“Prostitution Zero – Die Welt ohne uns” – Teil 2

Die Reeperbahn macht ihre Pforten dicht, Sexarbeiter werden in die Illegalität gedrängt …

Wir schreiben das Jahr 201?, die Deutsche Regierung hat – beeinflusst durch die Resolution des Europäischen Parlaments sowie verschiedener von der “Emma” und von konservativen Verbänden initiierten Petitionen – das Prostitutionsgesetz von 2002 überworfen. Angelehnt an das Schwedische Vorbild tritt nun mit sofortiger Wirkung ein Gesetz in Kraft, welches die Inanspruchnahme von sexuellen Dienstleistungen empfindlich bestraft. Das heißt, Freier haben nun sowohl hohe Geldstrafen als auch Haftstrafen zu befürchten. Damit ist die Bundesrepublik der letzte EU-Mitgliedsstaat, welcher sich von seinem bis dato liberalen Verständnis bezüglich Sexarbeit verabschiedet. Weltweit betrachtet ist nun lediglich noch in Brasilien die Ausübung und die Inanspruchnahme von Prostitution legal.

Zwei Jahre später

Nachdem ein Großteil der Rotlicht-Etablissements bereits im ersten Jahr die Geschäfte einstellte, folgten im Zweiten auch viele Clubs, die sich mit einem erweiterten Angebot über Wasser zu halten versuchten. Jedoch war die Angst vieler Besucher vor willkürlichen Verhaftungen durch die Polizei zu groß. Die Folge: die Kundschaft blieb aus.

Aus für Reeperbahn und Co.

Vielerorts stehen nun Gebäude (vor allem ehemalige Großbordelle) leer, eine Nachnutzung ist häufig nicht unmittelbar in Sicht. Berühmte Rotlichtviertel, wie die Hamburger Reeperbahn, das Stuttgarter Leonhardsviertel, die Berliner Kurfürstenstraße – immerhin waren sie gleich als erstes im Visier der Behörden – liegen nahezu brach. Auch hier versuchten viele Bordellbetreiber anfänglich, trotz der bereits in der Nachbarschaft befindlichen Tanzbars und Lokale, ihr Geschäft durch Angebote wie Stripshows, Liveacts, Dildoshows etc. am Laufen zu lassen. Da es dennoch immer wieder zu Gesetzesbrüchen kam, so boten die anwesenden Damen inoffiziell weiterhin sexuelle Dienstleistungen an, folgte eine noch strengere behördliche Beobachtung jener Bars. Die Konkurrenz unter den Betrieben war schließlich zu groß, die Besucherzahlen und die erzielten Umsätze standen in keinem sinnvollen Verhältnis mehr zum betriebenen Aufwand. Als reine Partymeilen ließen sich die Viertel nicht betreiben. Schließlich gingen die Betreiber und Besitzer der Reihe nach in die Insolvenz.

In Bezug auf die Rotlichtviertel blieb die daraus resultierende Arbeitslosigkeit der Angestellten sowie selbständig Tätigen nicht ganz so im statistischen Dunkeln. Neben den Tänzerinnen, Bardamen und Gastronomen haben z.B. auch Hausmeister, Reinigungskräfte, Buchhalter und Sicherheitskräfte ihren Job verloren. Und das hundertfach …

In Köln wurden die nun nicht mehr genutzten Verrichtungsboxen zurückgebaut. Gleiches gilt für die Bonner Sexsteuer-Automaten.

Begleitagenturen unter strenger Beobachtung

Geschäftsaufgaben gab es auch bei dutzenden Agenturen, seien es nun Escortservices, Werbeagenturen (die bis dato bspw. Rotlichtführer betrieben), Online-Auktionsbörsen oder andere einschlägige Webseitenbetreiber. Zwar besteht ein nicht unerheblicher Teil der Escort-Agenturen auch weiterhin, denn offiziell wurden jegliche Sexdienstleistungen aus den Statuten gestrichen und vorgeblich stünden die vermittelten Damen ausschließlich für eine Abendbegleitung zur Verfügung. Dennoch bedeutete das Prostitutionsgesetz für etliche der bis dato unzähligen Agenturen das finanzielle Aus. Auch hier verloren geschätzt hunderte Servicemitarbeiter, Webdesigner, Grafiker oder Texter ihren Job.

Natürlich blieb das von den Arbeitsagenturen unbeachtet, da es ja statistisch nicht erheblich ist, in welchem Bereich bspw. ein Webdesigner vorher arbeitete. Der Zusammenhang zwischen jenem Anstieg an Arbeitssuchenden und dem Prostitutionsverbot blieb also unerkannt. Im Gegensatz zu den Fällen von Reeperbahn und Co., denn dort verloren ja jeweils, geballt auf ein räumlich beschränktes Gebiet, einige hundert Menschen ihren Job.

Warum bei vielen Escort-Agenturen dennoch vermehrt die Kundschaft ausblieb, zeigt folgender Medienskandal:

Die ganz großen Schlagzeilen und fettes Geld witterte eine kleine Gruppe von Paparazzis, nachdem die Inanspruchnahme von Sexdienstleistungen gegen Geld seit 201? verboten wurde. Voneinander unabhängig haben es sich diese Fotografen zur Aufgabe gemacht prominente Persönlichkeiten auszuspionieren, die ehemals in dem Ruf gestanden haben, sogenannte Callgirls zu engagieren. Daneben hielten sie sich auch im Umfeld von Escort-Agenturen auf nachdem sie von dubiosen Quellen in Erfahrung bringen konnten, welche Privatpersonen hinter den Begleitdamen (die ja alle unter einem Pseudonym arbeiteten) standen. Eventuell wurden ihnen hin und wieder gar Informationen zugesteckt, die Aufschluss darüber gaben, wann und wo sich jemand eine Escort-Dame bestellt hatte.

Mit diesen Hintergrund verfolgten die Paparazzi ihre Ziele dann in Restaurants, Theater usw., nur um diese Paare auf Zeit im bestmöglichen Fall sogar in flagranti beim Sex zu erwischen. Mehrmals mit Erfolg. So folgten diese unrühmlichen Fotografen unter anderem einem Manager, zwei Profisportlern und einem Schauspieler bis vor ein Hotel bzw. zu dessen Privatbesitzen um dann aus sicherer Entfernung pikante und überführende Beweisfotos zu schießen.

Nachdem die Bilder dann an die Öffentlichkeit gelangten gab es einen riesigen Aufschrei, sowohl für als auch gegen die Überführten Personen. Dennoch hatten sie sich trotz Dementi schuldig gemacht, für Sex bezahlt zu haben. In allen Fällen wurde ein Prozess in die Wege geleitet – die Zahlung von Geldstrafen die jeweiligen Urteile. Dennoch verloren alle mehr oder weniger ihr gesellschaftliches Ansehen. In einem anderen Fall verlor ein Politiker sogar all seine Ämter, weil er zwei Frauen zu sich auf seinen Privatsitz einludt. Dass er mit diesen dort auch Geschlechtsverkehr hatte, bestreitet er aber bis heute.

Prostitution verlagert sich in den Untergrund

Auch nach zwei Jahren gibt es keine Zahlen darüber, wie viele Frauen noch in der Prostitution arbeiten. Ebensowinig darüber, ob eine Verschiebung in den Untergrund stattgefunden hat. Offiziell ist ja Prostitution weiterhin legal (nur eben der Kauf der Dienstleistung nicht), ein Sexmarkt abseits der behördlichen Aufsicht laut Politik daher so gut wie nicht existent.

Dass es dennoch anders aussieht, gebietet allein der logische Menschenverstand. Stellt man sich die Frage, was passiert, wenn sich eine Prostituierte beim Finanzamt anmeldet (wohlgemerkt nicht verboten)? Jede Frau, die das tut, muss letztendlich befürchten, ab diesem Zeitpunkt behördlich überwacht zu werden. Schließlich stiftet sie mit ihrem Angebot ja Männer dazu an, straffällig zu werden. Wenn sich eine Sexarbeiterin/ein Sexarbeiter beim Amt registriert, muss sie auch einen Arbeitsort angeben. Damit liefen ihre Freier aber doch in die gemachte Falle. Sie könnte auch gar nicht mehr offiziell für sich werben. Kosten und Nutzenfaktor wären für sie nicht wirtschaftlich.

In puncto Werbung: Finanzielle Einbußen durch das ProstG haben auch etliche Zeitungsverlage zu verzeichnen. Immerhin hatten sie bis dato Inserate für Sexdienstleistungen abgedruckt. Deutschlandweit müssten die Anzeigenblätter auf Werbeeinnahmen in hohem 6-stelligen Bereich – wohlgemerkt pro Monat – verzichten, heißt es in einem Artikel des „Spiegel“.

Ergo, Prostitution hat sich sehr wohl in uneinsehbare Nischen verlagert. Es ist ein offenes Geheimnis, dass man Sexdienstleistungen „unter der Hand“ nun vermehrt in Massagestudios, Swingerclubs und Sexkinos bekommen kann. Einige Frauen versuchen regelmäßig auch in Diskotheken an zahlende Kundschaft zu gelangen. Natürlich blieb das den Behörden nicht lange verborgen. So müssen die Etablissements stets mit verdeckten Ermittlern rechnen. Diverse Livecam-Portale stehen aus diesem Grund ebenfalls unter strenger Beobachtung.

Der Bundestag will noch mehr …

Unter dem altbekannten Vorwand Frauen aus dieser Zwangslage befreien zu wollen und sie vor sexsüchtigen Männern zu schützen, gibt es eine Initiative des Bundes, die ab dem nächsten Jahr eine Erweiterung des Prostitutionsgesetzes anstrebt. Laut CDU-Entwurf sollen dann auch Besuche bei Dominas, Tantramasseuren und Sexualbegleitern offiziell verboten werden. Massagestudios und Swingerclubs sollen weiterhin mittels Razzien kontrolliert werden.

Fortsetzung folgt …

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