„Stimme Russlands“ berichtet falsch ĂĽber Prostitution in Deutschland

Rundfunksender gibt Fakten völlig willkürlich wieder, dichtet Dinge dazu und vernachlässigt komplett seinen journalistischen Anspruch

„Prostitution boomt in Deutschland – Femen macht Geschäft“ lautet der Titel eines Berichts des russischen Rundfunk-Auslandsdienstes „Stimme Russlands„. Der Autor Olivier Renault will darin ĂĽber Prostitution und Co. in der Bundesrepublik sowie ĂĽber die Arbeit der Frauenorganisation Femen informieren. Nur leider verfehlt er die Wirklichkeit fast vollständig. Sein Text ist dabei einseitig, durchweg fehlerhaft und vollkommen populistisch.

Und das wo der Sender auf seiner Website german.ruvr.ru ĂĽber sich sagt: „Die „Stimme Russlands“ – das sind kreative Mitarbeiter der höchsten Qualifikation – Journalisten, Redakteure, Kommentatoren, Analytiker, Fachleute fĂĽr Ă–konomie, Geschichte, Kultur Russlands und ebenso jener Länder, in die wir senden, und natĂĽrlich Ăśbersetzer, Sprecher und Studiotechniker.“

„Mitarbeiter der höchsten Qualifikation“ also! Naja, investigativer Journalismus sieht jedenfalls anders aus. An dieser Stelle könnte man dem Sender bzw. dem Autoren auch unterstellen, ganz bewusst gehandelt zu haben, also wissentlich das deutsche Prostitutionsgesetz diffamieren zu wollen und sich demzufolge einer falschen Faktenlage zu bedienen.

Vielleicht sollte Renaults Text mal auseinander genommen werden:

Im Aufmacher ist gleich zu lesen, dass die Zahl der Wohnungen, welche zu Bordellen umgewandelt werden, in deutschen Städten steige. „Abends sieht man die vielen kleinen roten Lichter in den Fenstern. Diese bedeuten, dass die Wohnung ein Ort fĂĽr Sex ist“, so der Text

Hier sind schon einmal zwei Fehler drin! Eine einzelne Wohnung, die fĂĽr die Dienstleistungen einer Prostituierte genutzt wird, ist kein Bordell, sondern ein Appartement bzw. eine Modellwohnung. Zum anderen ist die Aussage mit den kleinen roten Lichtern rein subjektiv und spiegelt ĂĽberhaupt keinen realen Sachverhalt wieder. Nicht jede Modellwohnung ist rot erleuchtet und nicht hinter jeder roten Gardine befindet sich eine Prostituierte.

Weiter ist im nächsten Absatz folgendes zu lesen:

„Mit der Krise ist in Deutschland die Zahl der Männer und Frauen gestiegen, die ihren Körper verkaufen.“

Bitte woher hat er denn diese Behauptung? Wie kommt er darauf? Wenn er geschrieben hätte, dass mit der EU-Osterweiterung der Strom an ukrainischen und bulgarischen Huren zugenommen hat, dann ja. Aber was hat das mit einer „Krise ist in Deutschland“ zu tun?

Ein paar Sätze später, in denen das Recht von Sexarbeiterinnen auf Arbeitslosen- und Krankenversicherung herabgewĂĽrdigt wird, heiĂźt es: „Das lukrative Geschäft zählt mehr als 500.000 Prostituierten oder ĂĽber 500.000 Menschen, die nicht eine normale Arbeit finden können, um anständig zu leben.“

Also bitte! Sind die in Deutschland im Umlauf befindlichen Zahlen von 400.000 Prostituierten schon rein spekulativ – hier auf dem Blog wurde bereits mehrfach dazu kommentiert – so sind die 500.000 komplett an den Haaren herbeigezogen. Nicht mal eine Quelle fĂĽhrt der Autor an. AuĂźerdem, was ist unter „anständig“ leben zu verstehen. Betrachtet man die Lebensumstände von vielen Sozialhilfeempfängern, Zeitarbeitern und Niedriglöhnern, dann sind diese auch nicht „anständig“.

Leider wird der Text nicht besser. Zerst macht der Autor Gebrauch von einem immer wieder gern genutzten, völlig haltlosen Zitat, wonach sich Deutschland in eines der größten Bordelle Europas verwandelt habe. Und dann kommt’s ganz Dicke, so schreibt Renault folgendes:

„Zu oft erhalten Junge Arbeitslose vom deutschen Arbeitsamt das Angebot, im Bordell zu arbeiten. Am 6. Februar berichtete die Augsburger Allgemeine Zeitung ĂĽber den Fall einer jungen Frau, die ins Bordell vermittelt wurde. […] In Deutschland wird Sklaverei, Sexismus und Rassismus institutionalisiert. Der Fiskus stellt Ticketautomaten fĂĽr Prostituerte auf.“ Dann zitiert er einen FIM-Mitarbeiter, wonach Ausländer niedriger bezahlt wĂĽrden, als deutsche Prostituierte.

Wenn man bei der „Stimme Russlands“ seinem journalistischen Anspruch gerecht werden wĂĽrde, dann wäre so ein Satz zur Arbeitsagentur gar nicht möglich gewesen. Der Sachverhalt ist nämlich völlig unzureichend wiedergegeben, zudem werden wichtige Informationen einfach ausgelassen. Erstens suggeriert der Artikel Die Agentur fĂĽr Arbeit wĂĽrde ständig Frauen an Bordelle vermitteln („Zu oft erhalten Junge Arbeitslose …“) und Zweitens wird wissentlich unterschlagen, dass in dem Fall in Augsburg der jungen Frau zwar eine Stelle im Bordell vermittelt wurde, jedoch NICHT als Prostituierte, sondern als Bardame.

Die Aussage, dass in der Bundesrepublik „Sklaverei, Sexismus und Rassismus institutionalisiert“ wĂĽrde ist eine haltlose und unverschämte Behauptung, die einfach nur propagandistisch ist. Ebenso die Aussage ĂĽber unterbezahlte Ausländerinnen. Dies trifft zwar oft in gewisser Weise schon zu, jedoch aus ganz anderen GrĂĽnden. Konkurrenzdruck, Preisdumping durch osteuropäische Frauen und Unwissenheit ĂĽber die eigenen Rechte sind meist die Ursachen fĂĽr dieses Gefälle. Der Autor hätte hier lieber auf demografische, soziologische und Angebot-Nachfrage-Verhältnisse blicken sollen, als einfach eine aus dem Zusammenhang gegriffene Aussage zu zitieren.

Was die Ticketautomaten (Anmerkung: in einigen Städten fĂĽr die Entrichtung der Sexsteuer aufgestellt) jetzt beweisen sollen, bleibt schleierhaft. Zwar stehen die Automaten immer wieder in der öffentlichen Diskussion, jedoch versucht der Autor hier einfach nur einen kruden Zusammenhang herzustellen, zwischen Sexsteuer und … Sklaverei?

Nächster Absatz, hier wird gegen die Arbeit von „Femen“ gewettert. Dort lieĂźt man: „[…] vor den Ministerien fĂĽr Arbeit und Familie in Berlin, wo die wirklichen Verantwortlichen fĂĽr diese Missbräuche sitzen. In Deutschland ist es der Staat, der die erste Instanz, die fĂĽr die Organisation der Prostitution steht.“

Allerspätestens jetzt wird einem klar, dass der Autor entweder keine Ahnung hat (was aber zu bezweifeln sein dĂĽrfte), aus persönlicher Abneigung heraus einen solch kruden Beitrag verfasst hat oder tatsächlich das Ziel hatte, Propaganda-Märchen zu verbreiten. Da er an den Prostitutionsgegnerinnen von „Femen“ ebenfalls kein gutes Haar lässt, bleibt zu vermuten, dass der „Stimme Russlands“-Journalist Olivier Renault letztendlich schlicht seiner enormen Abneigung gegenĂĽber dem Thema Prostitution Luft machen wollte. Dann hat aber auch die Redaktion des Rundfunksenders versagt, sonst hätte sie den Beitrag gar nicht erst in dieser Form veröffentlichen dĂĽrfen – weil ja „Mitarbeiter der höchsten Qualifikation“!

 rmv

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