Sexsklaven hinter jeder Ecke – deutschlandweit

21. Mai 2014

Wer sie nicht sieht, der guckt nicht tief genug in den Schatten

Hunderttausende unfreiwillig anschaffende Frauen soll es verschiedenen Quellen zufolge in Deutschland geben, sexuell ausgebeutet und versklavt. Eine enorme Dunkelziffer kommt natĂŒrlich noch dazu. Zahlen und Beweise gibt es natĂŒrlich keine, aber das braucht es ja auch gar nicht. Wenn Schwarzer, Solwodi, einzelne Kriminalisten und gar Politiker das sagen, dann ist es so. Da braucht man gar nicht widersprechen.

Aktuell machen gleich mehrere Schlagzeilen die Runde.

ILo veröffentlicht Studie zum Menschenhandel

Den Anfang macht eine veröffentlichte Studie der ILo (International Labour Organisation / Internationale Arbeitsagentur). Die Organisation geht von weltweit ca. 21 Millionen Zwangsarbeitern aus, rund 22 % (4,5 Mio) davon werden sexuell ausgebeutet. Zwar komme Zwangsarbeit am hĂ€ufigsten in Asien vor, doch auch in Industrienationen und in der EU sei die Anzahl nicht zu unterschĂ€tzen. Die Studie unterteilt unseren Kontinent allerdings in „Zentral und SĂŒd-Ost-Europa und GUS-Staaten“ sowie in „IndustrielĂ€nder und die EuropĂ€ische Union“. Danach lassen sich keine Nationen spezifischen Angaben machen, noch wĂ€ren welche fĂŒr Deutschland bekannt. Und dennoch heizt die Studie – trotz wenig aussagekrĂ€ftiger Faktenlage – die hiesige Prostitutionsdebatte weiter an.

Die Fußball-WM in Brasilien – ein El Dorado fĂŒr das Sexgewerbe

Weiter angefacht wird das Feuer durch die katholische Kirche. Zwar richtet sich der Blick des Vatikans auf Brasilien, aber auswirkungen hat es zumindest medial auch auf uns. Denn laut diverser Pressemeldungen habe das“ internationale Netz katholischer Ordensschwestern“ eine Kampagne gestartet, welche die brasilianische Bevölkerung fĂŒr die Themen Menschenhandel und Prostitution sensibilisieren soll. Denn 2014 findet dort die Fußball-WM statt und … jetzt kommt’s … „Die Profite durch Prostitution und Ausbeutung von Menschen sind enorm und nehmen bei internationalen Events wie eine WM rasant zu“. Das behauptet zumindest Ordensschwester Gabriella Bottani. Weiter wird behauptet, dass schon bei der WM in Deutschland 2006 die Prostitution um 30 Prozent gestiegen sei, bei der WM in SĂŒdafrika 2010 habe der Anstieg bei 40 Prozent gelegen.

Erschreckend sind jetzt nicht diese eindeutig falschen Behauptungen an sich, ist man ja von der katholischen Kirche in puncto SexualitĂ€t einiges Abstruses gewöhnt. Schlimmer ist, dass viele deutsche Medien diesen Quatsch unkommentiert abdrucken. Denn trotz solcher und Ă€hnlicher Prognosen, haben sich diese in der Vergangenheit nie bewahrheitet. Richtig ist, dass weder bei der WM 2006 in Deutschland, noch bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine, noch bei Olympia 2012 in London ein Anstieg des Sextourismus‘ verzeichnet wurde. Eher das Gegenteil war der Fall, denn die Einnahmen des Rotlichtgewerbes gingen im Schnitt zurĂŒck. In SĂŒdafrika indes ist Prostitution (im Gegensatz zu Deutschland, Ukraine, England, Brasilien) ausnahmslos illegal, die dortigen Huren sind den Restriktionen und Sanktionen der Behörden ausgeliefert und rechtlich schutzlos gegenĂŒber Gewaltdelikten. Die Diskussionsgrundlage ist dort bereits eine völlig andere. Dennoch waren auch hier die Verlautbarungen bezĂŒglich einer Sex-gegen-Geld-Hochkonjunktur nur heiße Luft.

Sex-Sklavinnen in Nordrhein-Westfalen

Gestern titelte die Westfalenpost „Warum Sex-Sklavinnen in der Schweigefalle gefangen sind“. Dem Artikel zufolge soll ein großer Teil der bundesweit 400.000 sexarbeiterinnen (30.000 in NRW) sich nicht freiwillig prostituieren. Obwohl die „Zahlen der durch die Polizei erfassten Opfer, der TĂ€ter und die Summe der beschlagnahmten Rotlicht-Erlöse“ laut Lagebild „Menschenhandel NRW 2012 seit 2011 sinken. Laut Zeitung seien sie „beschĂ€mend gering“. Landesweit wurden im letzten Jahr nĂ€mlich nur 71 Opfer erfasst. Wie es auf derwesten.de heißt, kenne das Landeskriminalamt nur „das Hellfeld“, wie groß das „Dunkelfeld“ sei wisse man nicht.

Aber jetzt mal langsam! Die Opferzahlen sind beschĂ€mend gering? Warum will man mehr Opfer? Weil sonst die Prostitutionsdebatte ad absurdum gefĂŒhrt wĂŒrde? Oder weil man um die Masse an Opfern weiß, diese aber nicht „befreien“ kann? Ich glaube es wird ersteres sein.

Schauen wir uns alles mal genauer an: In Nordrhein-Westfalen, dem Bundesland mit einigen der wirtschaftlich und demografisch stĂ€rksten BallungsrĂ€umen, etlichen GroßstĂ€dten und insgesamt rund 17,5 Mio. Einwohnern, soll es rund 30.000 Prostituierte geben. 17,5 Mio. Einwohner: das ist beinahe ein Viertel der deutschen Gesamtbevölkerung. Hingegen sind 30.000 nur ein Dreizehntel von 400.000. Gut, wir wissen (offensichtlich im Gegensatz zum Westfalenpost-Autor), dass es keine 400.000 Prostituierte in der Bundesrepublik gibt. Aber Redakteur D. Seher hĂ€tte bei seinem eigenen Zahlenhokuspokus ja selbst schon stutzig werden können. Wird er aber leider nicht.

Guckt man sich die Lagebilder „Menschenhandel NRW aus den Jahren 2011, 2012 und 2013 an, dann erfĂ€hrt man noch ein paar ganz andere ZusammenhĂ€nge. So heißt es Bspw.:

„2012 fĂŒhrten die Polizei NRW und die Ordnungsbehörden insgesamt 927 Kontrollen durch. 2013 wurden polizeiliche und ordnungsbehördliche Kontrollen bei ProstitutionsstĂ€tten mit insgesamt 821 EinsĂ€tzen durchgefĂŒhrt.“

Wenn man Bedenkt, dass wĂ€hrend einer solchen Razzia nicht nur ein sondern etliche Etablissements aufgesucht werden, dann kann man definitiv nicht davon ausgehen, dass die Behörden keinerlei bzw. nur eingeschrĂ€nktes Zugriffs- und Kontrollrecht besaßen. Also kann schon mal ausgeschlossen werden, dass man MenschenhĂ€ndlern persĂ© nicht habhaft werden kann. In Zahlen: 2012 gab es 81 und 2013 65 Verfahren. Das LKA sagte 2012 sogar selbst:

„Anzunehmen wĂ€re, dass eine solche KontrollintensitĂ€t die Entdeckung von FĂ€llen des Menschenhandels fördert. Die Zahl ermittelter MenschenhandelsfĂ€lle und -opfer ging dennoch erneut zurĂŒck.“

Von „beschĂ€mend gering“ kann also nicht die Rede sein. Aber anstatt sich zu freuen wird behauptet, es gĂ€be ein hohes (keine Zahlen) Dunkelfeld der Gewalt, „die Frauen hĂ€tten oft pure Angst und „sie haben auch wenig Vertrauen in die Polizei“. Letzter Punkt ist aber nicht weiter verwunderlich. Man stelle sich nur mal vor, wie dutzende uniformierte und bewaffnete MĂ€nner, in einer teils sogar fremden Sprache sprechend, das Schlafzimmer stĂŒrmen, in dem man gerade leicht bzw. unbekleidet IntimitĂ€ten austauschen will – und das mehrmals jĂ€hrlich. Aber nein, das ist ja nur die Polizei, die darf das, da braucht man keine Angst und kein Unbehagen haben… Und wer sich dennoch unwohl und eingeschĂŒchtert fĂŒhlt und das nicht einmal verbergen kann, der ist klar ein Opfer von MenschenhĂ€ndlern.

Der nÀchste Satz entbehrt dann jeglicher Eigenlogik:

„Das AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnis zwischen Opfern und TĂ€tern und der regelmĂ€ĂŸig niedrige Bildungsstand der Opfer dĂŒrften ein Übriges dazu tun, dass auch kĂŒnftig ProstitutionstĂ€tigkeit so gut wie nicht angemeldet wird. Insofern hat das Prostitutionsgesetz die soziale Lage der Opfer von Menschenhandel nicht nachhaltig verbessert/verĂ€ndert.“ (Lagebilder „Menschenhandel NRW 2012)

Das ProstG richtet sich an Sexarbeiterinnen, die ihren Job eigenverantwortlich und selbstbestimmt ausĂŒben wollen. Warum sollte sich ein Opfer von MenschenhĂ€ndlern auch bei Finanzamt und Co. anmelden, geschweige dies können und dĂŒrfen? FĂŒr deren Rechtsschutz ist ĂŒbrigens u.a. das Strafgesetzbuch verantwortlich und nicht das Prostitutionsgesetz. So ein Quark. Diese innere Unlogik geht 2013 aber noch weiter:

„Der Anteil der Opfer, die ihre TĂ€tigkeit angemeldet haben, hat 2013 mit 8,5 % (11,6 %) einen absoluten Tiefststand erreicht. Dieser Trend ist seit 2009 zu beobachten, als der Anteil der angemeldeten Opfer von 46,8 % im Jahr 2008 auf 29,0 % fiel. GrĂŒnde fĂŒr diese niedrige Quote sind auch 2013 nicht bekannt geworden.“

Eine sinvolle und hĂ€ufig ausgelassene Erkenntnis taucht aber doch noch auf. Und zwar heißt es:

„Die erfolgreiche EindĂ€mmung von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung und seiner Ursachen ist aber weitgehend von nicht durch die Polizei zu beeinflussenden Faktoren abhĂ€ngig. Generell dĂŒrften Maßnahmen zur Linderung wirtschaftlicher Not und Verbesserung aussichtsloser Lebenssituationen der Opfer in den HerkunftslĂ€ndern (z. B. im Bildungswesen) am ehesten geeignet sein, junge Frauen vor den Versprechungen von Schleusern und MenschenhĂ€ndlern zu wappnen. Hierzu sind in erster Linie Maßnahmen auf europĂ€ischer Ebene erforderlich.“

Hier wird endlich, wenn auch indirekt, gesagt, dass das deutsche Prostitutionsgesetz und die Legalisierung der Sexarbeit nich die eigentliche Ursache fĂŒr den Anstieg der Armutsprostituierten ist. Ebenso kann eine BekĂ€mpfung nicht mittels erhöhter Kontrolldichte, Restriktionen und Sperrbezirksverordnungen erfolgen.

Eine weitere interessante Erkenntnis aus dem Lagebild 2013 ist folgende:

„Wie 2012 stellte die Altersgruppe der 18- bis 25-JĂ€hrigen mit 67,6 % (53,7 %) den grĂ¶ĂŸten Anteil der bekannt gewordenen Opfer.Die Gruppe der jugendlichen Opfer lag 2013 mit 11,3 % (absolut 8) auf dem niedrigsten Stand seit zehn Jahren. Unter den Opfern befanden sich erneut keine Kinder.“

Auch hier geistern in den deutschen Medien ja teils völlig gegensĂ€tzliche infernalische Behauptungen herum. Ja, 8 sind immer noch 8 zuviel. Aber dennoch…

Eins habe ich noch ausgelassen. Warum könnten die Polizeibehörden in Nordrhein-Westfalen vielleicht noch ein „Problem“ mit dieser verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig niedrigen Zahl der Verfahren haben? Das Geld! Denn bei Ă€hnlicher Kontrolldichte haben die Behörden 2011 aus insgesamt 95 Verfahren (Anklage: Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung) noch Gewinne in Höhe von 131.630 Euro eingezogen. 2012 waren es dann nur noch 36.800 Euro und 2013 schlappe 13.000 Euro.

Bleibt nur zu hoffen, dass das Geld keinen Einfluss auf Entscheidungsprozesse bei der Polizei hat…

Was man abschließend aber immer erkennt, ist, dass vorhandene Zahlen zur Prostitution immer etwas komplett anderes aussagen, als der breite öffentliche Tenor. Menschenhandel wird zu Unrecht stets mit Prostitution gleichgesetzt und eine Debatte teils mit unlauteren Mitteln und persönlichen Überzeugungen gefĂŒhrt.

rmv

PS: Wer mehr lesen möchte:

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