Was hat das mit Journalismus zu tun Frau Sierpinski?

25. Juni 2013

N-TV-Journalistin schreibt beim Spiegel ab

Bereits seit einigen Tagen ist der Artikel „Prostitutionsland Deutschland – Willkommen im Paradies fĂŒr Freier“ auf n-tv.de online. An manchen Tagen hat man nur ĂŒberhaupt kein Interesse solche journalistischen ErgĂŒsse zu kommentieren. Heute dann aber doch ein paar Worte dazu.

Erstens muss man den Artikel der Journalisten Diana Sierpinski nicht lesen. Man hat nichts verpasst. Zweitens strotzt auch dieser nur so vor Prostitutionsantipathie, vor das Milieu umgebender Halbwahrheiten sowie vor von der Presse verbreiteter Mythen. Und drittens ist ein großer Teil dieses Geschwurbels scheinbar eins zu eins von Spiegel und Co. abgeschrieben.

FĂ€ngt Frau Sierpinski in ihrer Einleitung noch neutral und unvoreingenommen an zu berichten, löst sich ihre ObjektivitĂ€t schnell in eine Verbreitung jener bekannten Halbwahrheiten auf. Ist ja auch kaum verwunderlich, wenn man nur auf SekundĂ€rliteratur zurĂŒckgreift und sich nicht die MĂŒhe macht, die erwĂ€hnten Studien und Erhebungen im Original zu lesen. Jedenfalls macht es nicht den Eindruck, das es die Autorin getan hĂ€tte.

So schreibt sie z.B.:

„Nirgendwo in Europa ist es heute so einfach, ein Bordell zu betreiben wie hierzulande.“

Schlau … Wenn Deutschland einer der wenigen Staaten ist, in denen Prostitution entkriminalisiert und legal ist, dann ist diese Folge doch selbstverstĂ€ndlich. Warum also diese verurteilende und seltsame Abwertung in der weiteren AusfĂŒhrung? da heißt es nĂ€mlich:

„Onlineauktionen, bei denen Sex mit Jungfrauen oder Schwangeren ersteigert werden kann, Prostituierte, die keinen Kunden ablehnen dĂŒrfen: All das gehört lĂ€ngst zum deutschen Alltag beim GeschĂ€ft mit der Lust. Eine dramatische Entwicklung, die erst durch die Legalisierung der Prostitution möglich wurde.“

Aha, also pauschalisiert sie EinzelfĂ€lle (Versteigerung der JĂŒngfrĂ€ulichkeit) und behauptet frĂŒher hĂ€tten Prostituierte immer Freier ablehnen können. Ja, frĂŒher war alles besser. So ein Humbug, auch vor Inkrafttreten des ProstG gab es ZuhĂ€lter, die ihre Frauen zwangen, jeden Kunden zu bedienen, bzw. Huren, die aus ihrer Notsituation heraus so handeln mussten. Und auch frĂŒher wurde fĂŒr Sex mit Jungfrauen gezahlt, mag es auch in einem anderen und illegaleren Zusammenhang passiert sein. Hier ist jedoch zu beachten, dass die Auktionen, auf die sich die Autorin wohl bezieht, alle von volljĂ€hrigen und selbstbestimmten Frauen eingestellt wurden.

„Tatsache ist: Mit der Legalisierung der Prostitution haben sich die Arbeitsbedingungen im Gewerbe und auf dem Strich nicht verbessert, sondern verschlechtert.“

??? Woher diese Annahme? Bei folgender Aussage stellt sich die selbe Frage:

„FĂŒr das Gros der Prostituierten ist die Situation nach wie vor trostlos. Knapp die HĂ€lfte ist auslĂ€ndischer Herkunft und hĂ€lt sich ĂŒberwiegend illegal in Deutschland auf.“

Die HĂ€lfte illegal? Bezieht sich die Autorin hier auf die ein paar SĂ€tze vorher zitierte Zahl der 2011 erfassten 482 FĂ€lle von „Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung“? lesen tut es sich allerdings als meinte sie alle in Deutschland arbeitenden Sexarbeiterinnen.

„Eine EU-Studie kam 2011 zu dem Ergebnis, dass das deutsche Prostitutionsgesetz den Menschenhandel fördert.“

Jaja, die besagte Studie kennen wir ja nun schon zur genĂŒge. Kommentare auf Rotlicht-Weblog dazu bitte u.a. hier oder hier lesen. Aber auch das hier zur Kriminalstatistik.

„Bundesversicherungsanstalt und Krankenkassen berichten, dass die Anmeldungen von Prostituierten als Arbeitnehmerinnen „gegen null tendieren“

Klar, weil sich die meisten Prostituierten nicht als „Prostituierte“ dort anmelden bzw. es nicht dĂŒrfen. Zum anderen erfahren die meisten Frauen keine UnterstĂŒtzung der Institutionen sowie der jeweiligen BundeslĂ€nder und StĂ€dte. UnaufgeklĂ€rtheit und Unwissenheit ist bei den Huren leider noch allzu weit verbreitet.

„Nutznießer des Gesetzes sind die Bordellbetreiber. Die Förderung der Prostitution, wegen der frĂŒher gegen ZuhĂ€lter ermittelt werden konnte, ist seit 2002 nicht mehr in jedem Fall strafbar. Damit hat die Polizei immer weniger Anlass, ins Milieu einzudringen und MenschenhĂ€ndler und ZuhĂ€lter aufzuspĂŒren.“

Soll das jetzt Journalismus sein oder Boulewardpresse-MĂŒll? Wenn frĂŒher jeder Bordellbetreiber aufgrund der Gesetzeslage fast automatisch als ZuhĂ€lter angesehen wurde, dann ist es doch nachvollziehbar, das sich im Zuge der GesetzesĂ€nderung auch die Menge an Anklagen und Ermittlungen verĂ€ndern. Außerdem ist die obige Aussage von allen Prostitutionsgegnern bereits sowas von ausgelutscht worden, aber wenn Frau Sierpinski weiter lutschen will … .

Weiter zitiert die Autorin wie folgt:

„Wo Prostitution legalisiert wurde, ist der Menschenhandel explodiert.“

Na dafĂŒr gibt es ja nicht mal im geringsten einen statistischen Beleg und keinerlei kriminalpolizeiliche Anhaltspunkte. Demnach ist die Verbreitung solch einer Behauptung schlichtweg grotesk und böswillig.

„Schweden, Norwegen und Island haben den Kauf „sexueller Dienstleistungen“ schon seit Jahren illegalisiert. Sie sind damit nicht nur fĂŒr MenschenhĂ€ndler ein unattraktives Zielland geworden, sondern auch eines, in dem der Kauf des Körpers eines anderen Menschen gegen die MenschenwĂŒrde verstĂ¶ĂŸt.“

Auch diese Behauptung ist komplett aus der Luft gegriffen und basiert nicht im geringsten auf seriösen Quellen. Hier haben wir bereits auf das zu diesem Thema gefĂŒhrte Interview auf dem Portal DiePresse.com verwiesen. Außerdem verkaufen Prostituierte nicht ihren Körper! Sie bieten eine Dienstleistung an.

„Prostituierte stehen weiterhin vor enormer Rechtsunsicherheit, der Polizei sind die HĂ€nde gebunden und Bordell-Betreiber können auf beiden Augen blind bleiben und Kasse machen. Sie mĂŒssen nicht ĂŒberprĂŒfen, ob Frauen freiwillig bei ihnen arbeiten, das sei Aufgabe des Staates, heißt es aus der Branche.“

Mit diesem Schlusswort endet diese Tirade. Auch hier mit den gĂ€ngigen Floskeln ĂĄ la „der Polizei sind die HĂ€nde gebunden“ – na klar, daher finden ja auch nicht stĂ€ndig groß angelegte und umfassende Razzien statt, so viel, wie in fast keinem anderen Gewerbe – „die bösen Bordellbetreiber“ – einige schwarze Schafe mĂŒssen hier leider immer pauschal ein ganzes Gewerbe beschreiben – und „Prostitution ist immer gleich Zwangsprostitution“ – dass diese unware und verlĂ€umdende Aussage dem ganzen Milieu schadet, ist der Anti-Riege wohl herzlich willkommen.

rmv

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