbei eher bemitleidet. Logischerweise ist er ja in diesem Fall gezwungen, mit seinem eigenen Geschlechtsteil zu arbeiten und rĂĽckt damit näher an das Narrativ des „Verkaufs des eigenen Körpers“ heran, das weiblichen Kolleginnen von Prostitutionsgegner*innen so gerne entgegengeschleudert wird. Es wird gefragt, ob der zu penetrierende Kunde denn wenigstens hĂĽbsch sei, oder sowas zumindest der eigenen sexuellen Ausrichtung entsprechen wĂĽrde. Spätestens jetzt kommt auch die klassische Viagra-Frage, die mich bei eigentlich jedem Gespräch heim sucht. Alles Bullshit-Bewertungen, denn ich mag meinen Job einfach – Punkt.

Wenn mich meine Lebensumstände dazu gezwungen hätten, als Handwerker meinen Lebensunterhalt zu verdienen, wäre ich schlicht ausgebrannt. Der im Handwerk oft rüde Umgangston in Kombination mit den körperlichen Belastungen und anderen Arbeitsbedingungen hätte mich definitiv in den Burn-Out getrieben. Es kann passieren, dass man aus Wut und Frust heraus seinen Job verflucht, besonders nachdem man sich bereits beruflich umorientiert hat. Eventuell ist ein Arbeitgeber auch wirklich schlecht, aber kann die Handwerks-Branche dafür in Sippenhaft genommen werden, dass mich handwerkliche Tätigkeiten anöden? Ist die ganze Branche schlecht, weil ich die Tätigkeit als für mich schädlich wahrnehme? Nein, würde jetzt wohl jeder sagen. Aber das Stigma, dass meine Arbeit mir den Verstand raubt und meine Kund*innen meine Seele zerstören, betrifft ausschließlich das Berufsfeld der Prostitution. Man muss die Dinge im Kontext bewerten.

Ich fordere all jene, die sich anmaĂźen Sexarbeitende zu verurteilen oder „retten“ zu wollen auf, ihre Vorurteile kritisch zu hinterfragen. Nehmen wir mal ein abstraktes Beispiel: FĂĽr wie viel Geld wĂĽrdest Du einen Keller ausräumen? FĂĽr 200 Euro? Wahrscheinlich nicht, auĂźer Du hast ein EntrĂĽmpelungsunternehmen. FĂĽr 1.000 Euro? Na, das kann noch immer eklig werden und ĂĽberhaupt, was ist mit den ganzen Spinnen? Bei 1.000.000 Euro bin ich sicher, dass Du sofort losrennst und Deine Gummistiefel suchst – Motto: Was scheren mich schon die paar Spinnen, bei dem vielen Geld. Eventuell rĂĽckst auch gleich mit der ganzen Familie an, damit die auch was vom Kuchen abbekommen. So ähnlich kann man sich es bei den ausländischen Kolleg*innen vorstellen (zB RumänINNen oder BulgareINNen). Das hier verdiente Geld ist nach dem Import in die Heimat ein unermesslicher Schatz. Ich stamme aus der deutschen, bĂĽrgerlichen Mitte und bei mir lag nie eine finanzielle Notwendigkeit vor, ausgerechnet der Sexarbeit nachzugehen. Doch ich fĂĽhle mich als Prostituierter verdammt wohl, kann mir damit Geld auf die Seite legen und liebe meinen Beruf. Falls ich einen schlechten Tag habe, dann fahre ich trotzdem zur Arbeit und mache einfach mal meinen Job. Schlechte Tage kamen in meinen frĂĽheren Jobs im Marketing ĂĽbrigens wesentlich häufiger vor, zumal in der Werbebranche teilweise mit System ausgenutzt wird. Das heiĂźt natĂĽrlich nicht, dass es in der Sexarbeits-Branche keine Probleme gibt. Fälle von sexueller Ausbeutung, Ausbeutung von Arbeitskraft und Gewalt kommen in unsere Branche, genauso wie in vielen anderen, durchaus vor. HierfĂĽr gibt es aber bereits Gesetze. Da brauchen wir keine grundsätzliche Illegalisierung der Branche. Dieses neue Gesetz wĂĽrde solche Verbrechen lediglich noch schwerer auffindbar machen. In den allermeisten Fällen können die Betroffenen von kriminellen Machenschaften nur durch langfristigen Vertrauensaufbau und niedrigschwellige Hilfsangebote persönlich erreicht und gestärkt werden. Dieses Angebot muss ausgebaut und finanziell stärker unterstĂĽtzt werden: Mehr Streetwork, mehr Beratung, Tipps zum Einstieg, Hilfe zum Umstieg – anonym und freiwillig – genau an diesen Punkten, aber auch nur an diesen Punkten, sollte der deutsche Staat Energie investieren. Die Illegalisierung und somit der Entzug der Lebensgrundlage von Tausenden Männern und Frauen in der Sexarbeit ist der falsche Weg.

Tatsächlich ist das Berufsfeld meiner Meinung nach besonders fĂĽr Männer (und Frauen!) geeignet, die selbst sehr sexuelle Menschen sind, offen mit der eigenen- und der Sexualität anderer umgehen können und ihre eigenen emotionalen und körperlichen Grenzen zu wahren wissen. Ich kenne viele Kollegen und Kolleginnen, fĂĽr die Sexarbeit das bisher attraktivste Berufsfeld darstellt und auch welche, die darin ihre persönliche ErfĂĽllung finden. Aber sehr wahrscheinlich gehen noch viel mehr Menschen der Sexarbeit aus rein pragmatischen GrĂĽnden nach, einfach weil es die fĂĽr sie beste Gelegenheit darstellt, genug Geld zu verdienen. Nur weil eine Arbeit fĂĽr einige – eventuell auch fĂĽr euch – eine vollkommene Horrorvorstellung ist, heiĂźt das noch lange nicht, dass andere diese nicht aus Leidenschaft, wirtschaftlichen Pragmatismus, oder anderen persönlichen GrĂĽnden freiwillig ausĂĽben dĂĽrfen, oder? Sexarbeitende sollten nicht verurteilt, stigmatisiert oder gar durch gut gemeinte Gesetze kriminalisiert und arbeitslos gemacht werden. Etwas ist nur dann nicht richtig, wenn es sich fĂĽr denjenigen nicht richtig anfĂĽhlt. Punkt.

Möchtest du mit mir über dieses Thema sprechen? Hast du Fragen, wie du uns Sexarbeiter unterstützen kannst? Schreib mir kontakt@dominus.berlin

Zufällige Beiträge aus der selben Rubrik