Stimmungsmache gegen das Prostitutionsgewerbe

30. Mai 2013

Magazin „Der Spiegel“ gibt sich rei√üerisch, tendenzi√∂s und polemisch

‚ÄúBordell Deutschland ‚Äď Wie der Staat Frauenhandel und Prostitution f√∂rdert‚ÄĚ titelt das w√∂chentliche Nachrichtenmagazin Der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe. Das Heft, das bereits seit ein paar Tagen in Umlauf ist, hat in dieser Zeit schon etlichen Unmut auf breiter Front verursacht. Mit einiger Versp√§tung soll nun endlich auch in diesem Blog dar√ľber berichtet werden.

Was haben sich die Spiegel-Autoren und -Redakteure bei der Erstellung des Beitrags dabei gedacht? ‚ÄúBordell Deutschland“ ist eine rei√üerische Schlagzeile, wie man sie eher in billigen Boulevardbl√§ttern erwartet. Verleumderisch, verf√§lschend und schlicht unsinnig gibt sie doch nicht im Geringsten die Realit√§t wider. Und so war wahrscheinlich auch die journalistische Arbeit der Autoren nicht auf das Thema Prostitution hin aufgebaut, also keine n√∂tigen, umfangreichen Recherchen aus denen sich dann langsam ein Report ergibt. Vielmehr hat es den Anschein als st√ľnde zu Anfang ausschlie√ülich der Titel unabdingbar fest und auf diesen aufbauend wurden dann Fragmente aus Zitaten, Meinungsbildern, und Halbwahrheiten zusammengesucht um ein bereits in der √Ėffentlichkeit bestehendes Bild √ľber Prostitution zu zeichnen, das schlicht als Hetzkampagne, Prostituierten-Stigmatisierung und Antidemokratisch zu bezeichnen ist.

Mehr noch ziehen sich ausschlie√ülich die Begriffe Zwangsprostitution und Menschenhandel wie ein roter Faden durch den Text. Die Autoren Meyer, Neumann, Schmid, Truckendanner und Winter legen diesem einzelne ersch√ľtternde F√§lle von Menschenhandel (4 sind es insgesamt, wobei eine der Frauen eine drogenabh√§ngige Stricherin ist) zur Basis. Und diese vier F√§lle stehen angeblich namensgebend f√ľr ganzes Gewerbe. Warum hier wieder Menschenhandel synonym f√ľr Prostitution steht, wissen nur die Autoren selbst. Am Ende kann man deren Arbeit nur als dilettantisch werten. In einem anderen Kontext und mit g√§nzlich anderer Konnotation w√§re ein Artikel √ľber die Schicksale der vier Frauen sehr lesenswert, aber so …?

Die Experten, welche die Spiegelredaktion hier zu Wort kommen l√§sst, sind dann nat√ľrlich beinahe g√§nzlich solche, die sich, mitunter wirklichkeitsverdrehend, gegen eine legale Prostitution aussprechen.

Ich lasse jetzt mal die einzelnen Schicksale/die Geschichten weg und konzentriere mich nur auf die weiteren Behauptungen der Spiegel-Journalisten:

Auf Seite 58 wird im Zusammenhang mit der Verabschiedung des Prostitutionsgesetzes (in fetten Lettern samt Foto) folgendes √ľber Christine Bergmann (damals Bundesfamilienministerin), Felicitas Schirow (Bordellbesitzerin) und Kristin M√ľller (damals Vorsitzende der Bundestagsfraktion B√ľndnis 90/Die Gr√ľnen) gesagt:

„Drei Frauen in Partylaune, weil M√§nner in Deutschland endlich bedenkenlos in Bordelle gehen k√∂nnen“

Wie bitte? Rei√üerischer und unwahrer geht’s ja kaum. Es ging dabei um die Aufhebung der Sittenwidrigkeit und die nun gesetzliche Anerkennung der Rechte der Prostituierten. Nicht um eine neue Bedenkenlosigkeit der Freier. Aber eine andere Aussage als eben jene get√§tigte w√ľrde ja nicht ins Konzept „Staat f√∂rdert Frauenhandel“ passen.

Weiter gehts mit folgender, rein populistischen Falschaussage:

„Inzwischen sind viele Polizisten, Frauenorganisationen und Politiker, die Prostitution aus der N√§he kennen, √ľberzeugt: Das gutgemeinte Gesetz ist ein F√∂rderprogramm f√ľr Zuh√§lter und macht den Markt f√ľr Menschenh√§ndler attraktiver.“

Und auf Seite 59 heißt es bezugnehmend auf eine Evaluation des Familienministeriums:

„Die Liberalisierung habe keine „messbare tats√§chliche Verbesserung der sozialen Absicherung von Prostituierten bewirken k√∂nnen.““

Bedenkt man aber mal, dass sich die gemeine Berichterstattung stigmatisierend verh√§lt, Beh√∂rden und √Ąmter von Stadt zu Stadt unterschiedliche Auslegungen der Rechtm√§√üigkeit sowie Steuerpflicht (Stichwort Vergn√ľgungssteuer) von Sexarbeit haben und demzufolge die notwendige Unterst√ľtzung und Anerkennung f√ľr die Huren oft ausbleibt, ist obige Erkenntnis doch wenig verwunderlich.

Eine Hammeraussage folgt auf Seite 63:

„Belegt ist, dass √ľberdurchschnittlich viele Prostituierte als Kind unter Misshandlunge und Vernachl√§ssigung gelitten haben. Befragungen ergaben, dass ein gro√üer Teil als traumatisiert gilt. Huren leiden sehr viel √∂fter als die Gesamtbev√∂lkerung an Depressionen, Angstst√∂rungen und Suchterkrankungen. Die meisten Prostituierten sind vergewaltigt worden …“

Das muss man jetzt mal auf sich wirken lassen. Woher kommen diese Behauptungen? Welche Studie, was f√ľr eine Statistik liegt dem zugrunde? Die meisten Prostituierten sind also vergewaltigt worden. Was hei√üt die meisten? 70 – 90 Prozent oder wie viele? Was muss das Geschlecht Mann doch f√ľr ein diabolisches und gewaltt√§tiges Naturell haben… Zu Beginn des Beitrags sprechen die Autoren ja von einer Gesamtheit von etwa 200.000 Prostituierten in Deutschland (Hier mal ein Lob, denn erstmals wird nicht von der st√§ndig in Gebrauch befindlichen und rein fiktiven Anzahl von 400.000 Prostituierten gesprochen. Lob ende). Das w√ľrde ja bedeuten, dass 140.000 (70%) und mehr dieser Frauen vergewaltigt wurden. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik von 2012 wurden im letzten Jahr insgesamt 8.031 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung im Sinne von Vergewaltigung und sexueller N√∂tigung erfasst. Allerdings gibt es hier selbstverst√§ndlicherweise keine Differenzierung nach Beruf der Opfer. Zudem: Wie viele Frauen werden w√§hrend ihrer Ehe vergewaltigt? Muss die Ehe deshalb verboten werden? Eigentlich ja!

Und was hei√üt hier Prostituierte? Offensichtlich werden alle Sexworkerinnen pauschal unter einen Hut gesteckt, keine Differenzierung zwischen Dienstleisterinen im Bordell, im Laufhaus, im Saunaclub oder im Appartement, ob auf dem Stra√üenstrich, in Wohnmobilen, in der Privatwohnung oder in dubiosen Hinterzimmern, ob selbst√§ndig (bzw. scheinselbst√§ndig), angestellt oder Gelegenheitsprostituierte, ob Callgirl, Nobel-Escort-Dame oder Domina… Warum auch? Die Meinung, dass alle Huren hilf- und wehrlos sowie Gewaltopfer sind, darf doch nicht aufgegeben werden.

Nachtrag (31.05.): Es gibt eine US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2003 mit dem Titel „Prostitution and Trafficking in Nine Countries: An Update on Violence and Posttraumatic Stress Disorde“. Daf√ľr wurden insgesamt 854 Frauen in neun L√§ndern befragt. Allerdings waren das in Deutschland, genauer gesagt in Hamburg, nur 54 Prostituierte. 34 der 54 Befragten gab danach an, schon einmal vergewaltigt worden zu sein. 54 Frauen, das ist jedoch weit entfernt, repr√§sentativ zu sein. Zudem wurden nur Frauen befragt, welche sich in einer Einrichtung f√ľr Drogenabh√§ngige bzw. in einem Programm, das f√ľr jene eine beruflichen Rehabilitation anbietet, befanden. Einige der Frauen wurden auch von anderen Prostituierten vermittelt oder wurden aus der Lokalwerbung ausgew√§hlt.

Hier passt ja ganz gut die nächste Behauptung bezugnehmend auf die Gesetzeslage und Haltung in Schweden (Seite 64):

„Prostitution sei Ausbeutung, so lautet grob vereinfacht, das Argument, es gebe immer ein Machtgef√§lle. Wenn M√§nner sich Frauen f√ľr Sex kaufen k√∂nnten, zementiere das ein Frauenbild, das der Gleichberechtigung u. allen Frauen Schade.“

Ja der Mann als T√§ter und Gewaltt√§ter. Unterschlagen wird nat√ľrlich ganz bewusst, dass etliche Freier eher zur√ľckhaltend, und sch√ľchtern einer Prostituierten gegen√ľbertreten, unz√§hlige verhalten sich wertsch√§tzend, viele sind √ľberaus devot, bei anderen ist es reies Machogehabe, weitere wollen nur ihre Lust befriedigen und sind dann auch gleich wieder weg etc.pp. Aber Medienwirksam sind ja Schlagw√∂rter wie Gewalt, Machtgef√§lle, Unterdr√ľckung oder N√∂tigung. In diesem Sinne wird auch des ehemalige, in die Negativschlagzeilen geratene Flatrate-Bordell „Airport Muschis“ in Berlin Sch√∂nefeld als Paradebeispiel f√ľr alle in Deutschland existierenden Bordelle genommen.

Auf der selben Seite wird dann gleich dieses hier Kund getan:

„50 bis 90 Prozent der Prostituierten, so sch√§tzt die Polizei, √ľben das Gewerbe nicht freiwillig aus.“

50 bis 90 Prozent. Aha! Dann kann ich ja gleich sagen 5 bis 95 Prozent. Also auf solch schwammiges und inhaltslehres Zahlenspiel braucht man nun wirklich nicht eingehen.

Wie zu Beginn meines Kommentars schrieb, hat der Spiegel-Artikel bereits etlichen Unmut auf breiter Front verursacht. Daher m√∂chte ich jetzt nicht selbst weiter ausholen sondern verweise hier auf einige sehr informative und um Welten seri√∂sere Zu-Wort-Meldungen anderer. Darin wird desweiteren sehr informativ auf die √Ąu√üerungen der in „Bordell Deutschland“ zitierten Prostitutionsgegner eingegangen.

Dona Carmen

Die Prostituiertenselbsthilfeorganisation „Dona Carmen e.V.“ bezeichnet auf ihrer Homepage (hier) die Beitr√§ge u.a. als „sch√§bigster Gesinnungs-Journalismus der niedersten Art“, als „Versuch der Stimmungsmache“ und schreibt Bezug nehmend auf die Behaupung Deutsche Ermittler h√§tten kaum noch M√∂glichkeiten, √ľberhaupt in die Bordelle hineinzugehen wodurch Deutschland zu einem ‚ÄěZentrum der sexuellen Ausbeutung“ geworden sei:

„Das ist grober Unfug. Die Razzien- und Kontrolldichte ist im bundesdeutschen Prostitutionsgewerbe so hoch wie in keinem anderen Wirtschaftszweig. Ausweislich der seit √ľber zehn Jahren von Dona Carmen gef√ľhrten Razzien-Statistik (vgl. www.donacarmen.de) wurden allein in den Jahren 2000 bis 2009 im Zuge von 223 Gro√ürazzien im bundesdeutschen Prostitutionsgewerbe in etwa 410 St√§dten und Gemeinden rund 4.000 Prostitutionsst√§tten und damit etwa 20.000 Frauen kontrolliert.“

Menschenhandelheute.net

Auch das kritische Online-Magazin zum Thema Menschenhandel, menschenhandelheute.net, √§u√üert sich hier. Unter dem Titel „Bordell Deutschland ‚Äď Journalismus auf L√ľcke“ schreibt Sonia Dolinsek:

„Andererseits hat dieses Prinzip der Forschung ja ein bekannter CSU-Politiker vorgemacht ‚Ķ Die Abschaffung des Tatbestandes der ‚ÄúF√∂rderung der Prostitution‚ÄĚ sei daran schuld, dass man jetzt nichts mehr gegen Menschenhandel und Zuh√§lterei tun k√∂nne. Dass es jedoch weiterhin ein Gesetz gegen Zuh√§lterei und eines gegen Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung gibt, halten die Autor_innen offenbar nicht f√ľr erw√§hnenswert.“

„Dar√ľber hinaus w√ľrde eine Gesetzes√§nderung im Bereich Prostitution die Aussagebereitschaft der Opfer nicht erh√∂hen. Hierzu sind √Ąnderungen an anderen Gesetzen n√∂tig, z.B. beim Aufenthaltsrecht oder dem Opferentsch√§digungsrecht. Beide lassen die Autor_innen g√§nzlich unerw√§hnt.“

In puncto Polizeistaat: offensichtlich w√ľnschen sich die Spiegel-Autoren ja, wie auch ihre Quelle, Polizeipr√§sident Wilhelm Schmidbauer (S. 58 unten), eine unbegrenzte Telefon√ľberwachung. Da hei√üt es erg√§nzend:

„Ganz gleich auf welcher Seite der oft hitzigen Prostitutionsdebatte man steht, √úbereinstimmung sollte bei einem Punkt herrschen: ein moralischer Dissens in der Gesellschaft √ľber das F√ľr und Wider von Prostitution darf nicht zur Aushebelung von B√ľrgerrechten und der Unschuldsvermutung f√ľhren.“

Internet-law.de

Daneben muss der Beitrag „Der SPIEGEL und die hohe Kunst des Tendenzjournalismus“ von Fachanwalt Thomas Stadler auf dessen Blog hervorgehoben werden – bitte lesen. U.a. hei√üt es darin:

„Der zentrale Kritikpunkt am Artikel des SPIEGEL ist aber ein anderer. Denn der Text befasst sich im wesentlichen gar nicht mit Zuh√§lterei, sondern mit dem, was man juristisch als Zwangsprostitution bezeichnet. Und an diesem Punkt ist die Darstellung des SPIEGEL geradezu grotesk falsch.“

„Da mit dieser Vorschrift gerade die sog. Zwangsprostitution ‚Äď um die es im Artikel des SPIEGEL eigentlich geht ‚Äď strafrechtlich erfasst wird, ist der gesamte Grundtenor des Spiegeltitels unrichtig. Eine seri√∂se Berichterstattung h√§tte vielmehr darauf hinweisen m√ľssen, dass der Gesetzgeber die Regelungen zur Zwangsprostitution 2005 deutlich versch√§rft hat. Es kann also wahrlich keine Rede davon sein, dass der Staat Frauenhandel und Prostitution f√∂rdert. Das Gegenteil ist vielmehr richtig.“

„Es stellt sich deshalb die Frage, weshalb der SPIEGEL eine bekannte konservative, um nicht zu sagen reaktion√§re, Position √ľbernimmt und sodann mit einer falschen Darstellung der Fakten untermauert. Geht es hier nur um den rei√üerischen Aufmacher? Mit seri√∂sem Journalismus hat das jedenfalls nichts zu tun. Das was der SPIEGEL hier anbietet, ist nichts anderes als Tendenzjournalismus in Reinkultur.“

Carmen

Ein gutes Schlusswort wie ich finde. Allerdings ist an dieser Stelle noch nicht Schluss, denn es gibt noch einen weiteren Beitrag in jenem Heft. Dessen Autor, Sven Becker, portraitiert unter dem Aufmacher „Dunkle Phansasien“ eine Berliner Escort-Dame. Intelligent, studiert, kultiviert, politisch engagiert und √ľberaus umtriebig in puncto Prostituiertenrechte (achja, sch√∂n ist sie auch noch) stellt Carmen ein Paradebeispiel einer Emanzipierten und selbstbewussten Sexworkerin dar. Nur gibt es ein Problem. So passt das doch nicht in das Spiegel-Meinungsbild. Fazit: Herr Becker beschr√§nkte sich in seinem Geschreibsel vornehmlich auf Oberfl√§chlichkeiten … Aber auch hier brauche ich nicht ausholen, weil es Carmen viel besser kann. Sehr √úberzeugend schreibt sie auf ihrem Blog √ľber das Zustandekommen des Artikels und ihre Entr√ľstung aufgrund des Ergebnisses.

Zwar hat sich auf ihre Stellungnahme hin auch Herr Becker bereits im Netz ge√§u√üert/gerechtfertigt (hier), aber bekommt man bei jener Lekt√ľre eher den Eindruck Becker sei ein Hase auf der Flucht, der sich dr√ľckt, Haken schl√§gt und am Ende die Hatz verliert, indem er sich nur noch im (verbalen) Todeskampf windet.

Hier noch einmal die erw√§hnten Reaktionen auf den Spiegel-Ausfluss ‚ÄúBordell Deutschland‚ÄĚ:

– Der Blogbeitrag von Carmen auf ihrer Seite courtisane.de (hier)

– sowie Sven Beckers Gegendarstellung (hier)

– Die Stellungnahme von Dona Carmen (hier)

– Sonia Dolinsek auf menschenhandelheute.net (hier)

– und Fachanwalt Thomas Stadler auf internet-law.de (hier)

Nehmt euch also ruhig mal ne Stunde Zeit und schaut euch die Beiträge an. Es lohnt sich!

rmv

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