Travestie-Ikone Lilo Wanders schließt sich sexworkerfeindlicher Kampagne an

12. Juli 2022

BesD zeigt sich schockiert √ľber die 180 Grad Wende | Sexarbeiterin Madame Kali mit pers√∂nlichem Brief an Wanders

Mit falschem Feminismus kennen sich die Macher:innen der sexworkerfeindlichen Kampagne #RotlichtAUS aus. Neuester Medien-Clou sind „Aufkl√§rungsveranstaltung“ und Plakataktion „gegen Zwangsprostitution“ in und um die nieders√§chsische St√§dte Stade und Buxtehude. Ein Clou, weil sie es schafften, die emotionalisierende und absolut stigmatisierende Plakatierung neben einem Bordell zu installieren und alle lokalen Medien davon berichten zu lassen. Ein Clou, weil wieder einmal auch seri√∂se Medienh√§user √∂ffentlichkeitswirksam auf den Fake hereinfallen. So schafften es die #RotlichtAUS-Macher:innen um den Verein Sisters e.V. u.a. den NDR (hier) davon zu √ľberzeugen, dass Zwangsprostitution und Menschenhandel hierzulande die Norm und nicht die Au√ünahme ist. Davon, dass man mit der Bordellplakatierung die Bev√∂lkerung sensibilisieren und aufkl√§ren und zugleich die Prostituierten sch√ľtzen wolle.

Ein Clou, weil sie √∂rtlichen Treiberinnen der M√§r vom machtlosen Staat und der √ľberm√§chtigen Rotlicht-Lobby gefunden haben, wie die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Buxtehude, Gabi Schnackenberg. Dem NDR gegen√ľber sagte sie: „Wir m√∂chten der Seite der Prostitution eine Stimme geben, die keine eigene hat, weil sie von Menschenhandel betroffen ist.“ In der Morgenpost spricht sie von einem „Meilenstein“: ‚ÄěEs ist nicht okay, Frauen zu verkaufen. Deshalb m√ľsse Prostitution verboten werden.“ Verallgemeinerungen mittels der Plakataufschriften wie ‚ÄěDein Spa√ü ist mein Horrortrip‚Äú oder ‚ÄěDu bekommst und ich verkomme‚Äú findet Schnackenberg gut (hier). Von freiwilliger Prostitution scheint Schnackenberg nichts wissen, den inneren Widerspruch zu ihrem Job nicht erkennen zu wollen. Was hat ein bundesweites Verbot f√ľr alle in der Sexarbeit t√§tigen Frauen denn mit Gleichstellung zu tun? Was ist mit dem Recht auf freie Berufsaus√ľbung? Wo ist die Gleichstellung hin, wenn unisono allen Prostituierten eine menschenunw√ľrdige Zwangslage attestiert wird? Eine Farce ist Schnackenbergs Wunsch: „der Prostitution eine Stimme geben, die keine eigene hat, weil sie von Menschenhandel betroffen ist.“

Ein Clou der Abolitionist:innen-Bewegung, dass sie es schafft die Zahl der Kampagnen-Unterzeichner:innen prominent auszuweiten. Neusestes Mitglied im Chor der Faktenfremden: Schauspieler Ernst-Johann Reinhardt aka Travestie-Ikone Lilo Wanders. Wie sie das geschafft haben ist noch ein R√§tsel. Denn bislang galt Wanders als Vorreiter der Sexpositivy-Bewegung, als Stimme f√ľr die queere Community, als Sprachrohr diverser stigmatisierten und victimisierten Minderheiten. Noch 2020 unterst√ľtzte die Kunstfigur Lilo Wanders √∂ffentlich die Kampagne #RotlichtAN! und damit die Rechte von Sexworkern.

Zwei Jahre sp√§ter eine 180 Grad Wende? Bis auf das Konterfei samt Handzettel gibt es bislang kein Statement von dem 66-j√§hrigen Schauspieler. Sexarbeiterin Madame Kali hat ihr Entsetzen dar√ľber daher in Zeilen gepackt und einen Brief an Wanders geschrieben. Weil dieser unbeantwortet blieb, ist der Text nun beim BesD √∂ffentlich zu lesen (siehe hier). „Hallo Frau Wanders, seit gef√ľhlten Ewigkeiten bin ich nun schon ein Fan von Ihnen“, beginnt die Bielefelder Domina. Mit Achtung und Respekt der Adressatin gegen√ľber schreibt Kali weiter. Wird aber deutlich in Sachen Hurenstigma und Tokenismus. Denn genau das ist jenen sexworker- und diskursfeindlichen Kampagnen wie #RotlichtAUS von jeher zu eigen. Madame Kali stellt Lilo Wanders Fakten zum Schwedischen Weg und zu Expert:innenwissen zur Verf√ľgung und schlie√üt ihren Brief mit „wir k√∂nnen Sexarbeit nicht verbieten, wir k√∂nnen aber mit entscheiden unter welchen Bedingungen sie stattfindet“.

Weltweit versuchen derzeit konservative, christlich fundamentale und rechtsnationale Kr√§fte Hand in Hand die Rechte von Frauen sowie von ethnischen, religi√∂sen und queeren Minderheiten auszuhebeln und zu unterminieren. Was mit den Abtreibungsverboten in den USA und Polen zum Ausdruck kommt, ist beim Kampf gegen Prostituiertenrechte vielleicht nur noch eine Frage der Zeit. Meines Erachtens sind die Bestrebungen von sexworkerfeindlichen Vereinigungen wie Sisters, Mission Freedom oder Solwodie ein Teil des westlichen rechtsrucks. Denn diese und weitere abolitionistische Vereine haben es gemeinsam mit medial aufmerksamkeitsgierigen Einzelpersonen wie bspw. Leni Breymaier (MdB), Alice Schwarzer (Publizistin), Huschke Mau (Aktivistin) oder Manfred Paulus (Krimonalkommissar a.d.) innerhalb der letzten Jahre geschafft, ein gewichtiges, rechtskonservatives Netzwerk zu spinnen. Dabei gelingt es ihnen mittlerweile in allen gro√üen und kleinen Medienformaten (von Printmedium √ľber Podcast bis Talkrunde und Podiumsdiskussion) Geh√∂r zu finden. Was ihnen noch gelingt: sich von ihrem eigenen Selbstanspruch (Opferhilfe und -beratung, Kampf f√ľr Gleichstellung von Minorit√§ten…) mehr und mehr zu entfernen und ins komplette Gegenteil zu wandeln. Hin zu einem mittlerweile offenkundig antifeministischen, sexualfeindlichen, ideologiebasierten und vor allem sich selbst√ľberh√∂henden Missionarstum.

Tragisch, dass von √∂ffentlicher Hand finanzierte Gleichstellungsbeauftragte, Aufkl√§rer-Ikonen und √Ėffentlich Rechtliche darauf herein fallen‚Ķ

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