Wenn Medien „Wahrheiten“ konstruieren

8. Mai 2014

Wie die Bild-Zeitung über ein Bordell und einen angeblichen Nachbarschaftsstreit in Delmenhorst berichtet…

Die Bild-Zeitung ist das Sinnbild schlechthin fĂĽr eine verquere Doppelmoral. So wird vor allem vom Thema Sexualität so unterschiedlich Gebrauch gemacht, das es nur so vor WidersprĂĽchen strotzt – Hauptsache man erzielt damit die gewĂĽnschten Effekte. Zum Beispiel lebt das Boulewardblatt (print und digital) von Nackter Haut, vom vermeintlich aufgeklärten Umgang mit den Themen Erotik und Pornografie. Sex sells… Auf der anderen Seite reiht man sich regelmäßig in den Kreis der Zeigefinger erhebenden Moralapostel ein, welche Sexarbeit in all seinen Facetten verteufeln.

So geschehen auch in einer Berichterstattung zu einem vermeintlichen Nachbarschaftsstreit in Delmenhorst. „Schräger Streit um Puff-Parkplätze Bordell-Besucher parken Siedlung zu“ titelte die Bild kĂĽrzlich. Zwar bestach der Bericht weniger durch journalistischen Informationsgehalt als durch eine kleine nichtssagende Fotostory (gut, ist ja bei der Bild so ĂĽblich), aber dennoch konnte man erfahren dass es in einer Siedlung in der kreisfreien Stadt ein offensichtliches Problem der Anwohner mit Freiern gebe.

Gestern meldete sich dann das Delmenhorster Kreisblatt zu Wort – genauer einer seiner Redakteure. Wie es in diesem Bericht hieĂź, sei der angebliche Nachbarschaftsstreit jedoch reine Fiktion: „vor Ort stellt sich die Situation anders dar als von der Boulevardzeitung geschildert.“ Zu Problemen komme es selten, so das Fazit.

Nun brauchen wir ja nicht viel von der Bild erwarten, schlieĂźlich weiĂź man, dass man es dort nicht so ernst mit der Wahrheit nimmt. Nur allzu gern wird zugunsten der Quote ReiĂźerisches hinzu gedichtet. Auch ist dieser vermeintliche Nachbarschaftsstreit kaum relevant fĂĽr jene europaweit gefĂĽhrte Prostitutions-Debatte. Allerdings ist der Fall sinnbildhaft fĂĽr den Umgang vieler Medien mit dem Thema Sexarbeit. SchlieĂźlich geht es ja vor allem dem Boulevard darum, Emotionen zu wecken. Dazu muss dann der Inhalt nicht uneingeschränkt richtig sein …

Tragisch nur, dass die so ins Bewusstsein der Menschen eingepflanzten Halbwahrheiten von diesen fĂĽr bare MĂĽnze genommen werden. Und mit moralischem Denken hat das am Ende herzlich wenig zu tun.

rmv

Ăśbrigens: das Thema „parkende Autos“ gibt’s bekanntlich auch bei uns in Schwerin (siehe hier).Was sich Leute nicht so alles fĂĽr ihre Argumentation ausdenken…

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