Legal, freiwillig, angemeldet? Kann Rotlicht.de Sexworker pr√ľfen?

Arbeit unter Zwang, minderjährig oder illegal in Deutschland anschaffend Рwenn man dem sexworkfeindlichen Framing der Prostitutionsgegner:innen Glauben schenken wollte, dann sind diese Zustände in Deutschland Normalität. Dann träfe das in der Bundesrepublik auf zehntausende, nein hunderttausende Frauen zu.

Nur ist dies aber die leider erfolgreiche Masche der Abolitionist:innen, Sexworkerinnen pauschal zu viktimisieren und tats√§chliche Opferzahlen um ein absurd Vielfaches hochzuphantasieren. Was die Kampagnenf√ľhrer:innen dabei stets auslassen, ist, dass sich in diesem Fall die deutschen Beh√∂rden und √Ąmter mitschuldig machen w√ľrden, w√§ren tats√§chlich 80% und mehr Prostituierte unter Zwang, mit falschen P√§ssen oder illegal im Rotlicht unterwegs. Schlie√ülich stellen eben jene Beh√∂rden und √Ąmter den Prostituierten, wie im ProstSch-Gesetz gefordert, eine Anmeldebescheinigung aus. Befristet. Im Nachgang ausf√ľhrlicher Beratungsgespr√§che. Nach Pr√ľfung der Ausweispapiere. Das Statistische Bundesamt hat 2019 ver√∂ffentlicht, in Deutschland sind 32.800 Personen mit einer g√ľltigen Anmeldebescheinigungen in der Prostitution t√§tig. Ende 2021 waren es coronabedingt nur noch rund 23 700 Prostituierte. Bei diesen kann und sollte erst einmal jeder davon ausgehen, dass sie absolut legal hier arbeiten. Sexdates mit ihnen d√ľrften also keinen Straftatbestand erf√ľllen. Alles andere setzte ein absolutes Misstrauen in unseren Staat und dessen Organe voraus. Nat√ľrlich, auch Beh√∂rdenmitarbeiter:innen kann ein vermeintliches Opfer durchs Raster fallen – w√§re ja auch verwunderlich wenn man sowas an der Stirn eines Opfers ablesen k√∂nnte – aber dass tausende Prostituierte bei der Ausstellung der Arbeitserlaubnis trotz Indizien f√ľr Zwang und Missbrauch einfach nur, die Indizien ignorierend durchgewunken werden, das w√§re schon eine infame Unterstellung.
Im Umkehrschluss k√∂nnte das aber auch hei√üen, dass die Dunkelziffer der „Opfer“ sechsstellig sein m√ľsste. Dann k√§me man auch wieder auf die M√§r der mindestens 400.000 Prostituierten. Daf√ľr gibt es allerdings und entgegen der medial massenhaft widergek√§uten Falschbehauptungen keinerlei seri√∂se Anhaltspunkte. Wirklich keine!

Leider gibt es aber tats√§chlich immer wieder F√§lle von Zwangsprostitution sowie sexuell missbrauchten Minderj√§hrigen. Die „Bundeskriminalstatistik“ und das „Bundeslagebild Menschenhandel“ geben dar√ľber j√§hrlich Aufschluss.
In der Regel treten solche F√§lle aber nicht innerhalb der allgemein bekannten Prostitutionsst√§tten auf. Immerhin m√ľssen Bordelle, Laufh√§user und Co. diverse Konzessionsverfahren durchlaufen und sind f√ľr die unterschiedlichsten Beh√∂rden offen sicht- und kontrollierbar. W√ľrden deren Betreiber:innen wissentlich Menschenhandelsopfer zugegen haben, schaufelten sie sich nur ihr eigenes Grab. Nein, Straftaten finden wie wo anders auch f√ľr gew√∂hnlich im verborgenen und Abseits des normalen „Publikumsverkehrs“ statt.

Dennoch ist es in Einzelf√§llen sicherlich angebracht, vorsichtig, vielleicht auch misstrauisch zu sein. Sollten sich Anhaltspunkte f√ľr eine durch Dritte verursachte Zwangslage der Sexarbeiterin / des Sexarbeiters zeigen, sind Freier dazu verpflichtet, dies bei der Polizei zu melden. Wie es nun einem Freier nach kurzem Blick m√∂glich sein soll, eine solche Zwangslage zu erkennen – keine Ahnung. Auch davon nicht, warum ein Freier √ľber diese Kompetenz verf√ľgen sollte, wenn es zuvor keine Beratungsstelle vermochte.

Was können Werbeportale tun?

Nun kommt es hin und wieder vor, dass wir als bundesweit f√ľr Sexworker:innen und Clubs werbendes Erotikportal Post von Freiern bekommen. Da hei√üt es bspw.: „Ich m√∂chte mich nicht strafbar machen und mich nicht mit Frauen treffen, die zum Sex gezwungen werden.“ Fragen, ob die Inserent:innen von uns √ľberpr√ľft w√ľrden, sind da nachvollziehbar.

Auch wir halten uns an Recht und Gesetz. Selbstredend. Nur leider k√∂nnen wir bez√ľglich jener Sachverhalte keine Garantien geben. Schlie√ülich sind wir eine Agentur und keine kontrollbefugte Bundes- oder Landesbeh√∂rde. In der Regel sehen wir die Sexarbeiter:innen ja nicht mal pers√∂nlich, k√∂nnen also keine direkte Altersverifikation vornehmen. Aber genau das ist ja wichtig. Wir m√ľssen also auf die Echtheit / Zugeh√∂rigkeit der zugesandten Bilder vertrauen. Wir m√ľssen darauf vertrauen, dass es sich bei der Inserentin und der tats√§chlich t√§tigen Sexdienstleisterin um ein und die selbe Person handelt.
Auch verlangen wir bei allen neuen (j√ľngeren) Inserent:innen Einblick in die im √úbrigen nicht f√§lschungssicheren Anmeldebescheinigungen sowie zum Abgleich der Fotos ein aktuelles Selfie. Vor Ort k√∂nnen wir auch schon mal Einblicke auf die Personalien werfen. Minderj√§hrige werden sich bei uns also mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit nicht finden.

Was das Thema Ausbeutung und Zwang durch Dritte betrifft, da k√∂nnen wir leider nicht mehr tun als Freier auch. Haben wir Anhaltspunkte, melden wir das der Polizei. Hat wiederum diese Anhaltspunkte, bekommt sie unsere volle Unterst√ľtzung. Wie gesagt, letztendlich ist Rotlicht.de ein Portal, auf dem Sexworker:innen Werbung schalten. Wir machen weder soziale Arbeit, noch Rechtsbetreuung, wir sind weder Ermittlungsbeh√∂rde noch gemeinn√ľtzige Beratungsstelle. Derlei Kompetenzen haben wir folgerichtig nicht.
Hier sei bitte noch einmal angemerkt: Unsere Inserent:innen werben f√ľr Wohnungsprostitution, Escort, BDSM und Co. Stra√üenprostitution und Wohnwagenprostitution fallen nicht darunter. Menschenhandel und Sexueller Missbrauch treten meist im Verborgenen auf. Ergo schalten Kriminelle f√ľr ihre Opfer kaum offen einsehbare Inserate. Das w√ľrden es Polizei und Staatsanwaltschaft ja auch etwas zu einfach machen.

Unsere Hoffnung: Wir selbst sehen Prostitution als einen legalen und anerkennungsw√ľrdigen Broterwerb an. Sexarbeit muss weiterhin und noch viel mehr als bislang ein anderen T√§tigkeitsfeldern gleichgestellter Beruf sein. Ein entkriminalisierter Beruf, der aufgrund seiner Legalisierung sogar besser kontrollierbar ist. Denn erst, wenn ein Beruf vollkommen legal und rechtlich gleichgestellt ist, k√∂nnen sich Strukturen wie Betriebsr√§te, Gewerkschaften, staatlich gef√∂rderte Interessensvertretungen bilden. Erst dann k√∂nnen sich sozial- und krankenversicherungsrechtliche Standards sowie (Weiter)bildungsma√ünahmen entwickeln. Erst dann k√∂nnen arbeitsrechtliche Missst√§nde wie sie jenen Bund und L√§ndern obliegenden, antiquierten Verordnungen zu Sperrbezirken, Arbeits- und Werbungsverboten, Doppelbesteuerungen etc. zu eigen sind, aufgearbeitet werden. Erst dann erst kann ein gesellschaftlicher Konsens entstehen, der Sexarbeit und sexueller Missbrauch nicht nur phonetisch voneinander unterscheidet.

rde

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