Was bedeutet Sexualbegleitung oder Sexualassistenz?

23. Februar 2021

Seien wir ehrlich: Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung werden in unserer Gesellschaft immer noch nicht zu 100% als dazugehörig empfunden. Ja, man akzeptiert diese Personen und gesteht ihnen auch weitestgehend die gleichen Rechte zu. Dennoch sind sie nicht vollständig in die Gesellschaft integriert. Soziale Kontakte oder was sonst ein privates Leben ausmacht, beschränkt sich meist auf die Familie oder maximal auf die direkte Nachbarschaft.

Wer nicht selbst jemanden aus diesem Personenkreis in unmittelbarer N√§he hat, der hat mit Sicherheit nicht den Einblick in das Leben dieser Menschen. Denn es handelt sich um Menschen, mit denselben Sehns√ľchten wie nicht behinderte Menschen. Eine dieser Sehns√ľchte ist das ganz normale Bed√ľrfnis nach k√∂rperlicher N√§he und damit verbunden auch das Bed√ľrfnis nach Sexualit√§t. Letztere ist immer noch eines der immer weniger werdenden Tabuthemen unserer Gesellschaft. Bisweilen gilt diese Vorstellung sogar als pervers. Fakt ist jedoch, dass auch Menschen mit einer wie auch immer gearteten Behinderung das Bed√ľrfnis nach N√§he, Z√§rtlichkeit und Sex in den Menschenrechten zugesichert wird. Das Problem dabei ist vielfach jedoch die M√∂glichkeit der Umsetzung dieses Menschenrechtes. Das hat neben Mangel an einem Partner logischerweise auch oft ganz praktische Gr√ľnde.

Hier kommt nun eine Dienstleistung ins Spiel, die kaum jemandem, der sich nicht mit dem Leben eines behinderten Menschen befasst, bekannt ist. Es handelt sich um die so genannte Sexualassistenz. Die Sexualassistenz ist eine Dienstleistung, die sich sehr deutlich von der reinen Prostitution abgrenzen m√∂chte. Denn im Vordergrund dieser Dienstleistung ist der Mensch und nicht das simple bescheren eines Orgasmus f√ľr Geld.

Bei der Sexualassistenz oder auch Sexualbegleitung geht es darum, das Erleben von Zärtlichkeit, Sinnlichkeit und Erotik zu ermöglichen. Unterschieden wird bei der Sexualassistenz zwischen passiver und aktiver Sexualassistenz. Bei der passiven Sexualbegleitung geht es vermehrt um die reine Beschaffung und Vermittlung von Informationen zur Thematik. Auch Fahrdienste sind hier denkbar. Weiterhin sind physische Hilfestellungen denkbar um eine Selbstbefriedigung oder gar einen Sexualkontakt zu einer weiteren Person zu ermöglichen. Man kann sich vorstellen, dass gerade die passive Sexualassistenz sehr individuell von der jeweiligen Behinderung abhängig ist.

Bei der aktiven Sexualassistenz findet ein realer sexueller Kontakt in aktiver Form statt. Grunds√§tzlich geht es hier aber prim√§r um das bef√§higen der betroffenen Menschen. Schlie√ülich sollen sie ihr eigenes selbstbestimmtes Sexualleben f√ľhren k√∂nnen. Wie auch immer die Sexualbegleitung aussehen mag, eines steht mit Sicherheit fest: Es erfordert ein hohes Ma√ü an Einf√ľhlungsverm√∂gen und Vertrauen. Ein behinderter Mensch ist im Laufe seines Lebens m√∂glicherweise oft auf Ablehnung gesto√üen, wenn es um die Umsetzung k√∂rperlicher N√§he gegangen ist. Nicht wenige d√ľrften sich vielleicht schon damit abgefunden haben, dass f√ľr sie dieser Lebensbereich nicht zug√§nglich ist. Dass nun mit einer Sexualassistenz die T√ľre zu genau diesem bereits f√ľr verloren erkl√§rten Lebensbereich pl√∂tzlich doch ge√∂ffnet wird, erfordert mit Sicherheit ein hohes Ma√ü an Vertrauen.

Denn erst einmal muss das Gef√ľhl der Selbstverst√§ndlichkeit wieder erwachsen. Das Wissen, dass es v√∂llig normal ist, dass man Gef√ľhle wie N√§he, Z√§rtlichkeit und auch Lust empfinden darf, muss sich erst wieder best√§tigen. Dies ist bei jedem Erstkontakt die wichtigste Aufgabe der Sexualassistenz. Der Klient muss sich und seinen K√∂rper annehmen. Wie wir alle das Bed√ľrfnis haben, begehrt zu werden, so trifft das in gleichem Ma√üe auch f√ľr Menschen mit Behinderung zu. Nur dass diese eben oft starke Zweifel daran haben. Diese Scheu muss erst beseitigt werden, bis eine wie auch immer geartete Sexualassistenz stattfinden kann.

Eine Sexualassistenz ben√∂tigt daher ein hohes Ma√ü an Behutsamkeit und Empathie. Denn es geht mehrheitlich um das Erlebnis f√ľr die Seele, die diese Menschen vielleicht noch mehr als gesunde Menschen ben√∂tigen. Hier ist es notwendig, dass es zu einer ehrlichen Verbindung zu der behinderten Person kommt. Denn schlie√ülich ist Sex etwas sehr Intimes, da wir dabei vieles von uns preisgeben. Die Art und Weise also, wie dieser Sex stattfinden kann, muss bei jedem Klienten individuell entstehen und braucht daher Zeit. Regelm√§√üiger Sex sorgt f√ľr einen gewisse seelische und auch k√∂rperliche Ausgeglichenheit, dies ist bewiesen. Wenn einem behinderten Menschen diese M√∂glichkeit gegeben werden kann, so ist das mit Sicherheit ein sch√∂ner Beitrag dazu, das Leben der Betroffenen zu bereichern und ein St√ľck weit lebenswerter zu gestalten. Die Dienstleistung der Sexualassistenz ist meines Erachtens nach daher eindeutig im medizinisch pflegerischen Bereich anzusiedeln und hat absolut nichts verwerfliches an sich.

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