(Zwangs)prostitution als Thema bei GĂĽnther Jauch

Zur Sendung „Tatort Rotlichtmilieu – wie brutal ist das Geschäft mit dem Sex?“ …

Am 16. Dezember drehte sich in der ARD-Sendung „GĂĽnther Jauch“ alles um die dem letzten Tatort zugrunde liegenden Themen Menschenhandel und Zwangsprostitution. Der in zwei Teilen ausgestrahlte Kriminalfilm („Wegwerfmädchen“ und „Das goldene Band“) setzte u.a. das Leben einer Zwangsprostituierten in Szene und sparte nicht mit dramatischen und brisanten Szenen. Jauch ludt also zu sich ins Studio. Dabei waren: „Eva“ (eine Frau, die ĂĽber zwölf Jahre von einem brutalen Zuhälter gefangen gehalten und auf den Strich gefĂĽhrt wurde), Cathrin Schauer (Sozialarbeiterin und Mitarbeiterin im Verein „Karo“), Christian Zahel (Chef der Abteilung fĂĽr organisierte Kriminalität beim Landeskriminalamt in Hannover), JĂĽrgen Rudloff (Betreiber und Inhaber des Stuttgarter FKK-Clubs „Paradies“), Felicitas Schirow (Ex-Prostituierte und Bordellbetreiberin), Renate KĂĽnast (GrĂĽnen-Fraktionschefin im Bundestag) und natĂĽrlich Alice Schwarzer (Publizistin und Feministin).

Nach der einstündigen Sendung überwiegt jedoch die Enttäuschung darüber, dass die Aufarbeitung des Themas wieder einmal nicht zufriedenstellend war bzw. die immer gleichen Zusammenhänge, Vorverurteilungen und Meinungsbilder in den Mittelpunkt gerieten. Achja, und die Vorherrschaft von Alice Schwarzer.

Die Sendung begann mit einem Kurzauftritt von Sozialarbeiterin Cathrin Schauer, die mit dem Verein „Karo“ Zwangsprostituirte nahe der tschechischen Grenze aus den Fängen von Zuhältern und Zuhälterbanden befreit und die Frauen in ein geregeltes Leben begleitet. Wie man erfuhr, kann sie dabei auf einen ĂĽber 15-jährigen Erfahrungsschatz zurĂĽckgreifen. Umso unverständlicher war es, dass Frau Schauer nach fĂĽnfminĂĽtigem Auftritt von Jauchs Seite verschwunden war und keinen weiteren Einfluss auf die folgende Diskussionsrunde nehmen konnte. Warum das? Sollte es doch eine Prostitutionsdebatte mit dem Fokus Menschenhandel werden.

Auch Frau Felicitas Schirow, Ex-Hure und Bordellbesitzerin bekam nur einen Platz im Publikum und insgesamt wenige Minuten Redezeit!?

Alice Schwarzer fehlt Sachlichkeit

Die vier Protagonisten auf dem Podium, neben Moderator Jauch, waren dann Christian Zahel, JĂĽrgen Rudloff, Renate KĂĽnast und – als kaufte sie sich stets in solche Sendungen selbst ein – Alice Schwarzer. Scheinbar sind die Produktionsfirmen und Sendeanstalten einhellig der Meinung, ohne Alice Schwarzer könne, dĂĽrfe oder solle keine Talkshow mehr durchgefĂĽhrt werden. Klar, die 70-Jährige ist informiert, leistete jahrzehntelange Arbeit zu Frauenrechten …, aber leider ist sie so in ihrem sexuell unliberalen, matriarchaischen und ĂĽbersteigert emanzipatorischen Weltbild gefangen, dass sachliche und vorurteilsfreie Diskussionen mit ihr nicht mehr denkbar sind. Triebfeder Schwarzers scheint ausschlieĂźlich Kampf und Konfrontationsgier zu sein.

Es fängt damit an, dass sie (ebenso der Herr Kriminaldirektor und die GĂĽnther-Jauch-Redaktion) nicht zwischen Zwangsprostituierten, die Opfer von Menschenhändlern sind und Prostituierten, die sich aus eigener Entscheidung aber aus einer vielleicht finanziellen oder sozialen Notlage heraus (Selbstzwang) fĂĽr den Schritt in die Sexarbeit begeben mĂĽssen. Juristisch und auch ethisch sind das zwei vollkommen ungleichwertige Umstände. Aber Frau Schwarzer will sich’s mit ihrer Wut ja leicht machen …

Weiter geht’s: Die Emma-GrĂĽnderin verstand sich wieder wunderbar darin zu stacheln und zu schimpfen, ja besser gesagt zu beschimpfen. JĂĽrgen Rudloff bezeichnete sie als das „letzte Glied einer langen Kette von Verbrechern“, wirft Rudloff und Schirow unumwunden vor, ausschlieĂźlich in der Sendung zu sitzen, um Werbung fĂĽr deren Unternehmen zu machen und zudem ein romantisches Bild von Prostituierten zu vermitteln.

Ach Frau Schwarzer, wenn das so ist, was machen Sie denn dann? Darf man ihnen dann auch unterstellen, sich auf Werbetour fĂĽr die „Emma“ zu befinden und ebenso ihr doch teilweise verklärtes Menschenbild zu verbreiten? Immerhin verteufeln und dämonisieren Sie das Thema Prostitution derart, dass eine objektive Betrachtung dessen gar nicht mehr im Rahmen des Möglichen ist!

Der nächste kindische Vorwurf in Richtung Rudloff: „Es gibt Länder in Westeuropa, da wĂĽrden Sie fĂĽr das was Sie tun bestraft.“ Ahja. Was fĂĽr ein tolles Argument! Wie wäre es dann hiermit?: Es gibt Länder in der Welt, da werden Frauen bestraft, wenn sie ohne Begleitung und unverschleiert das Haus verlassen. Da dĂĽrften Männer diese dann ungeahndet vergewaltigen … . An Frau Schwarzer: Nur wenn in anderen Staaten etwas nicht erlaubt ist, was jedoch hierzulande legal ist, dann heiĂźt es nicht, dass diese Länder richtig handeln. Klar, der Vergleich hinkt gewaltig, aber warum darf man jemanden (Herrn Rudloff) ohne Beweise als Verbrecher beschimpfen, wenn er einer legalen Tätigkeit nachgeht. ZurĂĽck zum Gegenbeispiel: Sie sind unverschleiert und beziehen eigene Positionen. Deswegen sind sie keine unwĂĽrdige und vogelfreie Frau. Oder nicht?

Deutschland: ein El Dorado der Zuhälter

Weitere unwahre Behauptungen á la „FrĂĽher war alles Besser“ und „die Emma-Redakteure haben das schon immer gewusst“ (in puncto Entwicklung der Prostitution aufgrund des 2002 erlassenen Gesetzes) folgen im Sendeverlauf. Ebenso unsinnige Vergleiche/Zusammenhänge/Fehlinformationen. So meinte die beinahe schon Monologe haltende Erzfeministin Deutschland sei „ein El Dorado der Zuhälter“ – Dank der durch das Prostitutionsgesetz ermöglichten „Gesetzlosigkeit in Deutschland“. Gar hätte die Bundesrepublik nun „6 mal so viele Prostituirte, wie in Schweden …“.

Frau Schwarzer: Wenn sie sich auf die Göttinger Studie von Cho, Dreher und Neumayer (siehe hier) beziehen sollten, dann wäre ’60 mal so viele‘ richtiger. Das macht ihren Vergleich zwar noch brisanter, aber dennoch nicht teuflischer. Zur Studie später mehr, aber zu ihrem Vergleich: Wie viele Prostituierte es in Deutschland wirklich gibt, ist ĂĽberhaupt nicht klar. Mal spricht man von 150.000 Personen (so auch die besagte Studie) und manchmal tauchen Zahlen von bis zu 400.000 Personen (laut Berliner Prostituiertenberatungsstelle Hydra e. V.) auf. Bei letzter Zahl mĂĽsste unser Land dann ja 160 mal so viele Prostituierte beherbergen wie Schweden. AuĂźerdem hat Schweden rund 8,5 mal weniger Einwohner als Deutschland, nur drei Städte mit mehr als 200.000 Einwohnern, also eine viel geringere Bevölkerungsdichte, einen komplett andere Industrie/Wirtschaft etc.pp. Man kann zwar mit solchen zahlenspielen leicht polarisieren, aber aussagekräftig sind diese weniger als man meinen mag.

Generell will ja Frau Schwarzer ein Prostitutionsverbot in ganz Europa, eben nach Schwedischem Vorbild. Sie hält eine Ă„chtung von Prostitution (nicht der Frauen) fĂĽr notwendig. Dass aber viele Schweden, um strafrechtlich nicht belangt zu werden, fĂĽr den käuflichen Sex z.B. ins benachbarte Baltikum ausweichen, muss erst die GrĂĽnenabgeordnete, Renate KĂĽnast, hervorheben. Schwarzer hat’s wohl vergessen. LKA-Kriminaldirektor Christian Zahel, der an Schwarzers Seite sitzt und wohl fĂĽr die Anti-Prostitutions-Fraktion einsteht (so ganz wird es in der Sendung nicht klar), hebt jedoch hervor, dass er keinen „Schwenk hin zum Schwedischen Modell“ und zur Illegalisierung des Gewerbes wolle. Diese Aussage versteht man aber auch nicht ganz, wenn man bedenkt, dass Zahel durchweg kein gutes Wort fĂĽr das Sexgewerbe ĂĽbrig hat und die ganze Sendung ĂĽber indirekt hervorhebt, es wĂĽrde keine uneingeschränkt legale bzw. selbstbestimmte Prostitution geben.

Frauen zwischen 18 und 21 wissen nicht was sie tun

Zahel fordert weiterhin eine Wiedereinführung der ärztlichen Pflichtuntersuchung für Prostituierte. Bei dieser Aussage hätte aber mal Frau Schwarzer aufbegehren sollen, denn eine solche Pflichtuntersuchung ist Frauen diskriminierend, hätte etwas prangerhaftes. Mit dieser Forderung steht Zahel allerdings nicht allein da. Immer wieder wird das von diversen Fraktionen gefordert, aber müsste dann nicht jede Person, sobald geschlechtsreif, zu solchen regelmäßigen Untersuchungen? Oder sollen Prostituierte damit stigmatisiert werden?

Aber der Herr Beamte scheint Frauen im Allgemeinen nicht allzu viele Fähigkeiten zur Selbstbestimmung zuzusprechen. So meinte er: „“Frauen zwischen 18 und 21 wissen gar nicht was sie tun.“ Um das Zitat jetzt nicht aus dem Zusammenhang zu reiĂźen, muss erwähnt werden, dass Zahel das im Zusammenhang mit dem im Strafrecht geregelten Passus zum Menschenhandel sagte. Danach gelten Prostituierte dieser Altersgrumme nämlich erst einmal automatisch als Opfer von Menschenhandel, sofern sie der Prostitution nicht selbständig nachgehen. Seltsame Regelung? Ja ist es, denn dem Deutschen Prostitutionsgesetz zufolge ist Prostitution bereits mit Beginn der Volljährigkeit (ab 18 Jahre) möglich.

Schon der Hydra e.V. kritisierte dies in einer Pressererklärung von 2011 als eine „absurde Menschenhandelsdefinition“. „So werden den Betroffenen die sichersten Arbeitsplätze, nämlich die im Bordell, vorenthalten. Zusätzlich wird die Zahl der Menschenhandelsopfer kĂĽnstlich aufgebläht. Wir fordern, den §232 StGB, Absatz 1, Satz 2 ersatzlos zu streichen“, so die autonome Hurenorganisation.

Ja, was soll man insgesamt zur Sendung sagen? Auch bei Jauch kam eine erforderliche tiefgrĂĽndige und ergrĂĽndende Diskussion nicht zu Stande, wie es sich bei diesem ernsten und nicht zu vernachlässigenden Thema gehören wĂĽrde. Es wurde leider eine Diskussion ĂĽber das Prostitutionsgewerbe im allgemeinen. Wie gesagt, Cathrin Schauer war nach fĂĽnf Minuten aus der Sendung verschwunden, JĂĽrgen Rudloff kam kaum zu Wort, wollte scheinbar auch nicht wirklich in eine Diskussion einsteigen, Felicitas Schirow, als Vorkämpferin des Prostitutionsgesetzes, fristete ihr Dasein auf einem Stuhl im Publikum, Zahel forderte mehr Kontrolle und Alice Schwarzer … machte Meinung. Lediglich Renate KĂĽnast wertete die Sendung mit sichtbarer Fachkompetenz (soweit sie sich darauf vorbereiten konnte, denn eigentlich fällt das Thema eher weniger in den Arbeitsbereich der ehemaligen Bundesministerin fĂĽr Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft und jetzigen Vorsitzenden der Bundestagsfraktion BĂĽndnis 90/Die GrĂĽnen) auf.

KĂĽnast wertet Sendung auf

Wäre Renate KĂĽnast nicht dagewesen, hätte man wohl ausschalten können. Die Politikerin war die einzige, die versuchte objektiv, rational und realistisch zu bleiben. Dazu lieĂź sie die Anfeindungen von Alice Schwarzer an sich abprallen und begab sich nicht auf dieses populistische Niveau. Sie hob die Wichtigkeit zu Differenzieren hervor, zwischen Prostitution (FĂĽr die das ProstGesetz verabschiedet wurde) und Menschenhandel (Zwangsprostitution), zwischen der eher unfreiwilligen aber aus sich selbst heraus gewählten Prostitution (Selbstzwang) und der sexuellen Ausbeutung duch Menschenhändler (Zwang durch Dritte) … . Gleichwohl stimmte sie zu, dass das Prostitutionsgesetz bislang nicht optimal ausgeschöpft/umgesetzt wird und zudem zum Teil ausbaufähig sei.

Und die Günther-Jauch-Redaktion selbst ? Das einzige was sie Beitrug, war ein kurzes Interview mit einem einzelnen Härtefall, einer ehemals verschleppten und jahrelang gefangen gehaltenen Zwangsprostituierten. Aber kaum Zahlen (ein paar durch die Sozialarbeiterin Schauer), die für eine investigative Auseinandersetzung notwendig gewesen wären.

Eine repräsentative Umfrage von infratest dimap präsentierte man gegen Ende hin aber dann doch. Danach hätten befragte BĂĽrger auf die Frage „Soll Prostitution in Deutschland verboten werden?“ hin zu 17 % mit Ja und zu 78 % mit nein geantwortet. 80 % der Männer und 76 % der Frauen sprachen sich gegen eine Abschaffung aus.

Und: ganz kurz flatterte ein Bild ĂĽber den Schirm. Darauf zu sehen: ein Hinweis auf eine Studie der Universität Göttingen. 2011 fragten die Autoren Seo-Young Cho, Axel Dreher und Eric Neumayer: „Does Legalized Prostitution Increase Human Trafficking?“

Aber da die Redaktion (wie auch viele andere) aus der nicht unumstrittenen Studie nur einen einzigen Satz verwerteten, kommt es oft zu einer verfälschten Auslegung der Erhebung. Zitiert wird immer nur dieser eine Satz: „In Ländern wie Deutschland, wo Prostitution legal ist, kommt es zu einer Zunahme des Menschenhandels.“ Unter den Tisch gekehrt wird hingegen, dass die Göttinger Wissenschaftler auch ganz klar machten, dass aufgrund der undurchsichtigen Natur der Prostitution ein klarer Beweis fĂĽr einen Zusammenhang zwischen der legalisierten Prostitution und einem erhöhten Aufkommen von Menschenhandel fehle. FĂĽr genauere Schlussfolgerungen mĂĽsse man weitere Forschungen anstellen, gaben diese zu.

20,9 Prozent Marktanteil aber Thema nur unzureichend erfasst

Die Mär, in Deutschland hätte die Polizei fast keine Kontrollbefugnisse in puncto Rotlichtmilieu, fehlte in der Talkshow natĂĽrlich ebenfalls nicht. An dieser stelle ein paar weitere Worte des Hydra e.V., welche dieser bereits im FrĂĽhjahr anlässlich der Maischberger-Sendung „Ob Billigsex oder Edelpuff: Schafft Prostitution ab!“ in einem öffentlichen Brief kundgab:

„Kaum ein Wirtschaftszweig wird in Deutschland stärker kontrolliert als die Prostitution. Die angebliche KontrolllĂĽcke ist eine Erfindung von Ăśberwachungsfanatikern. Polizei, Zoll, Bauämter, Ordnungsämter, Finanzämter, Ausländerbehörden kontrollieren regelmäßig in Prostitutionsstätten. Bei diesen Razzien, die vorgeblich dem Schutz der Sexarbeiterinnen dienen sollen, kommt es regelmäßig zu Polizeigewalt. Und die angeblich so groĂźe Zahl von Menschenhandelsopfern konnte trotz dieser Kontrolldichte von offizieller Seite nicht bestätigt werden. Im Gegenteil: Die Kriminalstatistik weist seit Jahren rĂĽckläufige Fallzahlen auf. […] Aus unserer Sicht wird das Thema Menschenhandel bewusst instrumentalisiert, um die Prostitution als gesellschaftliches Ăśbel zu stigmatisieren.“

Fazit: 6,27 Millionen Zuschauer und einen Marktanteil von 20,9 Prozent soll „GĂĽnther Jauch“ an diesem Sonntagabend gehabt haben – ein neues Rekordergebnis! GlĂĽckwunsch? Nein eher nicht, denn der Redeanteil von Alice Schwarzer lag bei gefĂĽhlten 50 Prozent, neue Erkenntnisse wurden nicht gewonnen, eine objektive, und informative Podiumsdiskussion war das nur begrenzt.

Bleiben wir bei den Damen von Hydra und ihrem zur Maischberger-Sendung gegebenen Statement, denn als Schlusswort passt folgendes auch hier ganz gut:

„Doch was Sie uns da präsentierten, war erschreckend uninformiert und unerträglich tendenziös. Wir erlebten eine Diskussion, die von den Prostitutionsgegnerinnen beherrscht wurde. […] Wir möchten Sie und alle interessierten Medien auffordern, das Thema Prostitution sachorientierter, differenzierter und mit mehr Respekt anzugehen. Statt oberflächlicher Milieu-Reportagen und moralistischer Opfer- und Verbotsdiskurse brauchen wir Respektkampagnen. Die Prostitution ist Teil unserer sexuellen Kultur.“

pd

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