Zum Welthurentag – Sexarbeit in MV noch immer verboten

2. Juni 2021

Beratungsstelle f├╝r Sexarbeiter*innen in Rostock fordert Ende des Lockdowns auch f├╝r sexuelle Dienstleistungen

SeLA, die Beratungsstelle f├╝r Sexarbeiter*innen in Rostock, fordert anl├Ąsslich des Welthurentages am 2. Juni, das coronabedingte Verbot sexueller Dienstleistungen in Mecklenburg-Vorpommern aufzuheben. Wenn k├Ârpernahe Dienstleistungen wie Massagen und Tattoostechen wieder erlaubt seien, m├╝sse dies auch f├╝r Sexarbeit gelten. Alles andere sei eine krasse Diskriminierung der in diesem Bereich besch├Ąftigten Menschen. SeLA und auch der Verein STARK MACHEN e.V. als Tr├Ąger der Beratungsstelle lehnen das vehement ab. Die einzige Beratungsstelle dieser Art in Mecklenburg-Vorpommern trifft seit 2014 j├Ąhrlich etwa 700 Sexarbeiter*innen und ber├Ąt und begleitet im Durchschnitt 360 zur Arbeits- und Lebenssituation in der Sexarbeit.

Interview mit den SeLA-Beraterinnen Sandra Kamitz und Nanne Mieritz

So normal, wie die Arbeit bei Penny an der Kasse
Der 2. Juni ist der internationale Gedenktag gegen die Diskriminierung von Prostituierten. Denn das Älteste Gewerbe der Welt muss noch immer in einer Grauzone agieren. Auch dagegen engagiert sich die Rostocker Beratungsstelle SeLA

Seit dem Lockdown ist Prostitution in Mecklenburg-Vorpommern komplett untersagt. Was bedeutet das f├╝r die Sexarbeiter*innen?

Sandra Kamitz: Wenn Prostitution verboten ist, arbeiten viele Sexarbeiter*innen trotzdem weiter. Sie m├╝ssen ja wie alle anderen auch ihre Miete bezahlen und essen, k├Ânnen aber weder Kurzarbeiter*innengeld oder staatliche Ausgleichzahlungen in Anspruch nehmen. Sie wurden durch das Verbot also in die Illegalit├Ąt getrieben. Damit ist auch ihr Arbeitsplatz nicht mehr sicher. Kunden nutzen das manchmal aus, fordern Leistungen, die die Sexarbeiter*in ablehnt – z.B. Sex ohne Kondom, der sogar gesetzlich verboten ist – und drohen damit, die Polizei zu rufen, wenn ihre Forderung nicht erf├╝llt wird. Eine Klientin hat zum Beispiel eine Anzeige wegen angeblichen Betruges erhalten – und von der Polizei gleich noch eine zweite dazu, weil sie ja gegen das Infektionsschutzgesetz verst├Â├čt, wenn sie arbeitet. Viele verlangen von ihren Kunden einen Corona-Test, um sich zu sch├╝tzen, aber letztlich sind sie aus finanziellen Gr├╝nden gezwungen, es hinzunehmen, wenn ein Kunde das ablehnt. Die Sexarbeiter*innen k├Ânnen nicht mehr ├ľffentlich werben, sind einzig und allein auf Mund-zu-Mund-Propaganda angewiesen – und auch das steigert die Abh├Ąngigkeit von den Kunden. Oft sind sie gezwungen, sich mit Kunden an unsicheren Pl├Ątzen zu treffen, m├╝ssen Hausbesuche machen. Das lehnen die meisten normalerweise ab. Aber in dieser Situation, sind sie vulnerabler (ungesch├╝tzter, verletzlicher) denn je.

Nanne Mieritz: Die Sexarbeiter*innen konnten ihre T├Ątigkeit auch nicht wie gewohnt anmelden oder verl├Ąngern, weil Pro*SABI, die daf├╝r zust├Ąndige Abteilung beim Amt f├╝r Gesundheit und Soziales (LAGUS) die ganze Zeit geschlossen war. Damit sind sie dann zum zweiten Mal illegal. Viele d├╝rften sich gar nicht in MV aufhalten, weil sie ihren Hauptwohnsitz woanders haben. Zum Alltag in der Sexarbeit geh├Ârt aber, dass viele Sexarbeiter*innen ihre Dienstleistungen in verschiedenen St├Ądten anbieten und dort oft wochenweise vor Ort sind.

Was bedeutet das f├╝r Eure Arbeit als Beratungsstelle?

Sandra Kamitz: Wir betreiben ja aufsuchende Arbeit. Aber aus Angst wird uns in den ca. 45 Modell-Wohnungen in der KTV, in der ├ľstlichen Altstadt, in Lichtenhagen, Gro├č Klein und Toitenwinkel gar nicht aufgemacht. Das Misstrauen selbst uns gegen├╝ber ist enorm gewachsen. Wir bieten beispielsweise alle zwei Wochen mittwochs eine kostenlose und anonyme Sprechstunde bei Gyn├Ąkolog*innen an. Auch dieses Angebot wird viel seltener als sonst wahrgenommen. Wir treffen auch viele uns unbekannte Sexarbeiter*innen in den Wohnungen und fangen also wieder bei Null an. Wir stellen unser Angebot vor, m├╝ssen uns das Vertrauen der Sexarbeiter*innen erarbeiten.

Nanne Mieritz: Viele Bundesl├Ąnder hatten ja im letzten Sommer das Verbot zur├╝ckgenommen – nur Mecklenburg-Vorpommern nicht. Sexarbeit ist die einzige k├Ârpernahe Dienstleistung, die seit Juli 2020 durchg├Ąngig verboten war. Wir sehen das wirklich als diskriminierenden Akt seitens der Landesregierung. Dieser Umgang sagt viel aus ├╝ber den Wert und die Stellung, die Sexarbeiter*innen beigemessen werden.

Hat sich Euer Blick auf Sexarbeit und Sexarbeiter*innen ver├Ąndert, seitdem Ihr bei SeLA t├Ątig seid?

Nanne Mieritz: Ich arbeite erst ein knappes Jahr bei SeLA. Vorher habe ich Soziale Arbeit in Neubrandenburg studiert und die Beratungsstelle 2018 w├Ąhrend eines Praktikums kennengelernt. Diversit├Ąt ist das erste Stichwort, das mir dazu einf├Ąllt. Au├čerdem finde ich es sehr spannend, wie mein Umfeld auf diese Arbeit reagiert hat. Alle wollen Stories ├╝ber Menschenhandel h├Âren und sind dann entt├Ąuscht, wie normal unsere Arbeit ist – dass es in den Gespr├Ąchen mit den Klient*innen um Finanzamt und Steuern, um Krankenkasse und Versicherungen geht.

Sandra Kamitz: Ich bin jetzt seit sechs Jahren dabei und ich sehe inzwischen sehr viel st├Ąrker die gro├če Diversit├Ąt. Es gibt so viel unterschiedliche Menschen, die diesen Job als Sexarbeiter*in machen. Und ich sehe mittlerweile auch, dass es – so wie in jedem anderen Job auch – Menschen gibt, die daf├╝r gemacht sind, und andere, bei denen das Gegenteil der Fall ist. Aber das kennen wir ja auch von Lehrer*innen, Verk├Ąufer*innen, Polizist*innen. Und diese Vergleiche sind nicht aus der Luft gegriffen. F├╝r mich ist der Beruf Sexarbeit mittlerweile so normal, wie die Arbeit bei Penny an der Kasse. Und ich sehe sehr viel klarer, dass engagierte Sexarbeiter*innen allein nicht ausreichen, damit Sexarbeiter*innen die gesellschaftliche Stellung, das Ansehen erfahren, das ihnen geb├╝hrt. Vorurteilsfrei, gesehen, geachtet – so wie jeder andere Mensch, jede andere Berufst├Ątige auch. Au├čerdem ist Sexarbeit nat├╝rlich ein sehr spezieller Job, der wie viele andere auch Professionalisierung braucht. Ich wei├č um Menschenhandel und um organisierte Kriminalit├Ąt und denke, dass es m├Âglich sein muss, all dem den Boden zu entziehen. Ich wei├č aber auch, dass das nicht durch ein Sexkaufverbot passiert, wie es gerade diskutiert wird.

Nanne Mieritz: Genau. Ein Sexkaufverbot soll Kunden kriminalisieren, es kriminalisiert im Endeffekt aber auch die Sexarbeiter*innen und treibt sie in die Illegalit├Ąt. Das ist definitiv der falsche Weg, wie es das schwedische Modell ja zeigt.

Was w├╝nscht Ihr Sexarbeiter*innen zum Welthurentag?

Sandra Kamitz: 1975 haben mehr als 100 Sexarbeiter*innen in Lyon in Frankreich eine Kirche besetzt, um auf ihre Rechte aufmerksam zu machen. Und heute, 46 Jahre sp├Ąter, gibt es immer noch Stigmatisierung und Diskriminierung von Sexarbeiter*innen. F├╝r mich eine Folge der gesellschaftlichen Tabuisierung von Sexarbeit. Ich w├╝nsche Sexarbeiter*innen, dass sie in Mecklenburg-Vorpommern, dass sie endlich wieder arbeiten k├Ânnen. Und ├╝berall, dass sie gute Arbeitsbedingungen haben – wo und an welchen Stellen und mit wem sie auch arbeiten. Ich w├╝nsche ihnen, dass ihre M├╝ndigkeit und Selbstbestimmtheit endlich anerkannt wird. Menschen, die sich f├╝r diese T├Ątigkeit entscheiden, sind keine Opfer. F├╝r die ├Âffentliche Debatte bedeutet das, sauber zu trennen zwischen freiwillig ausge├╝bter Prostitution auf der einen und Menschenhandel, Zwang und damit Vergewaltigung auf der anderen Seite.

Nanne Mieritz: Ich w├╝nsche Sexarbeiter*innen, dass offen dar├╝ber gesprochen wird, in welchen Formen Sex heutzutage gelebt wird. Dass dieses gesellschaftliche Tabu f├Ąllt. Genauso, wie es eine private und v├Âllig berechtigte pers├Ânliche Entscheidung ist, wie viele und welche Geschlechtspartner*innen eine Person hat, wie h├Ąufig sie diese wechselt, genauso ist es eine v├Âllig private und berechtigte pers├Ânliche Entscheidung, sexuelle Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen oder sie anzubieten.

Sandra Kamitz: Wir alle haben mehr oder weniger ausgepr├Ągte sexuelle Bed├╝rfnisse. In anderen Bundesl├Ąndern gibt es Fachtagungen und Projekte dazu, wie zum Beispiel eine Sexualassistenz professionalisiert werden kann, welches medizinische oder auch pflegerische Wissen daf├╝r notwendig ist. Hier gibt es ein weites Feld f├╝r gute Weiterbildungen f├╝r Sexarbeiter*innen. Aber dazu geh├Ârt eben auch die gesellschaftliche Akzeptanz dieses Berufes Sexarbeit.

V.i.S.d.P. Ulrike Bartel, STARK MACHEN e.V.

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