Ja oder Nein? Hohe Wogen um ein Bordell in Bremen

25. März 2017

Baupläne lösen stadtweite Grundsatzdiskussion über Prostitution aus.

Überall wo über Sexarbeit diskutiert wird, ist eines zu beobachten: Prostitutionsgegner verlieren beinahe immer den Sinn für ein faires und unvoreingenommenes Miteinander. Da wird fern von Fakten und Grundrechten Stimmung gemacht. Allen voran steht die einzelne Meinung. Klischees und Vorurteile werden inflationär verbreitet. Es wird pauschal mit Schlagworten und Scheinargumenten wie Zwangsprostitution, Anstieg von Kriminalität oder Traumatisierung minderjähriger Anwohner – ja sogar das Frittenbuden-Gleichnis taucht wieder auf – um sich geworfen. Evidente Daten, echte Statistiken und Gegenargumente dringen erst gar nicht ins Gehör ein. Und eine Empathie für die realen Sorgen und Nöte der Sexdienstleister_innen? – völlig fehl am Platz. Denn kaum ein Abolitionist will ernsthaft erkennen, dass Prostituierte gleichberechtigte, handlungsfähige, selbstbestimmte, ja gar mündige Berufsttätige sind. Nein, das würde ja das eigene Moralverständnis untergraben. Außerdem hieße das gleichwohl, dass der herrschsüchtige und machtbesessene Freier gar nicht so böse und widerlich ist, wie es das mühevoll konstruierte Menschenbild will.

So seit Jahresbeginn geht es so auch in der Hansestadt Bremen zu. Auslöser: Planungen eines Betreibers in der Neustadt, genauer in der „Oelkers-Villa“ in der Duckwitzstraße, ein Bordell zu eröffnen.

Radiobremen hat sich umfangreich mit dem öffentlichen Protest auseinandergesetz. Im folgenden finden sich die Links zu den Gesprächen und Interviews der Sendereihe „Nordwestradio“:

Vorberichte:

„Gibt es gute Prostitution?“ – Gespräch mit Stephanie Klee (BesD)
http://www.radiobremen.de/nordwestradio/sendungen/nordwestradio_unterwegs/gute-prostitution100-popup.html

„Prostitution verbieten?“ â€“ Gespräch mit Edda Schneider-Ratz (Anwältin)
http://www.radiobremen.de/nordwestradio/sendungen/nordwestradio_unterwegs/prostitution-verbieten100-popup.html

„Die Leute sollten lockerer sein“ â€“ Interview mit dem Verein Nitribitt (nur in Schriftform)
http://www.radiobremen.de/gesellschaft/themen/interview-eros-center-bremen100.html

Diskussion im Nordwestradio:

„Der richtige Platz für Prostitution“ – 40 Minuten
http://www.radiobremen.de/nordwestradio/sendungen/nordwestradio_unterwegs/prostitution-bremen102-popup.html

Nachbericht:

„NWR Unterwegs“: Geplantes Bordell Bremer Neustadt
http://www.radiobremen.de/nordwestradio/sendungen/der-gute-morgen/audio176800-popup.html

eine Ăśbersicht:

http://www.radiobremen.de/nordwestradio/sendungen/nordwestradio_unterwegs/prostitution-bremer-neustadt100.html

Wie sehr auch den Bremer Prostitutionsgegnern ein sachverständiges Wissen über das Miliueus fehlt und die eigene Meinung höher steht als die Grundrechte („Freiheit der Berufswahl“, „Allgemeines Persönlichkeitsrecht“, „Gleichheit vor dem Gesetz“) von Sexworkern, zeigt die Gleichstellungsbeauftragte Ulrike Hauffe. Also sie zeigt es am eigenen Beispiel auf. So erklärt sie u.a. das ganze Gewerbe zur Grauzone, hält obskure Dunkelziffern für stichhaltiger als evidente Zahlen, hält den regen Standortwechsel von Sexarbeiterinnen für einen Beweis für deren Opferrolle („werden von Zuhältern über Kanäle verschachert“ – anders könne sie sich das nicht erklären), lässt die berühmt berüchtigte Pommesbude in die Diskussion einfließen… Das und noch mehr verleitet eher dazu, der Abolitionistin Hauffe die Kompetenz als Beauftragte „für die Gleichberechtigung der Frau“ abzusprechen.

Laut Weserreport, soll dem Bordell nun innerhalb der nächsten zwei Wochen die Genehmigung erteilt werden (Stand 22.03.2017). Das zuständige Bauressort danach wird wie folgt zitiert: „Es handelt sich um ein Gewerbe und um ein Gewerbegebiet. Der Antragsteller hat einen Anspruch auf die Genehmigung.“ Anwohner als auch die Gewerbetreibende befürchten nun einen sogenannten „Trading-Down-Effekt“, also zunehmende Leerständen und ausbleibende Kundschaft. Dass sich ein solcher Entwicklungstrend für das Gewerbegebiet aber auch real einstellt, bleibt anzuzweifeln. Eher ist das unter Scheinargumentation zu verbuchen. Ein kläglicher Versuch dieser ausschließlich emotional geleiteten Debatte seitens der Ortsbeiräte, und Anwohner den Anschein von Sachlichkeit zu geben. Aber irgendwie muss man ja versuchen, geltendes Recht auszuhebeln…

rmv

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