Sex gegen Geld verbieten: Der christliche Stursinn von Lea Ackermann

SOLWODI-Gründerin vergleicht Freier sogar mit Mördern

KĂĽrzlich beim Deutschlandfunk: Die Journalistin Christine Heuer interviewte in einem Telefonat die SOLWODI-GrĂĽnderin Ordensschwester Lea Ackermann. Thematisiert werden sollte in dem Hörfunkbeitrag das Ansinnen der Bundesregierung, Freier von Zwangsprostituierten zu bestrafen. wie zu erwarten, erwuchs aus dem Gespräch aber keine Diskussion ĂĽber das FĂĽr und Wider eines solches Gesetzes, sondern eine emotionalisierte Wutrede gegen Prostitution an sich. So blieb die obligatorische Vermischung von Prostitution mit „Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung“ natĂĽrlich nicht aus. Dabei argumentierte Ackermann in gewohnt unverschämter und verbohrter Art und Weise, machte Gebrauch von obskuren Ăśberzeugungen und unbelegten Behauptungen.

Was man sich zu Anfang eines solchen Gesprächs unbedingt erwarten wĂĽrde – eine Definition von Zwangsprostitution und die Widergabe von kriminalpolizeilichen und studienbasierten Erkenntnissen – blieb völlig aus. Auch im Laufe des Gesprächs keine Spur davon. Und das ist Frau Heuer klar anzulasten. Allerdings kommt das Lea Ackermann und ihrer Schwarz-WeiĂź-Denken total entgegen.

Hier einige Zitate der Ordensschwester:

– Zur Forderung Freier von Zwangsprostituierten zu bestrafen:

„Das ist das Mindeste, was man tun kann. Es ist doch ungeheuerlich, wenn die Frauen signalisieren, dass sie das nicht wollen, dass sie nicht freiwillig da sind, und die Freier gehen darĂĽber hinweg, und manchen, denen ist das furchtbar egal, und fĂĽr andere ist das genau der Kick.“

Hier unterstellt Ackermann, dass Prostituierten auf der Stirn stĂĽnde „Ich bin ein Opfer von „Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung“, dass sich Frauen, die sich wirklich in einer solchen Zwangslage befinden, stets ihren Freiern anvertrauen wĂĽrden, dass pauschal alle Männer/Freier Sexualstraftäter sind.

– Zur Frage, ob Männer von solch einem symbolhaften Gesetz abgeschreckt werden, (Zwangs)Prostituierte aufzusuchen:

„Das ist ein Anfang in die richtige Richtung. Bisher hat man gar nichts gemacht. Und wenn Sie das sehen, das Elend, es ist ein größerer Sklavenmarkt als im 18. Jahrhundert.“

Dies ist nichts weiter als ein polemischer, unwahrer und unqualifizierter Vergleich. Zumal Ackermann fĂĽr diese These keinerlei Belege liefert. An dieser Stelle möchte ich auf den Artikel „Warum ich den Appell gegen Prostitution der EMMA und von Alice Schwarzer ablehne“ von Sonja Dolinsek verweisen, in welchem die Historikerin und Sozialwissenschaftlerin auch ĂĽber die sogenannte „WeiĂźe Sklaverei“ aufklärt. Siehe dazu auch Franza Torneras Beitrag „White Slavery – ein Begriff mit problematischen Implikationen“. Die „Verwandschaft“ zur heutigen Menschenhandelsdebatte wird zudem im Artikel „Sex-Sklaven und der Ăśberwachungsstaat. Warum “Menschenhandel” ein gefährlicher Begriff ist“ von Thaddeus Russell aufgezeigt.

– Zum von der Regierung angestrebten Verbot von Flatrate-Sex:

„Dass sie das nicht schon lang tut? FĂĽr 8,90 Euro eine Frau, ein Bier, ein WĂĽrstchen. Können Sie es sich noch schlimmer vorstellen?“

Warum hinterfragt Heuer nicht spätestens jetzt Ackermanns Behauptungen? Das kann doch nicht sein, dass sie solche offensichtlichen Lügen einfach so im Raum stehen lässt.

– Auf die Frage, „so etwas“ gesetzlich verbieten bzw. kontrollieren könne:

„Es gibt doch auch Mord, den man gesetzlich verbietet, und man schafft damit nicht alle Morde aus der Welt. Ich meine, man muss Gesetze machen, um den Menschen zu sagen, das geht nicht.“

Das schlägt ja dem Fass den Boden aus… FĂĽr solche Dreistheit und Böswilligkeit sollte man der Bundesverdienstkreuzträgerin ihre Auszeichnung schleunigst wieder aberkennen. Da setzt sie ganz selbstverständlich mal Mörder mit Freiern gleich. Ich fass es nicht…

Und weiter erklärt die 77-Jährige:

„Heute kann sich nicht mal eine Stadt dagegen wehren, wenn ein GroĂźbordell in ihr errichtet wird. Die Stadträte haben nicht das Sagen. Das ist doch unglaublich. Die BĂĽrger können auf die Barrikaden gehen, das GroĂźbordell wird gebaut.“

An diesem Punkt zeigt sich mal wieder deutlich, wie immanent Ackermann Prostitution und Menschenhandel vermischt. Was bitte hat – ganz objektiv – die Errichtung von Bordellen mit Menschenhandel zu tun? Zudem ist auch diese Aussage komletter Humbug. Wer nur mal regelmäßig die Presse verfolgt, der weiĂź, wie schwer es Investoren haben, ein neues Bordell zu errichten. Sperrbezirksverordnungen, Bauämter, BĂĽrgermeister/innen und Stadträte, von BĂĽrgern initiierte Petitionen etc.pp. verhindern und verzögern deutschlandweit ständig die Errichtung von Bordellen und ähnlicher Etablissements. Und das, obwohl Prostitution offiziell legal sein sollte.

– Zum Thema „nordisches/schwedisches Modell“:

„Es ist der Kauf von Sex verboten. Es ist ein ganz neues Bild der Frau und des Mädchens. Die sind nicht käufliche Ware.“

An dieser Stelle möchte ich erwähne, dass Ackermann gleich zu Beginn des Interviews verlautbarte: „Das dringenste Anliegen der Frauen ist, dass sie selbstbestimmt sind…“. Aha, Frauen sollen Selbstbestimmt sein. Jene Aussage bezog sich auf die Selbstbestimmung von Menschenhandelsopfern, aber was ist mit all den anderen Frauen und Männern? DĂĽrfen diese ĂĽber ihren Job oder ihre Berufswahl nicht selbst bestimmen? Mit einem Verbot Sexdienstleistungen entgegen zu nehmen wird doch das Recht der Prostituierten auf Selbstbestimmung genauso negiert, als wĂĽrden sie selbst kriminalisiert.

Und noch einmal: Es geht es hier ganz klar nicht um irgendwelche „Waren“ sondern um Dienstleistungen! Es geht um erwachsene Menschen, nicht um Mädchen! Denn dies wäre Missbrauch von Minderjährigen. Das hat mit Prostitution genauso wenig zu tun wie ein Freier mit einem Mörder.

– Auf die Frage, ob mit einer Illegalisierung der Prostitution die Frauen noch rechtloser werden:

„Das ist Quatsch! Das ist absoluter Quatsch! Die Illegalität in unseren Städten und ĂĽberhaupt in diesem ganzen Geschäft ist genauso groĂź und noch größer, seit Prostitution ein Beruf wie jeder andere ist. Es ist doch nicht weniger geworden, es ist mehr geworden. Es ist mehr kriminelles Tun an den Frauen geschehen.“

Wenn etwas absoluter Quatsch ist, dann Ackermanns sexualfeindliches und verbohrtes Weltbild. Denn um dieses zu verteidigen und zu stützen, gibt sie unentwegt die wildesten Äußerungen von sich, dass es nur so kracht. Und im ganzen Interview hat sie nicht einmal eine solche mittels Zahlen, Quellen oder Belegen untermauert. Braucht sie ja auch nicht, warum auch? Immerhin ist sie alt, gehört einer christlichen Vereinigung an, hat vor Dekaden mal studiert und ist sozial engagiert. Wie kann man ihr unter diesen Umständen nicht vertrauen? Und wenn sie eben sagt, dass seit Inkrafttreten des Prostitutionsgesetz die Illegalität in deutschen Städten gestiegen ist, dann hat das einfach zu stimmen. Zum Teufel mit den gesicherten gegenteiligen Erkenntnissen.

Lea Ackermann lĂĽgt Ă–ffentlichkeit trotz besseren Wissens etwas vor

Fazit: Diese geballte Inkompetenz und Verleumdung von Seiten Lea Ackermanns und Christine Heuers ist nicht auszuhalten. Leider finden aber gerade solche populistischen und rein emotional vorgetragenen Äußerungen stets Gehör.

Andererseits sorgt ja der kĂĽrzlich veröffentlichte Abschlussbericht des „Runden Tisches Prostitution“ des Landes NRW fĂĽr einen kleinen Meinungsschwenk in der Ă–ffentlichkeit – zumindest schon einmal bei verschiedenen Medienhäusern. Mehr ĂĽber die Erkenntnisse des Gremiums ist im hiesigen Blog-Beitrag „NRW: Runder Tisch Prostitution legt Abschlussbericht vor“ zu erfahren. Aber die Leiterin Claudia Zimmermann-Schwartz war von den Ergebnissen selbst ĂĽberrascht. Nun fordert sie selbst „eine wissensbasierte feministische Debatte“ (zu lesen bei „The Huffingten Post“)

Was aber in diesem Zusammenhang ganz besonders erstaunlich ist, ist, dass Solwodie selbst auch an einigen Sitzungen des Runden Tisches teilgenommen hat. Somit sind der Organisation schon seit längerem dort ermittelten Fakten und Daten bekannt. Und dennoch verteidigt Lea Ackermann stur ihre eigene Sicht der Dinge, lässt also weiterhin die etwaigen gegenteiligen Beweise auĂźen vor… .

Wo liegen die eigentlichen Probleme bei der Bekämpfung von Menschenhandel?

Zu den wirklichen, politischen und juristischen Problemen in Deutschland im Zusammenhang mit Menschenhandel und der ĂśberfĂĽhrung der Täter ist z.B. einiges auf menschenhandelheute.net zu erfahren. Aktuell ist ein neues Forschungsprojekt zu Menschenhandel in Deutschland und Frankreich gestartet worden (siehe hier).

Sehr ernĂĽchternd ist auch Sonja Dolinseks Auswertung der BR-Doku „Verkauft, verschleppt, missbraucht – Vom Kampf gegen den Menschenhandel“. Wie unsachlich in deutschen Medien mit den Themen Menschenhandel und Prostitution umgegangen wird, erklärt Dolinsek hier.

rmv

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