Werden Kinder in der Umgebung eines Bordells geschädigt?

19. August 2013

Laut Deutschem Recht ist Prostitution in der Nähe einer Schule eine Straftatbestand

Im Hamburger Stadtteil Barmbek-S√ľd herrscht gerade Unmut. „Direkt gegen√ľber“ einer Grundschule in der Humboldstra√üe „beherbergt ein unscheinbarer Klinkerbau seit einigen Monaten ein Bordell“, schreibt bspw. das Portal abendblatt.de. Ein Bordell neben einer Schule? Dabei hei√üt es doch im Strafgesetzbuch, Paragraph 184f, „es macht sich strafbar, wer der Prostitution in der N√§he einer Schule oder einer anderen √Ėrtlichkeit, die zum Besuch durch Minderj√§hrige bestimmt ist, oder in einem Haus, in dem Minderj√§hrige wohnen, nachgeht und die Minderj√§hrigen dadurch sittlich gef√§hrdet.“

Weiterhin hei√üt es im Art. 297 des Einf√ľhrungsgesetzes zum Strafgesetzbuch (EGStGB): „Danach darf zum Schutz der Jugend oder des √∂ffentlichen Anstandes verboten werden, der Prostitution nachzugehen.“

Die Emp√∂rung der Eltern ob dieses „unzumutbaren Missstandes“ ist also vollkommen nachvollziehbar … Aber ist es das wirklich?

Vielleicht sollte man die Sache erst einmal aus zwei anderen Blickwinkeln betrachten, bevor man zu urteilen beginnt.

1. Bordell gegen√ľber der Grundschule

Schon bei diesem Punkt weicht die Berichterstattung von abendblatt.de etwas von der Realit√§t ab. Zum Einen schreibt die Zeitung, dass einzig die Klingelschilder auf die Etablissements in mehreren Appartements hinwiesen. Das macht doch aber deutlich, dass das Geb√§ude von au√üen nicht als Bordell erkennbar ist. Wo ist hier also das reelle Problem?. Zum zweiten: Die Schule befindet sich in der Humboldtstra√üe 30, das Etablissement hingegen in der Hausnummer 50, also auf der selben Stra√üenseite etwa 150 Meter entfernt. Von wegen direkt gegen√ľber. Ja, in unmittelbarer N√§he, aber definitiv nicht gegen√ľber. Au√üerdem ist in den R√§umen in der Humboldtstra√üe 50 ein Thai-Massagestudio untergebracht und kein Bordell. Ein kleiner aber feiner Unterschied besteht da schon, zumindest offiziell. Und man darf ja erst einmal vom offiziellen Auftritt ausgehen, oder haben sich die emp√∂rten Eltern im Inneren bereits eines besseren belehren lassen?

Die Rechtslage bez√ľglich Prostitution in einem Wohngebiet ist klar und unmissverst√§ndlich. Der Jugendschutz im Besonderen steht dabei ganz vorne. Das soll hier auch nicht verneint werden. Aber: Hin und wieder muss man sich fragen, was eigentlich wirklich Gegenstand der Beschwerden ist? Eine eventuelle Jugendgef√§hrdung oder das r√ľckschrittige und sexualfeindliche Sittengebilde einiger Erwachsener?

Das Haus ist von au√üen nicht als Rotlichtbetrieb erkennbar, es befindet sich 150 Meter von der Grundschule entfernt. Inwieweit stellt es also eine Gefahr f√ľr die Kinder dar?

Angeblich sind ab und an „leicht bekleidete Damen, die in Begleitung von M√§nnern in dem Haus ein- und ausgingen“ zu sehen. Aha. Also es darf doch bezweifelt werden, dass sich die Angestellten/Masseurinnen/Damen in Unterw√§sche und in Begleitung von vermeintlichen Freiern vor die T√ľr begeben. Schon allein das Wort leichtbekleidet als synonym f√ľr Unmoral und Sittenwidrigkeit zu gebrauchen ist Humbug. Leicht bekleidet sind auch M√§nner und Frauen in der Fu√üg√§ngerzone w√§hrend des Hochsommers. Und wenn hier mal eine Frau mit kurzem Rock auftritt, dann stellt es wohl minder einen Kultur- und Sittlichkeitsschock f√ľr ein Grundschulkind dar, als f√ľr manch pr√ľdes Elternteil. Zumal dem Kind ja st√§ndig die Augen zugehalten werden m√ľssten, wenn es an Unterw√§schereklame und dergleichen vorbei l√§uft. Daneben wird es wohl garantiert keine sexuelle Assoziation bei diesem Kleidungsstil haben. Wie auch. Es sei denn, es wird ihm von Seiten der Erwachsenen in den Mund gelegt. Aber auch dann besteht so ein Urteil nur im Wortlaut und nicht aufgrund der eigenen Empfindung.

2. StGB: Minderjährige sittlich gefährden

Eigentlich muss man mal jenen oben zitierten Paragraphen des StGB w√∂rtlich auseinanderklam√ľsern. Es ist also strafbar wenn man in der N√§he von Minderj√§hrigen der Prostitution nachgeht und diese dadurch sittlich gef√§hrdet. Sittlich gef√§hrdet hei√üt es. Bedenkt man dass mit Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes Sexarbeit als solche nicht mehr sittenwidrig ist, dann kann ich doch mit Prostitution allein ein Kind nicht mehr sittlich gef√§hrden, oder?

Akkustisch sollte schon allein der Entfernung wegen nichts in die Klassenr√§ume oder auf den Schulhof gelangen. Aus diesem Blickwinkel m√ľssten die Beischlafger√§usche aus der Nachbarwohnung doch weitaus mehr den guten Sitten zuwider sein als das St√∂nen aus einem Massagesalon, einige H√§userblocks entfernt.

Im Sinne des Minderjährigenschutzes gibt es dann noch die Auflage, dass ein Bordellbetreiber hinreichende Schutzvorkehrungen gegen den Zutritt von Minderjährigen treffen muss. Ja und das sollte bei vorliegendem Fall doch klar geregelt sein!

Was also verunsichert die Kinder mehr: ein Haus unter vielen, aus dem ab und an mal eine „leichtbekleidete Dame“ heraustritt oder die in die √Ėffentlichkeit getragene Panikmache und Vorverurteilung von Seiten der Verwandten und Bekannten?

Vor was hat man in Barmbek-S√ľd Angst? Davor, dass Freier die Kinder ansprechen? Warum sollten sie. Davor, dass eine Frau in kurzem Rock einen schlechten Einfluss auf die Heranwachsenden aus√ľben k√∂nnte? Also bitte, dann d√ľrften Kinder ja keinen Zugang zu modernen Medien bekommen. Vor undefinierbaren Ger√§uschen? Das Thema ist ja schon gekl√§rt.

Was also st√∂rt? Einige wohl nur, dass Prostitution legal ist. Zumindest wird in diesem und in¬†√§hnlichen F√§llen¬†„Jugendgef√§hrdung“ eher nur postuliert als √ľberzeugend begr√ľndet.

rmv

Nachtrag/Korrektur (13.09.2013):

An dieser Stelle muss der Beitrag berichtigt werden. Um den Punkt, dass sich schr√§g gegen√ľber des Grundschulgel√§ndes doch ein Geb√§ude mit Wohnungen, in denen Sexdienstleistungen angeboten werden, befindet. Es handelt sich um ein Eckhaus in der Heinrich-Hertz-Stra√üe 120. Und eine mit Rollos verhangene Fensterfront ist tats√§chlich zur Humboldstra√üe ausgerichtet.

In den letzten Wochen h√§tten sich laut Medienberichten die Proteste deutlich versch√§rft. Ob es zu einer Schlie√üung kommen wird, ist bisher jedoch noch offen. Gut, entgegen meiner urspr√ľnglichen Betrachtung befindet das „√Ąrgernis“ doch im direkten Umfeld jener Grundschule. Aber an dem Gedankenspiel √§ndert sich dennoch nicht allzu viel:

Der Hauseingang befindet sich nicht in direktem Sichtbereich der Sch√ľler, wenn nicht explizit darauf hingewiesen, unterscheidet sich das Geb√§ude nicht von den anderen in der Nachbarschaft … Eine direkte Jugendgef√§hrdung muss also erst einmal stichhaltig und sachlich nachgewiesen werden … Man muss sich schon fragen, ob der Aufschrei nicht k√ľnstlich aufgebauscht wird.

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