Sexarbeitsfeindlichkeit und Freierbestrafung stigmatisieren Sexarbeiter*innen

Statement von SeLA ÔÇô Beratungsstelle f├╝r Menschen in der Sexarbeit zum internationalen Tag zur Beendigung der Gewalt gegen Sexarbeiterinnen. Der internationale Tag zur Beendigung der Gewalt gegen Sexarbeiterinnen (17.12.) soll erinnern, dass Menschen in der Sexarbeit verschiedenen Formen von Gewalt ausgesetzt sind.

Sexarbeit ist auch 2023 stark von Tabuisierung, Stigmatisierung und Diskriminierung betroffen. Nicht zuletzt die Forderung einiger Politikerinnen und Organisationen f├╝r eine Freierbestrafung zeigt, wie sexarbeitsfeindlich Gesellschaft und Politik sind. Um ├╝ber Gewalt gegen Sexarbeiterinnen zu diskutieren, hilft es Sexarbeiterinnen nicht, wenn ├╝ber ihre T├Ątigkeit per se als patriarchale Ausbeutungs- und Gewaltform berichtet wird. Die vielfach verbreitete Vorstellung, Prostitution finde ├╝berwiegend unter Zwang und Ausbeutung statt (Viktimisierung), macht es Sexarbeiterinnen besonders schwer, ├╝ber allt├Ągliche Gewalterfahrungen zu sprechen. Hier sollte der Diskurs langfristig die Lebensrealit├Ąten aller Sexarbeiter*innen einbeziehen und anerkennen, vor allem, dass die Entscheidung f├╝r die T├Ątigkeit in der Sexarbeit vielf├Ąltige Gr├╝nde hat.

In der Diskussion um die Freierbestrafung (auch Sexkaufverbot genannt) ist Konsens, dass sie keine negativen Konsequenzen f├╝r Sexarbeiterinnen haben wird, oder deren Situation sogar noch verbessere. Als Beratungsstelle f├╝r Menschen in der Sexarbeit, in der in den letzten neun Jahren ├╝ber 2000 Beratungen durchgef├╝hrt wurden, widersprechen wir, SeLA ÔÇô Beratungsstelle f├╝r Menschen in der Sexarbeit, dieser Argumentation. Denn im Gegensatz zum geforderten Sexkaufverbot, in dem Sexarbeit nicht als Arbeit, sondern als Gewalt definiert wird und die Verantwortung f├╝r das Problem der Ausbeutung den einzelnen K├Ąuferinnen zugeschrieben wird, sehen wir, dass bereits jetzt Sperrbezirks-, Kontaktverbotsverordnungen und die Arbeitsverbote w├Ąhrend der Coronapandemie nicht die Sexarbeit unterbinden, sondern die Arbeitsbedingungen vor Ort verschlechtern. Dies f├╝hrt wiederum zu Stigmatisierungen, die ausbeuterische Bedingungen beg├╝nstigen und das Risiko patriarchaler und struktureller Gewalt erh├Âhen.

Der Zugang zu Menschen in der Sexarbeit wird in der Folge stark eingeschr├Ąnkt, so dass die T├Ątigkeit im Dunkelfeld verschwinden, aber trotzdem stattfinden wird. In L├Ąndern wo bereits die Freierbestrafung gilt und es keine legalen Aus├╝bungsst├Ątten der Sexarbeit gibt, wird bereits berichtet, dass besonders die Repression von staatlicher Seite gegen├╝ber Sexarbeiter*innen Arbeitsalltag ist. Hier bleibt die vulnerable Gruppe der Menschen in der Sexarbeit nicht wie erhofft, ÔÇÜunber├╝hrtÔÇś von der Freierbestrafung. Das Thema strukturelle Gewalt, dazu z├Ąhlen Diskriminierung, Stigmatisierung und Tabuisierung, erreicht schon jetzt eine Dimension, die bei der Berichterstattung ├╝ber Prostitution kaum Beachtung findet.

Aus unserer Perspektive ist die Diskussion ohne Einbeziehung der Sexarbeiterinnen ├╝ber die Einf├╝hrung des Sexkaufverbotes als definierte Sexarbeitsfeindlichkeit eine aktuelle Form der Gewalt gegen├╝ber Sexarbeiterinnen, die nicht zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen f├╝hren wird. Das Thema Gewalt gegen Frauen darf nicht auf dem R├╝cken von Sexarbeiterinnen ausgetragen werden.

Sexarbeit ist gesellschaftliche und soziale Realit├Ąt auch in M-V. Eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter*innen kann nur durch die St├Ąrkung ihrer Rechte und durch den Kampf gegen gesellschaftliche Stigmatisierung gelingen.

Seit 2014 beraten die Sozialarbeiterinnen Nadine Herrmann und Sandra Kamitz in der Beratungsstelle f├╝r Menschen in der Sexarbeit (SeLA) in der Hansestadt Rostock Sexarbeiterinnen. Mehr als 400 Beratungen j├Ąhrlich werden u.a. auch direkt an den Arbeitsorten wie Modellwohnungen, Clubs und Massagen durchgef├╝hrt. Die ├╝berwiegend anonymen Beratungen sind an den vielf├Ąltigen Arbeits- und Lebensbedingungen von Sexarbeiterinnen orientiert. SeLA unterst├╝tzt und begleitet parteilich Klientinnen bei Fragen zu ihrer T├Ątigkeit wie bspw. die rechtliche Situation durch das ProstituiertenSchutzGesetz, Fragen zu Sozialversicherungen und Steuerangelegenheiten, aber auch zu ganz pers├Ânlichen psycho-sozialen Anliegen. Die Unterst├╝tzungssuchenden sind vornehmlich nicht-deutsche Frauen, die nicht in der BRD wohnhaft sind, hier aber auf selbst├Ąndiger Basis eine reisende T├Ątigkeit aus├╝ben.

Der niedrigschwellige Zugang zu Beratungsangeboten ist bei Aus├╝bung der stark tabuisierten und stigmatisierten Sexarbeit besonders wichtig. Viele von SeLAÔÇśs Klient*innen verheimlichen ihre Arbeit vor ihrer Familie und den Freunden, aus Angst verurteilt zu werden. Dies f├╝hrt zu einer zus├Ątzlichen Belastung im Alltag.

SeLA setzt sich seit neun Jahren f├╝r die Sichtbarkeit der T├Ątigkeit in der Sexarbeit ein und verfolgt das Ziel Sexarbeiter*innen bei der Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen zu unterst├╝tzen.

Quelle: SeLA ÔÇô Beratungsstelle f├╝r Menschen in der Sexarbeit

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