Kritik an „Mission Freedom“ und Gaby Wentland. Teil 1

6. Januar 2014

Warum der christliche Verein aus Hamburg, der sich gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution einsetzt, in die Negativschlagzeilen geraten ist.

In jeder Gesellschaft gibt es Ungerechtigkeit und Grausamkeiten, das zieht sich durch alle Epochen und sĂ€mtliche sozialen Schichten. Besonders wenn menschliche GrundbedĂŒrfnisse, unterschiedliche Moralvorstellungen oder persönliche Triebfedern im Spiel sind, ist die Gleichstellung untereinander nicht unwidersprochen gegeben. Die Ursachen und Motive sind vielschichtig. Das trifft selbstverstĂ€ndlich ganz besonders bei den Themen Menschenhandel und Zwangsprostitution zu.

Und gerade weil Menschenhandel und Zwangsprostitution so sensible Problematiken sind, sollte mit ihnen umso professioneller umgegangen werden. Aber das geschieht leider hĂ€ufig nicht, vor allem nicht in den öffentlich gefĂŒhrten Debatten. Einseitige Berichterstattung, Tendenzjournalismus, subjektives Empfinden sowie Meinungen und Wertevorstellungen untergraben dann eine zielorientierte Auseinandersetzung.

Auch nicht jede Organisation, die sich den Kampf gegen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung auf die umgangssprachliche Stirn geschrieben hat, ist vor Fehlern gefeit. So geriet der Hamburger Verein „Mission Freedom“ und dessen GrĂŒnderin Gaby Wentland vor kurzem in die mediale Kritik. Spiegel-Online spricht gar von dubiosen Methoden fundamentalistischer Christen. Was war geschehen?:

Der vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) mit dem BĂŒrgerpreis ausgezeichnete Verein machte auf mehreren Veranstaltungen auf unter Zwang arbeitende Prostituierte aufmerksam. Dabei trat „Lisa“, eine Mitzwanzigerin, die als Kind von ihrem Vater missbraucht wurde und spĂ€ter in Hamburg zur Prostitution gezwungen wurde, öffentlich in Erscheinung. Sie schilderte ihr erlebtes Leid und stand Pate fĂŒr eine große Dunkelziffer von Opfern. Soweit so tragisch. Wie der NDR und die Taz jedoch aufdeckten, sei die Geschichte von Lisa frei erfunden gewesen. So habe sie laut dem Hamburger LKA als Kind gar keinen Kontakt zu ihrem Vater gehabt, demzufolge sei ihre Anschuldigung aus der Luft gegriffen. Weitere Kritikpunkte zu methodischen Fehlern und Ungereimtheiten in der Arbeit von „Mission Freedom“ hoben NDR und Taz hervor, ließen dazu Behörden, Linkspartei und den Weltanschauungsbeauftragten der Nordkirche zu Wort kommen. Die Hamburger Morgenpost und Spiegel Online zogen mit Berichterstattungen nach.

Mission Freedom jedoch bleibt dabei. Es gebe keinen Anlass, dieser Frau nicht zu glauben, erklĂ€rt die GrĂŒnderin Gaby Wentland auf der offiziellen Vereinswebseite. „Lisa hat auch auf dem Kirchentag vor hunderten von Menschen ĂŒber ihr Schicksal gesprochen“, so die ehemalige Missionarin. Was Wentland dabei allerdings ĂŒbersieht, ist, dass eine Aussage vor hunderten von Menschen noch lange kein Beweis fĂŒr die Richtigkeit einer Aussage ist. Aber wem ist jetzt was Anzukreiden? Lisa oder Gaby? Die Zeitungen haben vor allem Gaby Wentland auf dem Kieker – insbesondere wegen ihres Evangelikalismus‘.

Wer ist Gaby Wentland

Was soll man auch von einer Frau halten, die laut Hamburger Morgenpost aussagte, ihre Organisation sei die einzige, welche von Gott beauftragt ist, MĂ€dchen aus der Prostitution herauszuholen? „Ich will sehen, wie Tausende dieser jungen Frauen zurĂŒckgehen in ihre HeimatlĂ€nder, erfĂŒllt mit dem Heiligen Geist und sagen: Mein Gott kann alles!“, soll Wentland gesagt haben. Dem NDR zufolge seien Sex vor der Ehe oder HomosexualitĂ€t fĂŒr sie eine SĂŒnde. Und auch der Spiegel setzt nach. So seien fĂŒr sie die Folgen von sexuellem Missbrauch heilbar: „Und zwar indem fĂŒr die Betroffenen gebetet werde.“ Steckt darin schon christlicher Fundamentalismus?

Gaby Wentland, Tochter eines Pastors war schon frĂŒh zusammen mit ihrem Ehemann (heute ebenfalls Pastor) in der Welt umhergereist. Über 18 Jahre lang waren sie in Afrika als Missionare tĂ€tig. Heute leiten beide die Freie Gemeinde Neugraben, welche zur Pfingstkirche gehört. Daneben ist die 56-jĂ€hrige Hamburgerin Mitglied im Leitungsteam der Evangelischen Allianz in Hamburg und seit 2011 Vorstandsvorsitzende des Vereins Mission Freedom. Ihre Lebensgeschichte zeigt eine tiefe Verwurzelung mit dem Christentum, einen unerschĂŒtterlichen Glauben an Gott und Jesus. FĂŒr sich allein ist dies eine Sache, die nicht unbedingt zu Verurteilen ist.

Jetzt sind wir aber wieder bei der Sache mit der SensibilitĂ€t des Themas Zwangsprostitution. Wenn also jemand bzw. eine Institution Opferberatung und -betreuung anbietet, eine Art Frauenhaus leitet (Das „Mission Freedom Home“ ist allerdings aufgrund „mangelnder fachlicher QualitĂ€t der Arbeit des Vereins“ offiziell nicht als Frauenhaus anerkannt. (taz)) etc., dann sollte die psychologische und pĂ€dagogische Betreuung so professionell wie möglich gewĂ€hrleistet werden. Persönlich subjektives Werte-Empfinden, religiöser Eifer oder gar Missionierung sind da eindeutig fehl am Platz. Und nach EinschĂ€tzung des Sektenexperten der Nordelbischen Kirche, Jörg Pegelows, habe Mission Freedom ein „stark missionarisches Interesse“. (taz)

Die Arbeit von Mission Freedom wird sogar soweit als kritisch betrachtet, als dass weder das Landeskriminalamt noch die Sozialbehörde mutmaßliche Betroffene von Menschenhandel an den Verein vermitteln.

rmv

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