Wie sieht’s aus mit der Prostitution in Bremen?

28. April 2014

Lara Freudmann und Klaus Fricke haben eine Studie √ľber rum√§nische Sexarbeiterinnen ver√∂ffentlicht

In Deutschland geistern leider unz√§hlige Halbwahrheiten, Vorurteile und subjektive Meinungsbilder zum Thema Prostitution umher. Dass h√§ufig auftauchende Behauptungen bei n√§herer Betrachtung nicht haltbar sind, habe ich hier schon mehrfach versucht darzulegen. Zum Beispiel wunderte ich mich erst k√ľrzlich √ľber die Aussage in der Rhein-Zeitung √ľber rum√§nische und bulgarische Sexarbeiterinnen (siehe¬†hier).

Gegen √§hnliche Zahlen-Jonglagen seitens der Politik muss sich auch das Bremer Rotlicht-Milieu erwehren. Weil die Datenlage aber v√∂llig unzureichend ist, haben sich nun zwei Betreiber ran gesetzt und eine Studie gemacht. „Sexarbeit in Bremen. Rum√§nische Sexarbeiterinnen – Arbeitsort Wohnung“ ist in einer Vorabausgabe bereits am 11.02.2014 ver√∂ffentlicht worden.

Einleitend heißt es da u.a.:

„Die Datenlage zum Wirtschaftszweig der sexuellen Dienstleistungen ist ebenso unzureichend, wie darauf aufbauende, sozialwissenschaftlich gesicherte, allgemeine Aussagen zum Ph√§nomen. […] Trotz dieser fachlichen Einsicht wird der √∂ffentliche Diskurs zur Sexarbeit mit individuellen Gewissheiten und

unter der Annahme von Wahrheiten gef√ľhrt, die als Glaubenssatz taugen, nicht als Realit√§tsbeschreibung …“

So sei es auch in Bremen der Fall, dass „in der √∂ffentlichen Diskussion um die Sexarbeit mit Zahlen operiert wird, deren Aussagekraft unklar ist.“

F√ľr ihre Studie haben die Autoren Lara Freudmann und Klaus Fricke Gespr√§che mit 64 in Wohnungen t√§tigen Sexarbeiterinnen rum√§nischer Herkunft gef√ľhrt. Sie haben Datens√§tze des Werbeportals Hostessen-Meile ausgewertet und analysiert, schlie√ülich die so gewonnenen Erkenntnisse mit jenen von der √Ėffentlichkeit vertretendenden Behauptungen verglichen.

Interessant dabei ist auch, dass Freudmann und Fricke gegen die angeblich in Deutschland existierenden, horrend hohen Dunkelziffern argumentieren. So sagen sie:

„Egal ob Frauen freiwillig der Sexarbeit nachgehen, oder sie gezwungen sind, dieser Arbeit gegen ihren Willen nachzugehen, m√ľssen sie f√ľr sich und ihre Angebote

Werbung machen oder wird f√ľr sie Werbung gemacht. Sonst kommen keine Kunden zu ihnen. Sexarbeiterinnen bewerben sich und ihre Angebote im Wesentlichen √ľber Werbeportale im Internet. […]

Es ist eher unwahrscheinlich, dass es neben diesem √∂ffentlich erkennbaren Angebot noch einen bedeutenden Bereich im geheimen stattfindender sexueller Dienstleistungen gibt (Dunkelfeld). Woher sollten die Kunden dieses im verborgenen liegenden Angebotes kommen, wenn bereits trotz gro√üer Werbema√ünahmen die Ums√§tze im Hellfeld je t√§tiger Sexarbeiterin seit 2007 eher geringer geworden sind? Wieso sollten potentielle Kunden sich auf die Suche nach verborgenen, unsichtbaren Angeboten machen, wenn es eine sehr gro√üe Auswahl an Angeboten unterschiedlichster Arten und √∂ffentlich bekannter Orte der Sexarbeit in Bremen gibt? Es ist daher auch unwahrscheinlich, dass ein gro√ües Dunkelfeld entgeltlicher sexueller Dienstleistungen etabliert werden kann, das ausreichend profitabel ist, um f√ľr Strukturen organisierter Kriminalit√§t interessant zu sein oder gar deren Bildung anst√∂√üt. Sofern es zu ‚ÄěGewaltverh√§ltnissen zwischen Schleppern, Zuh√§ltern und Frauen‚Äúkommt, sind die betroffenen Frauen zum √ľberwiegenden Teil √ľber das Hellfeld der Werbung f√ľr sexuelle Dienstleistungen ermittelbar. Insofern sind Aussagen der Bundesregierung und des Bundeskriminalamtes (BKA) zu hinterfragen […]“

Leider hat die Studie nur einen Haken. Obwohl repräsentativ und inhaltlich gut, wurde sie nicht von einem unabhängigen Institut oder dergleichen verfasst. Unterstellungen, Freudmann und Fricke hätten aufgrund ihrer Position als Bordellbetreiber Einfluss auf die Befragten nehmen sowie Zahlen beschönigen können, sind denkbar. Das wissen auch die Autoren und weisen darauf hin:

„Zweifel und Kritik an der Studie, sind wie immer bei solchen Arbeiten, notwendig und zul√§ssig. Sie sind eine Herausforderung. In einer sachlichen Diskussion geht es

darum, Ergebnisse zu best√§tigen, zu korrigieren, zu widerlegen. Sch√§tzungen, Mutma√üungen und Einzelf√§llen sind unredliche Versuche in einem sachlichen Diskurs. Zu solchen Versuchen geh√∂ren auch zu erwartende Vorw√ľrfe, dass diese Studie von Pro-Sexwork-Lobbyisten oder gar im Auftrag dunkler Hinterm√§nner verfasst und vorgelegt worden ist. Wer Zweifel hat, der mache sich bitte die M√ľhe der Erhebung und des Gespr√§chs und mache transparent, woher Ergebnisse stammen und wie sie ermittelt wurden. Diesem Kriterium der Transparenz sollte auch das Land Bremen und insbesondere seine Polizei, gen√ľgen, sofern erneut Zahlen vorgelegt werden.“

F√ľr alle, die sich interessieren: die komplette Studie kann man auf sexworker.at herunterladen. Zudem hat der Weser Kurier Online ein Interview mit Klaus Fricke gef√ľhrt (vom November 2013) . Lesen lohnt sich …

rmv

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