Rostock und die Sexarbeit …

22. November 2013

Wann gab es in Rostock eigentlich die letzten interdisziplinÀren GesprÀchsrunde zum Thema Prostitution?

Bis heute bin ich davon ausgegangen, dass es seit dem 23. November 2004 (in Rostock) keinen weiteren „Runden Tisch“ zum Thema Prostitution mehr in Mecklenburg-Vorpommern gegeben hat. Damals trafen sich Rostocker AuslĂ€nderbehörde, Gewerbeamt, Kriminalpolizei, Staatsanwaltschaft, Kommunale Frauenpolitik, die STD-Beratungsstelle/Gesundheitsamt/Streetwork sowie die Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt gegen Frauen in der Hansestadt. Zur Debatte standen u.a. die Themen „Illegale Migrantinnen“, „Gewerbeanmeldung nicht möglich“, „Bedeutung der Medien fĂŒr die Auseinandersetzung mit dem Thema Prostitution (Sensationsberichterstattung ĂŒber Menschenhandel in Rostock)“, „erschwerte Ermittlungen bei Schleusungs- und Menschenhandelsdelikten durch das ProstG“ oder auch „Steuergerechtigkeit“.

Fazit jener interdisziplinÀren Runde: man wolle die KriminalitÀt im Umfeld der Prostitution effektiv bekÀmpfen und PrÀvention durch Transparenz erreichen.

Runder Tisch „Menschenhandel und Frauen in der Prostitution“

Ja, dass dies das letzte Zusammentreffen in Mecklenburg-Vorpommerns einziger Großstadt war, davon bin ich bis heute ausgegangen. Durch Zufall habe ich aber nun entdeckt, dass es eine weitere nicht öffentliche Sitzung gegeben hat. Leider gab es dazu keine mediale Berichterstattung, wie sie bei „Runden Tischen“ in anderen BundeslĂ€ndern oder StĂ€dten hin und wieder stattfindet. Wenn man also nichts von dieser Tagung weiß, bekommt bzw. findet man Infos dazu auch nicht so leicht.

Der Runde Tisch „Menschenhandel und Frauen in der Prostitution“ fand bereits vor ĂŒber einem Jahr, am 15.10.2012, statt. Auf dem BĂŒrgerinformationssystem der Hansestadt Rostock kann man eine pdf-Datei dazu finden:

Danach trafen sich in jenem Oktober Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft, des Amtsgerichts, der Kriminalpolizeiinspektion, der Stadtverwaltung der Agentur fĂŒr Arbeit und der Koordinierungsstelle CORA. Zentrale Fragen waren u.a. die zur Anzahl der Prostituierten, zur Besteuerung sowie zur Arbeits- und Lebenssituation der Frauen oder zum Thema Beratungsstelle ja oder nein.

Einige der im Protokoll festgehaltenen Erkenntnisse:

  • In Rostock seien ca. 35 Modellwohnungen bekannt, in denen rund 50 Frauen (teils temporĂ€r) arbeiten. Dazu kĂ€men etwa 40 Sexarbeiterinnen, die in einem der 3 örtlichen Bordelle tĂ€tig sind. Von einer nicht abschĂ€tzbaren Dunkelzahl in der Gastronomie-, und Hotelbranche wird ausgegangen.
  • Aufgrund der guten Verdienste kĂ€me ein Ausstieg fĂŒr viele nicht in Frage.
  • In Rostock gebe es weder Straßenstrich noch sichtbare mĂ€nnliche Prostitution. In der ZuhĂ€lterszene gehe es zur Zeit ruhig zu.
  • die Sexworkerinnen hĂ€tten untereinander wenig Kontakt, da die Konkurrenz zwischen ihnen sehr groß sei.
  • OsteuropĂ€ische Frauen, im Beispiel jene aus Lettland und Litauen trĂ€ten ĂŒberaus selbstbewusst auf und kĂ€men (zusammen mit ihren Freiern) gezielt mit dem Vorhaben sich zu prostituieren nach Deutschland. Daneben nehme die Zahl der auslĂ€ndischen Frauen (so auch aus afrikanischen Staaten) zu.
  • Kostenfreie Untersuchungen und Beratung durch das Gesundheitsamt fĂ€nden großen Anklang. Allerdings werde ĂŒberwiegend nicht verhĂŒtet, gesundheitliche Probleme keine Ausnahme.
  • PrĂ€ventionsarbeit, vor allem in Jugendeinrichtungen, zum Thema Gelegenheits-, oder GefĂ€lligkeitsprostitution mĂŒsse ausgeweitet und intensiviert werden.
  • Da es keine Lobby fĂŒr Sexarbeiterinnen in MV gibt, sei es notwendig in Rostock eine ĂŒberregionale Anlauf-/Beratungsstelle fĂŒr diese einzurichten.

Das dreiseitige Protokoll ist ĂŒbrigens hier zu finden.

Interessant ist die Aussage zur Anzahl der Modellwohnungen, denn 2004 hieß es noch „Die Polizei schĂ€tzt 150 bis 200 Prostituierte, davon zwei Drittel Migrantinnen. Bekannt sind ein Bordell, vier Bars/Clubs und 60 bis 80 Modellwohnungen.“

Erstaunlich auch, dass fĂŒr 2013 eine Fachtagung zum Thema Prostitution inkl. Begleitprogramm (Lesung, FilmauffĂŒhrung etc.) geplant war. Ja, geplant …

Nur Worte? Wer weiß. Weder gibt es bisher eine Beratungsstelle fĂŒr Sexarbeiterinnen, noch fand eine solche Fachtagung statt. Es ist wohl wie immer: die behördlichen MĂŒhlen mahlen langsam.

rmv

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