Und sie hat es wieder getan! Schweriner Volkszeitung verunglimpft Prostitution

Kaffee auf Zeitung

Man kann es einfach nicht lassen bei der SVZ (bzw. beim Medienhaus Nord).

Beinahe jeder Artikel der Schweriner Volkszeitung, der sich mit dem Thema Sexarbeit befasst, ist tendenziös, voreingenommen, pauschalisierend und oberflächlich, so dass es weh tut. Vor allem weil die Stigmatisierung speziell der Frauen in der Prostitution damit noch weiter angetrieben wird. Am 11. Januar titelte die SVZ-Autorin „So beraten Rostock und MV Sexarbeiterinnen“. Das einzige, was sie an Inhalt zum Thema Beratung liefert, ist dann aber, dass Prostituierte seit 2017 verpflichtet sind an Gesundheitsberatungen teilzunehmen und eine Anmeldebescheinigung benötigen.

Der Rest ist Gewäsch:

  • sie fabuliert einleitend mit einer detailverliebten Beschreibung ĂĽber das Aussehen und nebulöse Verhalten zweier Freier vor einer HauseingangstĂĽr. Als Prolog eines billigen Romans wĂĽrde das taugen.
  • Was heiĂź das?: Unterschwellig verkauft sie dem Leser aber, dass weibliche Prostituierte stets in halbstĂĽndigem Takt Freierbesuch bekämen. Jeden Tag. Immer.
  • sie weiĂź: „Sexarbeiterinnen sind meist sehr junge Frauen, zierlich, mit sichtlich gefärbtem Haar, rot, blond oder schwarz.“
  • Was heiĂź das?:Unwidersprochen und unreflektiert formuliert die Autorin hier einen stereotypen Menschentyp, eine Blaupause fĂĽr DIE Prostituierte, ein Bild, das jeglicher objektiver Betrachtung LĂĽgen straft.
  • sie fragt sich: „Machen sie diese Arbeit freiwillig, werden sie bestärkt, gedrängt, gezwungen? Das ist und bleibt auch in Rostock oft weitestgehend unbekannt.“
  • Was heiĂź da?: Der Tendenzjournalismus geht munter weiter.
  • sie vergleicht: obige Ungewissheit mit jenem aktuell in Rostock verhandelten (! noch nicht abgeschlossenen) Fall von Zwangsprostitution mit.
  • Was heiĂź das?: Völlig naiv victimisiert sie damit jegliche Prostitution und stellt alle Sexarbeiterinnen als vermeintliche Menschenhandelsopfer dar.
  • sie informiert ĂĽber die erfasste Zahl von Bordellen und Wohnungen in der Hansestadt.
  • Was heiĂź das?: Worauf sie hinaus will bleibt unklar.
  • sie schlussfolgert: weil es eine unbestimmte Dunkelziffer an ohne Anmeldebescheinigung arbeitenden Sexworkern gibt (wohl gemerkt: damit ist keine gewerbliche oder freiberufliche Anmeldung gemeint), wĂĽrden diese hilflos gegenĂĽber Menschenhändler sein.
  • Was heiĂź das?: Kausalitäten erkennen scheint definitiv nicht die Stärke der Autorin zu sein.
  • sie postuliert: „Die dunkle Grauzone im Rotlichtmilieu bleibt in Rostock und MV bestimmend“
  • Was heiĂź das?: Worauf sich diese Anname stĂĽtzt ist unklar. Das hat ihr auch nicht die zitierte Lagus-Sozialarbeiterin gesagt. Hier verbreitet Frau P.-G. mal ganz klar Fake-News.
  • Auch schon im Aufmacher des Artikels wird die Meinung des Lesers geleitet. Da heiĂźt es: „Rostock und MV haben keine konkreten Zahlen, wie viele Frauen als Prostituierte arbeiten – trotz Anmelde- und Beratungspflicht“. Das wird allerdings durch die Sozialarbeiterin des Lagus vor allem damit erklärt, dass Sexarbeiterinnen auch mit Anmeldebescheinigungen aus anderen Bundesländern hier arbeiten können. Dieser Fakt lässt die Autorin offensichtlich kalt.
  • sie widerspricht sich, indem sie schreibt, dass es auch Beratungsangebote gibt, „bei denen die Frauen anonym bleiben können und so niedrigschwellige Hilfe bekommen.“
  • Was heiĂź das?: Ein Widerspruch, weil sie ja erst meinte, wer nicht an der bindenden, staatlich reglementierten Beratung teilnehme, dem entginge eine präventive Hilfe.
  • sie listet auf: Beratungsstellen fĂĽr Prostituierte,fĂĽr Opfer sexualisierter Gewalt und fĂĽr Betroffene von Zwangsprostitution und Menschenhandel. Frauenhäuser, Schutzwohnungen und Fachberatungs- und Interventionsstellen
  • Was heiĂź das?: Damit rĂĽhrt alles in einem Topf zusammen. Ohne Differenzierung. Ohne Gewissen. Die verallgemeinernde Erklärung von Sexarbeiterinnen zu Opfern geht somit munter weiter.
  • sie katalogisiert (inklusive Verlinkung): SeLA, Zora, Gesundheitsamt, Lagus, Prostituiertenschutzgesetz
  • Was heiĂź das?: Warum? Sie wollte doch eigentlich darĂĽber schreiben wie beraten wird, nicht auflisten, wo man Beratung bekommt. Ich glaube irgendwie versteht sich die Autorin nicht als Journalistin sondern als vermeintliche Heilsbringerin. Deshalb gilt fĂĽr sie: erst ein fĂĽr alle Sexarbeiterinnen geltendes Opferbild konstruieren und dann kundtun, wo sie Hilfe bekommen…
  • sie weiĂź nicht, dass es auch männliche und transidente Sexarbeiter gibt.
  • Was heiĂź das?: Das scheint sie auch nicht zu interessieren. Es geht hier ja um Opfer und nicht um eine Auseinandersetzung mit sexuellen Dienstleistungen.

Da fragt man sich am Ende des Artikels: „Wie beraten nun Rostock und MV jene Sexarbeiterinnen?“ Sollte doch mal jemand drĂĽber schreiben. Vielleicht ja jemand mit journalistischem Anspruch!?

WAS WÄRE WENN: Prostituierte Lebensberater wären?

Eigentlich kann man das ja so oder so bei beinahe jedem Artikel zum Thema Prostitution tun. Nehmt euch doch einmal aktuellen SVZ-Beitrags vor und tauscht folgende Wörter/Formulierungen aus:

Prostituierte mit Lebensberater

  • „Männer“ mit „Männer und Frauen“
  • „sehr junge Frauen, zierlich“ mit „selbstbewuste MitfĂĽnfziger“
  • Modellwohnung mit BĂĽro/Beratungspraxis o.ä.
  • „Sie wechseln rasch ihren Arbeitsplatz“ mit „Sie reisen zu Messen, Vorträgen und Seminaren in ganz Deutschland“
  • „werden sie bestärkt, gedrängt, gezwungen?“ mit „sind sie organisiert, machen sie das des schnell verdienten Geldes wegen oder steckt da gar ein dubioses Schneeballsystem dahinter“
  • „Zwangsprostitution und Menschenhandel“ mit „Schwarzarbeit, Steuerbetrug, organisierte Kriminalität usw.“
  • „verpflichtende Gesundheitsberatung“ mit „staatlich verordneter psychologischer Eignungstest (alle 2 Jahre)“

Achja, dazu fĂĽge noch den Umstand an, dass Lebensberater:

  • weder ein Gewerbe anmelden noch sich als solche freiberuflich selbständig machen können.
  • nur in Städten von ĂĽber 30.000 Einwohnern arbeiten zu dĂĽrfen, dazu nicht in Wohn- und Mischgebieten, nache Schulen oder Kitas, teilweise in der Ă–ffentlichkeit keine Kundengespräche fĂĽhren dĂĽrfen…
  • a priori gesetzlichen Sonderregelungen unterworfen sind.
  • ihnen permanent Begleitkriminalität unterstellt wird.
  • keine vielschichtige und ĂĽbergeordnete Bezeichnung fĂĽr unterschiedlichste Berufszweige ist, sondern ein sowohl gesellschaftlich als auch juristisch pauschalisierter Sammelbegriff fĂĽr Wahrsager, Psychologen, Pastoren, Sozialarbeiter u.ä.
  • bei einem (Zwangs-)Outing Gefahr laufen, ihren Freundeskreis, Familienzusammenhalt oder ihren Zweitjob zu verlieren.
  • unter Generalverdacht stehen, Opfer von Dritten zu sein
  • sie als „Opfer“ befreit werden mĂĽssen; ihnen aber von politischer und abolitionistischer Seite dann seltenst Ausstiegsmöglichkeiten, realistische Perspektiven oder finanzielle Alternativen geboten werden.

Und, dämmert was?

Hier auch unsere Kommentare zu vergangenen SVZ-ErgĂĽssen:

Ergänzung (15.01.2019): Die SVZ hat gleich mal nachgelegt. Anscheinend liegt der Redaktion das Thema Prostitution zurzeit gesondert am Herzen. Diesmal mit anderem Autor, in einem anderen Land und ein etwas anderer Anspruch. Der Titel: „Prostitution in Polen. Viele Freier aus Deutschland“.

Zugegeben, hier wurde besser recherchiert und stichhaltiger informiert. Dennoch schafft es auch D. Schröder nicht ohne Framing auszukommen. D.h. auch hier werden Sinnzusammenhänge und Deutungsmuster durch Bilder und Wortwahl hergestellt und so die Meinung des Lesers unterschwellig beeinflusst. Unbewusst? Vielleicht. Aber wie oben erwähnt, bei hochsensiblen Themen wie diesem kann es fatal sein, kann negative Klischees, Vorurteile und Meinungsbilder ungewollt weiter befeuern.

rde

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