Wie viele Prostituierte gibt es eigentlich in Deutschland?

4. September 2013

Oder: Wenn Rechenschwächen und Falschbehauptungen die öffentliche Meinung beeinflussen

√Ąu√üerst schwer zu ermitteln ist die Zahl der Prostituierten in Deutschland, das steht au√üer Frage. Das hat verschiedene Ursachen, die sollen hier jetzt aber nicht erl√§utert werden. Im Folgenden soll es eher um die Sch√§tzungen, Hochrechnungen und teils wirren Behauptungen gehen, die im Lande umhergeistern.

Offizielle Angaben zur Anzahl der Prostituierten in Deutschland

1.) Den Anfang macht die √ľberall zitierte Zahl 400.000 (vierhunderttausend)! Von 400.000 Prostituierten in der BRD geht das Bundesministerium aus – aufgegriffen von der Deutschen Hauptstelle f√ľr Suchtfragen, zahlreicher Medien und Journalisten, Frauenorganisationen …

Von diesen 400tausend sollen angeblich 250.000 in Bordellen arbeiten, mehr als 200.000 seien ausländischer Herkunft, 40.000 der Sexarbeiter seien männlich.

Diese Zahlen gehen auf eine Sch√§tzung der Berliner Prostituiertenberatungsstelle Hydra e.V. aus dem Jahr 1988 zur√ľck. Der Verein distanziert sich mittlerweile aber von dieser Angabe. Umso seltsamer ist das, dass die Bundesregierung noch immer an dieser Zahl festh√§lt – im Gegensatz zu den meisten Prostituierten-Beratungsstellen.

2.) 150.000 ist die n√§chste Zahl. Erstaunlicherweise wird sie kaum zitiert bzw. ist kaum bekannt. Im Gegensatz zur Studie, in welcher die Sch√§tzung auftaucht. 2011 ver√∂ffentlichten die Autoren Cho, Dreher und Neumayer die viel zitierte aber unter Fachleuten stark kritisierte Studie „Does Legal Prostitution Increase Trafficking?“. Die Kernhypothese war die, dass in L√§ndern, in denen Prostitution legalisiert wird, Zwangsprostitution ansteige. Unabh√§ngig einiger methodischer Fehler/Unzul√§nglichkeiten wird die Studie (wie hier im Blog schon mehrfach hingewiesen) oft falsch wiedergegeben oder aus dem Zusammenhang gerissen, andererseits werden weitere Aussagen einfach nicht beachtet. So z.B. jene Angabe zur Menge der Prostituierten.

3.) Die Onlinezeitung Cicero geht in ihrem Beitrag „Wir setzen m√§nnliche Sexualit√§t mit Gewalt gleich“ von 40.000 bis 60.000 Sexworker/innen in Deutschland aus.

4.) Mittlerweile haben sich die verschiedenen Beratungsstellen sowie deren Dachverband BufaS auf eine Hochrechnung von 200.000 Prostituierten (eine Dunkelziffer mit einberechnet) geeinigt.

5.) Laut der K√∂lner Facheinrichtung f√ľr mann-m√§nnliche Prostitution ‚ÄúLOOKS e.V.‚ÄĚ gebe es in K√∂ln rund 1.000 m√§nnliche Sexworker, deutschlandweit soll es 10mal soviele geben. 10.000 M√§nner also.

Allein an diesen Zahlen ist ersichtlich, wie schwierig es ist, auch nur eine ann√§hernd richtige Sch√§tzung zu t√§tigen. Klar sollte es nur sein, dass der Wert von 400.000 reine Fiktion ist. Vor allem, weil die Angabe in der √Ėffentlichkeit beinahe ausschlie√ülich nur dazu verwendet wird, um das Millieu vors√§tzlich ins falsche Licht zu r√ľcken etc.pp.. Aber rechnen Bundesregierung und Journalisten wirklich nach? Das bleibt zu bezweifeln.

Versuch einer Hochrechnung

Im weiteren Verlauf dieses Beitrags soll versucht werden, eine eigene Hochrechnung darzustellen. Grundlage sind √∂ffentlich gemachte Angaben von u.a. Polizei, Justiz, Gesundheits- und Finanz√§mtern und Beratungsstellen. Da es nicht f√ľr alle Bundesl√§nder und St√§dte zuverl√§ssige Angaben gibt, erhebt diese √úberschlagung nat√ľrlich keinen Anspruch auf Richtigkeit, allerdings wird sie manch andere obskure Angaben klar widerlegen.

Bundesländer:

Laut eben jenen offiziellen Angaben gibt es in

  • Berlin 6.000 bis 8.000
  • Bremen (+ Bremerhafen) 400 – 700
  • Hamburg 4.000 bis 8.000
  • Saarland 1.200 bis 3.000
  • Nordrhein-Westfahlen bis zu 28.000
  • Schleswig-Holstein bis zu 14.000 Prostituierte.

Nun zur Rechnung: aus diesen Angaben ergibt sich eine Zahl von maximal 61.700 Sexarbeitern bei einer Gesamtbevölkerung in diesen 6 Ländern von etwa 27.124.000 Einwohnern. Das entspricht einem Verhältnis von max. 1:440 (geht man jeweils von der höchsten Schätzung aus), also einer Prostituierten pro 440 Einwohner.

Da Deutschland aktuell etwa 80 Mio. Einwohner hat, wäre dieser Rechnung zufolge davon auszugehen, dass höchstens 183.000 Menschen als Sexworker/innen arbeiten.

Zur Erinnerung: Bei 400.000 Prostituierten läge das Verhältnis von Sexworker zu Einwohner bei 1:200.

Städte:

Folgende St√§dte (bis auf Plauen alles Gro√üst√§dte mit mehr als 100.000 Einwohner) und die jeweilige „offizielle“ Zahl der Huren sind zu betrachten:

  • Berlin: 6.000 bis 8.000
  • Bochum: 400
  • Bremen: 400 – 700
  • Dortmund: 1.500
  • Frankfurt/Main: 3.000
  • Freiburg: 120 – 200
  • Hamburg: 4.000 bis 8.000
  • Kassel: 500
  • Kiel: 250
  • Leipzig: 400+
  • M√ľnchen: 500 – 2.900
  • Offenbach: 200
  • Osnabr√ľck: 220
  • Plauen: 70
  • Rostock: 100 – 200
  • Stuttgart: 3.400
  • Ulm: 200

Insgesamt haben diese St√§dte rund 11.190.000 Einwohner. Die Zahl der Prostituierten liegt zwischen 21.260 bis 30.140 Daraus ergibt sich ein Verh√§ltnis von ca. 1:371 (Maximum) bis 1:526 (Minimum) – im Mittel also bei 1:448. Auf Gesamt-Deutschland hochgerechnet w√ľrden hiernach etwa zwischen 152.000 und 215.600 M√§nner und Frauen in der Prostitution t√§tig sein.

Fazit

Nat√ľrlich reicht das nicht, um einen Anspruch von Vollst√§ndigkeit zu gew√§hrleisten. Baut man jedoch mehr Variablen ein und versucht zu differenzieren, dann allerdings schrumpft die Zahl der Sexarbeiterinnen – und das, wo ja sonst gerne noch eine um zigtausende erh√∂hte Dunkelziffer addiert wird.

Aber Warum? Eine solche Hochrechnung hat folgendes Problem: nicht alle Einwohner haben direkten Zugang zu Prostituierten, was hei√üt, die Daten von Gro√üst√§dten sind nicht eins zu eins ins Verh√§ltnis mit allen 80 Millionen B√ľrgern √ľbertragbar.

In Deutschland leben rund 30 % der B√ľrger verteilt auf aktuell 76 Gro√üst√§dte (Stand Dezember 2012; 2011 fielen noch 80 St√§dte in die Kategorie Gro√üstadt). Mittelst√§dte (20.000 und mehr Einwohner) gibt es in der Bundesrepublik aktuell 589 (Stand 2012). Vor allem in diesen beiden St√§dte-Gr√∂√üenordnungen verdingt sich die Mehrzahl der Prostituierten. Zumal auch, weil die Sperrgebietsverordnung offiziell ein Verbot der Prostitution in Kleinst√§dten und kleinen Mittelst√§dten vorsieht. Nat√ľrlich kommt es vor, dass in jenen Sperrgebieten Sexdienstleistungen angeboten werden. Verglichen mit dem zahlenm√§√üigen Angebot in Ballungsr√§umen ist dieses aber fast vernachl√§ssigbar.

Noch deutlicher wird es im l√§ndlichen Raum. Aktuellen Angaben zufolge leben dort rund 17. Millionen Menschen. F√ľr bezahlten Sex werden jene Freier dann wahrscheinlich in die n√§chste Stadt fahren, denn nicht jedes 400-Seelen-Dorf hat eine Prostituierte (m√ľsste es aber laut obigem errechneten Verh√§ltnis).

Was bedeutet das? Die 17 Mio. Einwohner m√ľssten aus der Rechnung herausgenommen werden! Gehen wir also wie im zweiten Beispiel von einem mittleren Wert von einer (1) Prostituierten pro 448 Einwohner aus. Ohne die Landbev√∂lkerung (80 Mio. – 17 Mio.) ergibt sich dann eine Summe von rund 140.000 Sexarbeiter/innen. Beim Minimalwert w√§ren das gar 120.000 und beim Maximalwert auch nur 170.000 Dienstleister/innen.

Ein weiterer Umstand ist ja der, dass nicht allein die Einwohnerzahl/Bev√∂lkerungsdichte die Anzahl an Sexdienstleistern/innen beeinflusst. Weiterhin spielen verschiedene demografische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und touristische Faktoren, Einzugsgebiete etc. eine Rolle. Das die meisten Frauen von Ort zu Ort durch ganz Deutschland reisen wird h√§ufig auch unterschlagen. So tauchen garantiert etliche Huren in den Statistiken mehrerer St√§dte/Bundesl√§nder auf. Das macht eine Rechnung noch schwieriger, w√ľrde die Maximalzahl aber ebenfalls senken.

Und: Frankfurt/Main ist nicht gleich Offenbach. So stehen ja 688.000 Frankfurtern rund 3.000 Prostituierte gegen√ľber (1:230), w√§hrend Offenbach auf ein ungef√§hres Verh√§ltnis von 1:590 kommt.

Gleiches gilt f√ľr die Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns, Schwerin. Allein beim Offenbacher Wert m√ľssten hier zeitgleich √ľber 150 Prostituierte arbeiten. Tun sie aber nicht. Nicht im geringsten.

Ergebnis

Wie dem auch sei, egal wie man es dreht und wendet, man kommt schwer √ľber ein Ergebnis von 200.000 Prostituierte in Deutschland. Wahrscheinlicher ist wohl ein Wert zwischen 100.000 und 150.000.

rmv

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