Was hat ein Schweizer Fachverband mit einer G├Âttin gemein?

25. Februar 2021

Ein fl├╝chtiger Blick in unser Nachbarland und ins orientalische Altertum

Seit knapp einem halben Jahr gibt es ihn: den Verband Erotikbetriebe Schweiz. Mit Beginn der Pandemie und den damit einhergehenden Bordellschlie├čungen fanden sich in unserem Nachbarland einige Studios, Betreiber_innen und Portale in Form einer „Interessensgemeinschaft Erotikbetriebe“ zusammen. Im September 2020 wurde dann daraus ein offizieller Zusammenschluss.

Seither informiert der Verband auf seiner Webseite regelm├Ą├čig ├╝ber aktuelle Enwicklungen, tritt als Interessensgemeinschaft geschlossen an die Politik heran, hat ein eigenes G├╝tesiegel auf den Weg gebracht und fordert von seinen Mitgliedern einheitliche Standarts. Was ein Verband halt so macht….

Ob es etwas bringt, wird sich mit der Zeit zeigen. In Deutschland gibt es ja bereits verschiedene Interessensverb├Ąnde. Deren Lobbyerfolge sind dennoch erschreckend unbedeutend. Insbesondere weil Abolitionist_innen stets lauteter und erfolgreicher schreien. Weil einzelne Politiker_innen mit populistischen und verl├Ąumderischen Ressentiments mehr bewirken als um Transparenz bem├╝hte Verbandsvertreter. Weil Stereotypen, Meinung und Gef├╝hl beim Thema Prostitution mehr Gewichtung bekommen als Fakten und ehrlich angegangene Rechte von SDL.

Der Verband Erotikbetriebe Schweiz jedenfalls fordert von seinen Mitglieder, Hygiene- und Schutzkonzepte strikt einzuhalten, faire Arbeitsbedingungen zu bieten, Zwangsprostitution und Zuh├Ąlterei klar entgegenzutreten, Schweizer Gesetze einzuhalten usw.

Nat├╝rlich durfte eine „Schutzpatronin“ nicht fehlen. Hier zeigten sich die Gr├╝ndungsmitglieder gleich mal besonders Kreativ. Sie haben sich „Ishtar“ zu eigen gemacht. Und mahl ehrlich: besser geht es gar nicht. Ishtar (akkadisch I┼ítar) war die wohl wichtigste babylonische G├Âttin. Sie wurde als Morgen- als auch als Abendstern, als Kriegsg├Âttin und als Personifizierung des sexuellen Begehrens verehrt. Als Symbol der G├Âttin galt der L├Âwe. Sie selbst symbolisierte in Ihrer Stellung im G├Âtterpantheon insbesondere auch das Recht der Frau auf Selbstbestimmung.

In einem kritischen taz-Artikel zur Berliner Ausstellung „Babylon. Mythos und Wahrheit“ (aus dem Jahr 2008) wurde Ishtar so beschrieben: „Sie verk├Ârperte Hilfsbereitschaft ebenso wie Blutr├╝nstigkeit, Mut ebenso wie Furcht, Mitgef├╝hl wie Zorn und unvers├Âhnlichen Hass, dazu die ungebundene Sexualit├Ąt und sprengte damit die herk├Âmmlichen Geschlechterrollen. Sie galt als grausam, aber auch als ruhm- und erfindungsreich, als Modell f├╝r Ungehorsam und Unabh├Ąngigkeit.“

An dieser Stelle kommt ein kleiner Zeit- und Themensprung – von der G├Âttin hin zur Stadt, deren Haupttor sie Schm├╝ckte, also Babel oder Babylon. Mit Aufkommen des Christentums manifestierte sich n├Ąmlich die biblische Allegorie von der „Hure Babylon“. Eine Allegorie auf die Abkehr von Moral und Glauben hin zu G├Âtzendienst, Hurerei und S├╝ndenhaftigkeit. Aber weder Ishtar noch das altert├╝mliche Babylon sind damit gemeint. Denn unter Historikern wird als sehr wahrscheinlich angenommen, dass damit nicht Babylon sondern das antike Rom gemeint ist.

Warum das thematisiere ich es also? Ganz einfach, weil es passt und sich Parallelen finden lassen. Denn im Gegensatz zur wissenschaftlichen Meinung verbreiten einzelne Glaubensgemeinschaften (Sekten) wie z.B. die Zeugen Jehowas ihre eigene Sicht der Dinge und das noch heute. Diese Geschichte vom S├╝ndenfall verorten sie ganz klar in der mesopotamischen Weltstadt. Ein S├╝ndenfall, der erneut auf das Weibliche heruntergebrochen wird. F├╝r jene Gruppierungen gilt die Hure Babylon als fester Bestandteil ihres Glaubenssystems, wonach andere Kulturen, Religionen und Lebensweisen als „Falsche Religionen“ gesehen werden. Die Bibelferse worttreu auslegend verantworte Babylon den Tod jener, „die auf der Erde hingeschlachtet worden sind“ (Offenbarung 18:24). Und sie sehen in ihr den personifizierten Grund f├╝r Krieg und Terrorismus. Personifiziert in Person einer Frau „in Purpur und Scharlach geh├╝llt und war mit Gold und kostbaren Steinen und Perlen geschm├╝ckt“ (Offenbarung 17:4).

Allein der Begriff „Hure“ ist bis heute extrem negativ konnotiert. So sehr, dass all die herabw├╝rdigen Ressentiments weiterhin gelten, egal welche neuen Bezeichnungen f├╝r diesen oder ├Ąhnliche Berufsst├Ąnde erdacht werden.

So jetzt ist der Kreis gezogen und eine Parallele konstruiert. Also von einem „Verband Erotikbetriebe“, der sich mit einer G├Âttin schm├╝ckt, die in puncto Macht, Kraft und Selbstbestimmung mit Leichtigkeit ihr r├Âmisches Pendant (Venus) ├╝bertrifft, hin zum gesellschaftlichen Gegenpart, bestehend aus jenen extrem konservativen und durchweg patriarchalisch gepr├Ągten Gruppierungen, die allein sich selbst die Deutungshoheit von Moral und Sexualit├Ąt zusprechen und Frauen gleichwohl als wehrloses und unm├╝ndiges Wesen als auch als Grund bzw. Auswuchs des S├╝ndenfalls deuten.

W├Ąre nur noch passender, wenn nicht ein Betreiber_innen-Verband sondern eine SDL-Verband „Ishtar“ bei sich tr├╝ge.

rde

Zuf├Ąllige Beitr├Ąge aus der selben Rubrik

PolitikRecht & GesetzMecklenburg-Vorpommern
Politisch-Pers├Ânliches Kalk├╝l: Schwesig ignoriert Belange von Prostituierten

Politisch-Pers├Ânliches Kalk├╝l: Schwesig ignoriert Belange von Prostituierten

Juristisch ist das von der Ministerin unterst├╝tzte Arbeitsverbot schon lange nicht mehr zu rechtfertigen F├╝r Menschen in der Sexarbeit hat "das derzeitige Arbeitsverbot schwere ├Âkonomische, soziale und psycho-emotionale Folgen", hei├čt es in einer┬áStellungnahme┬áder...