Skandalisierte Darstellung von Prostitution in den Medien fördert Stigmatisierung

29. März 2021

Ein Statement der Beratungsstelle SeLA:

Die Beratungsstelle SeLA und der Trägerverein STARK MACHEN e.V., erwarten von Journalist*innen, dass sie die Gruppe der Sexarbeiter*innen nicht fĂĽr ihre Darstellungen benutzen und um ihre oder die einer bestimmten Lobby zugehörende Moral als Realität zu etablieren. Wir hoffen, dass langfristig ein Bewusstsein dafĂĽr entsteht, dass Menschen in der Sexarbeit, in deren Namen gesprochen wird und denen vermeintlich geholfen werden soll, nicht mehr viktimisiert, stigmatisiert und entmĂĽndigt werden.

Als Beraterinnen für Menschen in der Sexarbeit gehört Öffentlichkeitsarbeit sowie die Auseinandersetzung mit der Darstellung von Prostitution in den Medien zu unserer Arbeit.

SeLA hat jährlich über 500 Kontakte zu Sexarbeiter*innen bei der aufsuchenden Arbeit in den Prostitutionsstätten, in den Beratungsräumen in der Doberaner Straße 7 in Rostock, telefonisch, per E-Mail oder über Online-Messenger. Das niedrigschwellige Beratungsangebot rund um den Job gibt es seit über sechs Jahren in der Hansestadt Rostock und wird konstant von unterstützungssuchenden Sexarbeiter*innen in Anspruch genommen. Die Beratungen sind parteilich, kostenfrei und anonym. Sie orientieren sich immer an den Bedarfen der Sexarbeiter*innen. Auch Gewalt gehört zu unseren Beratungsthemen. Gewalt gegen Frauen ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Jede dritte Frau hat nach Auskunft des BMFSJ einmal in ihrem Leben Gewalt erfahren. Aus der Perspektive von SeLA ist das Gewaltthema nicht auf dem Rücken von Sexarbeiter*innen auszutragen, weil es sie nicht allein betrifft. Aussagekräftige Studien speziell mit Sexarbeiterinnen gibt es derzeit nicht. Gut ausgebaute Hilfenetzwerke insbesondere für Prostituierte bieten langfristig Schutz und Prävention auch gegen Gewalt.

Durch unser Angebot bekommen wir regelmäßig einen kleinen Einblick in die Lebens- und Arbeitsrealitäten der Menschen, die in Rostock der Sexarbeit nachgehen.

Auch wenn wir keinen für die gesamte Sexarbeit geltenden Überblick bieten können, sehen wir die wiederholte Mediendarstellung von Prostitution in Form polarisierender Darstellungen sehr kritisch. Sexarbeiter*innen sind weder ausschließlich Betroffene sexualisierter Gewalt noch ausschließlich glückliche reiche Escorts. Die vielfach gezeigten Realitäten von Prostituierten stimmen somit nur selten mit denen der Klient*innen von SeLA überein. Wir gehen zudem davon aus, dass die Mehrheit der Sexarbeitenden (Frauen, Männer und Trans*) ebenso alltäglich ungesehen und undokumentiert ihrer Tätigkeit nachgehen.

Seit einiger Zeit werden zunehmend Dokumentationen über Prostitution in den Öffentlich Rechtlichen Medien gezeigt, die ihrem Anspruch von Objektivität auf das Thema nicht gerecht werden. So wurden in der 3-Sat-Dokumentation „Kein Job wie jeder andere“, die für ein Sexkaufverbot warb (Erstausstrahlung 4.3.2021), interviewte Protagonistinnen (Sexarbeiterinnen, eine Wissenschaftlerin und Beraterinnen aus Essen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in die Doku eingeladen. Hierzu gibt es von Seiten der Betroffenen als auch von Fachverbänden Stellungnahmen. (Verlinkungen unten)

Den aktuellen Höhepunkt setzt die preisgekrönte NDR-Doku „Love Mobil“ (2019). Fast zwei Jahre nach der Veröffentlichung kam heraus, dass die Mehrheit der Darsteller*innen Schauspieler*innen waren, die nach einem Skript gefilmt worden. Ausgedachte Realität?

Ein Problem ergibt sich aus der Tatsache, dass besonders skandalisierte Medienberichte die Diskurse und Meinungen in eine bestimmte Richtung lenken. Den Medienkonsument*innen wird eine Skandalisierung als soziale Realität verkauft. Hier werden Meinungen und Moral gemacht, wobei bewusst das große Mittelfeld (hier sind die meisten Sexarbeiter*innen tätig) in der Recherche und der Berichterstattung schlichtweg ignoriert wird. Auf diese Weise verschärfen sich Vorurteile, Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen in der Sexarbeit. Das hat wiederum zur Folge, dass eine Prostituierte, die ihren Job fast unsichtbar ausübt, auch in Zukunft nicht bereit sein wird, über ihren Arbeitsalltag zu sprechen.

Zu SeLAs Arbeit gehört vor allem, Menschen in der Sexarbeit bei der Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen zu unterstützen. Regelmäßig informieren wir auch Klient*innen über die aktuellen Diskurse. Zudem laden wir die breite Öffentlichkeit zu Veranstaltungen ein, um die Vielfalt der Sexarbeit zu zeigen und damit auch zu entstigmatisieren und das Tabu Sexarbeit zu überwinden. Wir wissen, dass unsere Veranstaltungen, in denen immer eine tätige Sexarbeiter*in als Gast eingeladen wird, eine unsichtbare Hürde birgt. Viele Menschen, die das Thema interessiert, haben Angst nur als Anwesende mit dem Tabuthema in Verbindung gebracht zu werden. Dabei halten wir es für dringend notwendig eine umfassende Aufklärungsarbeit zu ermöglichen, vor allem mit der Unterstützung durch Medien.

WeiterfĂĽhrende Infos

Zur Doku „Kein Job wie jeder andere“ (2021)

Zur Doku „Love Mobil“ (2019)

Quelle: SeLA / STARK MACHEN e.V. – Rostock

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