Das „PROBLEM Prostitution“ Teil 2

14. April 2022

„Eine irregeleitete, falsche Sexualität durch Pornografiekonsum ist das Grundproblem, das zum Problem Prostitution führt.“

Dies ist nun der zweite Teil der Auseinandersetzung mit dem NDR-Podcast „Mensch“ Margot“, genauer mit der Folge „Prostitution: Kein Job wie jeder andere“ vom 1. April 2022. Schon in Teil 1 konnte ich kein gutes Wort über die drei Protagonist:innen und deren Thesen verlieren. Warum auch? Schließlich ging es ihnen ja nicht um eine Auseinandersetzung mit dem Thema Prostitution sondern ausschließlich um die Verbreitung ihrer abolitionistischen Ressentiments und ganz nebenbei vielleicht auch um das Anwerben von Geldgeber:innen für ein Crowdfunding-Projekt der Gästin Kristine Tauch.

Im Folgenden kommen die drei Protagonist:innen leider noch einmal zu Wort. Das heißt, sie werden Zitiert und das gesagte kommentiert.

Vorwarnung: macht euch auf Framing, PLURV-Sprech und Lügen seitens der Theologin Margot Käßmann, des Fernsehjournalisten Torben-Arne Voigts und der Filmemacherin Kristine Tauch gefasst.

Zitate Margot Käßmann

„Da werden Frauen brutal ausgebeutet, ihrer Würde beraubt.“

–> Derlei verallgemeinernde Aussagen finden sich in der kompletten Podcast-Folge. Empirische Daten, die hier Klarheit schaffen würden, werden allerdings völlig außen vor gelassen. Nirgens taucht irgendeine Kriminastatistik oder irgendein Jahresbericht einer unabhängigen Beratungsstelle auf. Es ist reines Framing.

„1,2 Millionen Männer gehen pro Tag zu einer Prostituierten“

Käßmann macht deutlich, das sie sich diese Zahl nicht ausdenkt, sondern vom Bundesfamilienministeriums veröffentlicht sei.
–> Aber: diese Zahl ist nicht echt. Sie ist auf keinerlei empirischen Erkenntnissen gestützt, wird zudem seit Jahrzehnten konstant und unkritisch widergekäut.

Zum Hintergrund siehe Beitrag vom BSD: „Basierend auf die von EMMA 1986 in die Welt gesetzte Zahl von angeblich 400.000 Sexarbeiter*innen in Deutschland errechnete die Prostituiertenberatungsstelle HYDRA aus Berlin in ihrem HYDRA-Nachtexpress, Zeitung für Bar, Bordell und Bordstein, Berlin, 1988: “In der Bundesrepublik arbeiten nach Schätzungen zirka 400.000 Prostituierte. Geht man davon aus, dass jede Frau pro Tag 3 Kunden hat, heißt das, dass täglich 1,2 Millionen Männer Prostituierte aufsuchen. […] Seit 1988 geistert auch diese Zahl durch sämtliche Medien, Studien, Vorträge und Gesetzesbegründungen – trotz Wiedervereinigung und EU-Osterweiterung. Das Deutschland von 1988 gibt es nicht mehr … aber die Zahlen werden wiederholt, wiederholt und wiederholt … und werden doch nicht wahr!“

„Ich habe in Hannover mitbekommen, immer wenn die ZEBIT stattgefunden hat, wurden ganz viele Prostituierte nach Hannover gebracht, ob sie wollten oder nicht.

–> Diese Behauptung ist genau das, eine Behauptung. Zudem schwammig und auslegbar. Was heißt immer, was ganz viele? Was bedeutet ob sie wollten oder nicht? Ein von Pileizeibehörden verzeichneter Anstieg von Straftaten gegen das Selbstbestimmungsrecht oder gar im Bezug auf den Tatbestand des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung sind jedoch nirgens verzeichnet. Woher hat sie also ihr „Wissen“?
Wahrscheinlich will sie mit ihrer Behauptung nur eine ähnliche und rege wiederholte Hypothese untermauern. Danach gebe es einen Anstieg der Prostitution bei internationalen Sportgroßereignissen. Allerdings konnte dies weder bei den WM 2006 (Deutschland), 2010 (Südafrika) und 2014 (Brasilien) noch bei EM und Olympia 2010 festgestellt werden (mehr dazu hier).

„Da wird immer so getan, als seien alle Prostituierten eine Edelprostituierte in einer schicken Wohnung, die es sich leisten kann, ihre Freier auszusuchen.“

–> Das ist unerträglich. Zum einen verwendet sie hier ein Strohmann-Argument, denn wirklich niemand behauptet das. Zudem ist es Framing in Reinform um Deutungshoheit zu beanspruchen. Sie suggeriert ein Zweiklassenprinzip, das auf der einen Seite das Opferprinzip der unfreien Armutsprostituierten beststärken soll und auf der anderen Seite die „wenigen“ selbstbestimmten Sexarbeiterinen in den Elfenbeinturm katapultiert, ihnen damit einen von der großen Masse abweichenden und unerreichbaren Seltenheitsstatus zuschreibt. Dazwischen gibt es nichts.

Prostituierte sind Opfer einer Vertuschung

–> Wittert sie hier etwa eine große Verschwörung? Oder meint sie hier eine Vertuschung, wie sie seit jeher die katholische Kirche in Sachen sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen pflegt? Aber im Ernst, Margot Käßmann bezieht sich auf eine angeblich gemachte Aussage von Kristine Tauch. Was Käßmann meint, bleibt aber erst einmal offen. Was sie tut, ist hingegen klar: sie bedient sich in schändlichster Art der Argumentationsweise von Versschwörungsgläubigen. Erschreckend, nein bezeichnend ist es, dass sowohl Tauch als auch Voigts diese „Vertuschung“ unkommentiert lassen.

„Der Freier will die Frau benutzen um sich zu befriedigen“

–> Noch deutlicher könnte sie ihrer Abneigung und Voreingenommenheit gegenüber der Prostituierten-Kundschaft nicht Ausdruck verleihen. Der Duktus mittels durchweg negativer Konnotation bleibt. Frauen in der Prostitution sind Opfer, männliche Freier sind Täter. Männer nehmen sich und benutzen Frauen allein um sich zu befriedigen. Das ist der bekannte Sprech von Hardliner-Abolitionisten.
Dass Käßmann zu einem späteren Zeitpunkt versucht, Sexualität zu verallgemeinern aber gleichzeitig den sexuellen Akt ins bilderbuchmäßige zu romantisieren, zeigt nur die Absurdität ihrer Gedankenwelt. Dennoch bekommt sie Bestätigung für ihr eindimensionales und zutiefst konservatives Sexualitätsverständnis.

„Mir ist Wichtig, dass die Prostituierten nicht verurteilt werden.“

–> entweder Käßmann ist nicht in der Lage sich zu spiegeln oder sie ist so in ihrer verstockten radikalfeministischen Ideologie gefangen, dass sie den Widerspruch in Ihrer Aussage nicht erkennt. Denn wenn man sich die ganze Sendung anhört/ -schaut, dann tut sie und ihrer Mitstreiter genau das, permanent: Prostituierte vorverurteilen. Mittels Stigmatisierung, Opferstilisierung und Verallgemeinerung, mittels Ausgrenzung – nicht eine Sexarbeiterin oder Beratungsstelle kommt zu Wort oder wird zitiert – und mittels Herabwürdigung von emanzipierten und öffentlich in Erscheinung tretenden Sexdienstleisterinnen bei gleichzeitiger Beinahe-Inthronisierung von ausgebeuteten Aussteigerinnen. Käßmann hat von Beginn an ein Urteil über Sexarbeiterinnen gefällt. Davon rückt sie auch nicht ab. geht auch gar nicht, da alle drei „Diskutanten“ in Ihrer Meinung dacor sind. Widerrede gibt es nicht.

„Es ist innerhalb der politischen Parteien kein großes Interesse da, Prostitution oder das Nordische Modell zum Thema zu machen.“

–> Wie weltfremd ist bitte diese Aussage? Sie leugnet damit sträflich alle vergangenen politischen Debatten auf Länder- und Bundesebene sowie die Schaffung von Gesetzen und Verordnungen der letzten 20 Jahre. Sie leugnet die bundesweit organisierten Runden Tische Prostitution, über die sich Verantwortliche aus Politik, Sozialwissenschaft, Gesundheitswesen, Justitz etc. mehrheitlich konstruktiv austauschen konnten. Sie verleumdet sowohl die Arbeit der sozialen, liberalen als auch konservativen Bundespolitiker:innen, die alles andere als einig beim Thema Sexarbeit sind und waren. So ist dann auch der Grund für das Fehlen eines Deutschen Prostituiertengesetzes auf Grundlage des schwedischen Vorbilds nicht ein vermeintlich fehlendes Interesse, sondern das Greifen eines parlamentarisch demokratischen Prozesses.

Zitate Kristine Tauch

„Es gibt soviel, was wir nicht wissen über das Systhem Prostitution.“

–> Tauch versucht hier direkt einmal, Prostitution als eine Art von Politik und Sozialwissenschaft ignorierte, also im Verborgenen agierende Peergruppe darzustellen. Sie suggeriert ein allgemeines Nichtwissen, ohne näher darauf einzugehen, was sie denn genau damit meint. Damit leugnet sie die etlichen ernstzunehmenden Publikationen, Berichte, Kongresse etc. der vergangenen Jahre. Sie spricht von einem vermeintlichen Systhem, ohne dieses zu erklären. Das überlässt sie dem Interpretationsspielraum der Zuhörer:innen.

„Beim Gesundheitsamt gemeldet sind zwischen 40- und 60.000 Prostituierte – mit Gewerbeschein quasi.“

–> Was soll das mit dem Gewerbeschein? Das ist einfach falsch. Dabei handelt es sich lediglich um eine Anmeldebescheinigung, also alles andere als ein Gewerbeschein (siehe Gewerberecht). Genau dieser aber war seitens des Gesetzgebers nie für Sexarbeitende angedacht und demzufolge für gewöhnlich nicht erhältlich. Die Anmeldebescheinigung ist etwas völlig anderes. Es ist eine sonderrechtliche Registrierung bei u.a. gesundheitsdienstlichen Behörden.
Wie kommt es eigentlich, dass laut Gesundheitsamt (welches denn überhaupt? Jedes Bundesland hat eines.) 40.000 bis 60.000 Anmeldungen gemeldet sind? In deutschen Behörden wird entweder eine eindeutige Zahl veröffentlicht oder eine Schätzung abgegeben. Aber nicht 40-60 gemeldet. Richtig ist, dass das Statistische Bundesamt (nicht das Gesundheitsamt) 2019 über 32.800 ausgestellte Anmeldebescheinigungen informierte (siehe hier). Wohl waren es aber mehr, weil Brandenburg und Sachsen-Anhalt damals keine Daten übermittelten. Eine Dunkelziffer darf zudem angenommen werden.
Immerhin war diese Aussage Tauchs die einzige, die wenigstens annähernd richtig war. Leider konterkariert die Filmemacherin diese direkt mit dem folgendem Zitat.

„Man geht aber davon aus, sowohl in der Kriminologie als auch unter Streetworkern und Menschenrechtlern, dass es zwisschen 200.000 und 400.000 Prostituierte gibt.“

–> Was ein Bullshit. Entschuldigung. Aber die 400.000 Prostituierten sind genauso falsch und schon seit über 30 Jahren in Umlauf, wie die 1,2 Mio Freier. Und wer ist „man“? Auf welche Kriminologen, Streetworker und Menschenrechtler bezieht sie sich? Wie kann irgend ein lokaler Streetworker Informationen besitzen, die nicht mal das Statistische Bundesamt hat? Kann er nicht und das weiß Tauch sicher auch. Sie will nur einfach nicht mit kleinen Zahlen agieren. Lieber mit welchen, die um ein zehnfaches höher sind und die Mär von einer gewaltigen Dunkelziffer befeuern. Damit erzeugt man Emotionen. Nicht mit offiziellem Zahlenwerk.
Eine der vielen kritischen Auseinandersetzungen mit den angeblichen 400.000 (übrigens seitens mancher Abolitionisten auf bis zu 1 Mio. phantasierten) Prostituierten findet sich bei Dona Carmen. Die ausführliche Untersuchung vom März 2020 ging übrigens von einer geschätzen Anzahl von 90.000 Sexworkern (wohlgemerkt nicht gleichzeitig) aus. Wie verwerflich mit dieser 400.000-Mär umgegangen wird, zeigten vor Jahren übrigens auch mal zwei SPD- Bundestagsabgeordnete und Juristen (siehe unser Beitrag „Die Spinnen die Sozialdemokraten“).

„Deutschland wird ja auch als Bordell Europas bezeichnet“

–> Na klar, die Schublade muss natürlich auch geöffnet werden. Wer kennt sie nicht diese abgedroschene Phrase. Sie hat einzig so einen Bart, ist dabei aber schlicht aktionistisch und alarmistisch.

„Der Begriff Sexarbeiterin ist im Prinzip nicht OK, weil ich die Prostitution nicht als Sexarbeit bezeichnen würde.“

–> Genau mit solchen Aussagen führt Tauch wie schon Käßmann die Behauptung, Prostituierte nicht vorzuverurteilen, as absurdum. Tauch spricht diesen damit indirekt das Recht ab, sich und ihre Arbeit selbst wertfrei zu betiteln. Die Entstigmatisieren wird mit auf diese Weise unmöglich gemacht. Wenn andere darüber entscheiden, wie eine vulnerable Minderheit zu bezeichnen ist…

„Es geht nicht um Sex in der Prostitution sondern um Machtausübung“

–> Auch diese Phrase dient allein dazu, Freier zu kriminalisieren. Denn mit der Aussage meint sie Freier, also männliche Freier. Gleichzeitig leugnet sie damit restlos das Bedürfnis auf unverbindlichen, unemotionalen, rein körperliche befriedigenden Sex, auf Abenteuer, auf sexuelle Neugierde. Sie leugnet die durchaus therapeutische Arbeit, den Prostituierte für manch einen Freier leisten. Sie leugnet und mutmaßt auf billigste weise.
Das durchaus auch Prostituierte über ihre Freier Macht ausüben können, auf diese Idee kommt Kristine Tauch gar nicht. Nehmen wir mal beispielhaft jene Vertreter:innen der Zunft, die innerhalb der Kundschaft als „Abzock…“ bezeichnet werden. Jetzt mal ohne die Begrifflichkeit zu werten oder solcherlei Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen (was auch schwer möglich wäre). Vielleicht locken jene Sexarbeiter:innen ihre Kunden mit falschen Versprechungen, halten den abgemachten Zeitrahmen nicht ein, verlangen während des Aktes Nachzahlungen, sind vielleicht sogar ganz andere Frauen (oder etliche Jahre älter) als auf den Bildern und so weiter und so fort. Der Kunde geht anschließend unzufrieden nach Hause, wird diese/n Prostituierte/n kein zweites Mal besuchen. Sein Geld ist er aber los. Wer hat in diesem Gedankenspiel nun Macht ausgeübt?
Ist auch egal, denn Margot Käßmann will ja nur eines: den sexuellen Akt, weil gegen ein Entgelt zustandegekommen, herabwürdigen auf ein angeblich grundlegendes Macht- und Gewaltbedürfnis des Mannes.

Es gibt keine Ausbildung um Sexarbeiterin zu werden“

–> Was will sie denn damit sagen? Komischerweise nutzt sie das Argument für eine Deligitimation der Sexarbeit. Ganz im Gegenteil sollte dieser Umstand auf ein Defizit in Gewerbe- sowie Berufsbildungsgesetz hinweisen. Nicht als Begründung für ein Verbot. Den inneren Widerspruch erkennt sie aber nicht. Absurd auch, weil sie nicht prostituierte sondern Freier bestrafen will. Auch bei einer Freierbestrafung wäreSexarbeit weiterhin kein Ausbildungsberuf. Was will Tauch also?

Sagt sinngemäß: Der Verlust der Sinnlichkeit ist ein starker Grund dafür, Sex als mechanische Aktivität auszuführen und zu kaufen. Das sehe man an den Bewertungen in Freierforen.

–> Das sagt sie übrigens, nachdem sie erst die Vielschichtigkeit der von unterschiedlicher Motivation getriebenede Freier hervorhebt. Aha. Und dennoch kann man unisono den Verlust der Sinnlichkeit attestieren? Die Sinnlichkeit verallgemeinernd definieren? Einzelne Forenbeiträge als Beleg dafür nehmen?

„Die Foren-Kommentare gehen oft in den Bereich des Ekelhaften und das hat ja nichts mit Sinnlichkeit zu tun.“

Ja die Sache mit den Forenbeiträgen. Warum das immer als Beleg für die Victimisierung der Sexarbeiterinnen gesehen wird, ist mir ein Rätsel. Wenn man Freierforen mal ernsthaft analysiert, dann sind sie wie andere Foren auch. Nur wenige Schreiber sind aktiv, dafür aber sehr umtriebig. Und immer gibt es einzelne, die sich nicht an die Nettiquette halten. Heißt, die Kommentare sind teilweise bedenklich. Dass aber nun einzelne Kommentatoren stellferttretend für die angeblich 1,2 Mio Freier stehen und diese apriori charakterisieren sollen…
Aber ja, Prostituierte werden in solchen Foren bewertet. Das muss man nicht mögen und auch nicht gutheißen. Solange dort keine personenbezogenen, privaten Daten oder strafrechtsrelevante Aussagen geteilt werden, muss man es einfach aushalten oder ignorieren. Allerdings ist das ja genau der Sinn der Freierforen. Sexuelle Dienstleistungen und auch das Erlebte zu beschreiben. Was aber als ekelhaft zu bezeichnen ist und was nicht, liegt wohl im Auge des Betrachters/der Betrachterin.
Dann kommt aber hinzu, dass die Grenzen des gesunden Anstands in der Anonymität des Internets serwohl verschoben werden. Das ist in der Tat ein gesellschaftliches Problem. Nur aber keines, was sich auf Freierforen beschränkt. Immer dort wo diametral entgegengesetzte Meinungen und Lebensentwürfe aufeinandertreffen, geht es schnell unter die Gürtellinie bis hin zu offenen Anfeindungen. Man braucht sich mal nur Kommentarspalten bei Debatten über Fleischkonsum, Vegabnismus, GEZ, Kindererziehung, Impungen, Esoterik… anschauen. Überall wird gehetzt, beleidigt, beschimpft, verwunschen, gedroht. Da sind Freierforen teilweise harmlos. Oder man schaltet das Internet ab…

Die Perversion der Sexualität in Pornografie (…) zeigt extremst gewalttätige Szenen. […] Werden schon in Grundschulen verschickt“

–> Was passiert hier? Rauch switcht zu einem anderen Komplex, also Pornografie, greift dort eine extreme Sondergattungen auf (extreme Gewalt in Pornografie – was auch immer sie damit genau meint) um sie dann mit extremen Einzelfällen (Verbreitung von Pornografie unter Grundschülern) in den Kontext zu setzen. Daraus braut sie dann eine angebliche Allgemeingültigkeit (Pornografiekonsum bei Kindern und Jugendlichen) zusammen um daraus dann, wieder in den ursprünglichen Komplex Prostitution wechselnd, das sexuelle Motiv und den Daseinsgrund von Freiern zu erkennen. WTF?

„In Bordellen redet man von sogenanntem Frischfleisch. […] immer extravaganter, immer jünger.“

–> Was ein Humbug. Woher hat sie das? Hat sie das mal in nem Forum aufgehascht? Wie kommt sie darauf, dass man so in Bordellen (plural) spricht? Was heißt „immer jünger“? Will sie hier einen männlichen Hang zu Minderjährigen attestieren? Was heißt extravaganter? Warum ist das bei ihr negativ konnotiert? Erbärmlich Frau Tauch!

Kristine Tauch verortet die ersten Bordelle übrigens im Mittelalter

–> Absolut nicht vorbereitet bzw. total ungebildet die Frau. Das ist sowas von falsch, weil sie damit die heute gut dokumentierte Prostitution in der Antike komplett außen vor lässt. Zumal das Verb prostituere lateinisch ist…

„Ich möchte hervorheben, dass ein Großteil der Männer keine Sexkäufer sind.“

–> Aha? Warum sagt sie das? Warum diese Pseudo-Relativierung? Wo sie und Käßmann doch von angeblich 1,2 Mio. Männer täglich schwadronieren? Nehmen wir das Rechenbeispiel vom BSD. Dann käme man auf einen rechnerischen Minimalsatz von 12 Millionen Freiern in Deutschland. Also mindestens. Wir gucken weiter. In Deutschland (83.190.556 Einwohner) waren im Jahr 2020 49,3 Prozent der Einwohner Männer. Das sind round about 41 Millionen. Im Jahr 2019 waren 18,4 Prozent der Einwohner unter 20 Jahre. D.h. nicht ganz 33,5 Mio Männer sind über 20. Nähme man diese 33,5 Mio jetzt als Referenz, dann hat Kristine Tauch recht. 12 Mio sind weniger als 21,5 Mio (12 + 21,5 = 33,5). Dennoch wären danach mindestens 35,8 Prozent der deutschen Männer als Freier unterwegs. Eine ganz schön große Minderheit. Eine ganz schön große Minderheit, die zufolge Rauchs Wunsch nach Freierkriminalisierung allesamt verurteilt werden müssten.
Aber Kristine Rauch hat ja ihre Zahlen selber noch nie durchgerechnet. Von daher darf sie das: erst Mutmaßen und anschließend willkürlich relativieren. Dass ihre 1,2 Mio täglich aktiven Freier völlig absurd sind, das darf sie also getrost verschweigen.

Eine andere Frage? Wie viele Männer und Frauen gehen denn eigentlich im Laufe ihrer jeweiligen Partnerschaften fremd, also mit Liebhaber:innen? Ich glaube ja, Kristine Tauch macht sich einfach was vor mit ihrem romantischen Sexualverständnis.

Prostitueierte bekommen 30 bis 50 Euro pro Kunde“

–> Bitte in was für einem Universum lebt sie? Woher hat sie diese Zahl? Warum meint sie, dass diese eine Evidenz hätte? Hier nimmt sie mutmaßlich irgendeinen mal aufgeschnappten Betrag für einen Hand- oder Blowjob oder für einen 15 Minuten Quickie an der Raststätte und dichtet diesen komplett allen Sessions zu. Würden wir davon ausgehen, was anzuzweifeln ist, dass sie bei den 30 – 50 € bereits ein allgemeines Mittel errechnet hat, dann wäre der Minimalbetrag für eine Sexdienstleistung irgendwas bei 5 oder 10 Euro. Das ist einfach eine erbärmliche Art der Herabwürdigung von Prostitution.

Dass der NDR solche Leute wie Kristine Tauch als „Fachfrau“ eingelädt, ist einfach nur beschämend.

Zitate Arne-Torben Voigts

„Prostitition ein großes Problem in Deutschland“

–> Wie schon in Teil 1 ausgeführt, sagt Voigts das mit dem „Problem“ wiederholt und stets ziehmlich bedeutungsschwanger. Unreflektiert pauschalisiert die victimisiert er mit dieser Aussage. Ohne es wörtlich zu sagen, treibt er damit das Narrativ von einer illegalen Tätigkeit voran. Eine wirkliche, eine stichhaltige Begründung, warum Prostitution denn ein Problem sei liefert er nicht selbst. Dies überlässt er Käßmann und Tauch. Er wiederholt nur deren pauschalisierte und stereotypisierende Meinungen.

„Wir haben in der Tat ein ganz schwaches Glied mit der Prostitution“

Es stimmt, dass Prostituierte nur eine vergleichsweise kleine Lobby haben. Weil sie permanent Vorurteilen, Diskriminierung und Stigmatisierung ausgesetzt sind, Outings häufig mit sozialen Ausgrenzungen und Anfeindungen einhergehen und sie nur dann ernst genommen werden, wenn sie nicht selbstbestimmt in der Prostitution arbeiten (oder es taten), deshalb sind sie eine vulnerable Gruppe.
Das ist es aber nicht, was Voigts, wie man schnell merkt, meint. Nein, er spricht nicht von Entstigmatisierung. Stattdessen befeuert er diese Vulnerabilität indem er permanent victimisiert und entmündigt.

„Prostitution ist Gewaltausübung, Ausbeutung und sie verhindert die wahre Gleichstellung.“

–> Das ist übrigens nicht seine eigene Erkenntnis. Er gibt lediglich, wie er sagt, die „Zentralen Punkte“ des in der Entstehung befindlichen Dokumentarfilms „Aufbruch“ von Christine Tauch wieder.
Hier finden wir also das besagte „Problem“ der Prostitution. Die Lesart müsste also sein: Alle männlichen, weiblichen, transgeschlechtlichen Sexarbeiter:innen sind Opfer von Gewalt und Ausbeutung. Schwer zu ertragen, wenn es denn so wäre. Ist es aber nicht. Ja, immer wieder werden Straftaten verübt und nicht alle zur Anzeige gebracht. Aber wäre es, wie Voigts meint, dann müssten die jährlichen Kriminalstatistiken darauf hindeuten. Immerhin sind Gewaltausübung und Ausbeutung Straftatbestände, deren Definition in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich ausgeweitet wurde. Die Zahlen der offiziellen, polizeilichen Kriminalstatistik können die von Voigts aufgebaute Drohkulisse aber nicht stützen. Nur als Beispiel: die Zahl der Menschenhandelsopfer ist in den Jahren nach der Einführung des 2002 in Kraft getretenden Prostitutionsgesetzes statistisch sogar gesunken. Auch mittels der umfangreicheren Datenerfassungen auf Grundlage des ProstSchG von 2017 kann Voights/Tauchs Mutmaßung nicht gestützt werden.
Für Voigts gilt es also allein das Narrativ der wehrlosen, schutzbedürftigen, entmündigten Frau zu wiederholen. Mich würde da interessieren, was denn sein Argument hinsichtlich der erschreckend hohen Zahlen häuslicher Gewalt ist.

„Prostitution wird häufig noch nicht als das Problem gesehen, das es wirklich ist.“

–> … als das Problem, zu dem es Hardcore-Abolitionist:innen phantasieren? Nochmal erinnert: Prostitution ist in Deutschland legal (mit Ausnahme der ersten fast 1,5 Jahre nach dem Beginn der Corona-Pandemie). Mittels wiederholtem Framing will Voigts hier etwas kriminalisieren oder entmoralisieren, das unsere parlamentarische Demokratie und der Großteil der Bevölkerung legitimisiert.

„Deutschland nimmt beim Thema Prostitution eine Sonderrolle ein“

–> Humbug ist das. Eine so schwammige und interpretierbare Aussage, dass sie je nach Betrachtungsweise richtig oder völlig falsch sein kann. Ja, wir haben ein Prostituirtenschutzgesetz (wobei man den Begriff „Schutz“ getrost streichen könnte). Und dieses ist sicherlich besonders in Europa. Dass Prostitution in der Bundesrepublik legal ist, ist jedoch keine Eigenheit Deutschlands. Auch Länder wie Österreich, Schweiz, Belgien oder Griechenland (einen Überblick gibt es bei Wikipedia) haben diesbezüglich eine las liberal anzusehende Gesetzgebung. Was will Voigts mit der Aussage also suggerieren? Wahrscheinlich spielt er auf das Narrativ vom „Bordell Europas“ an.

„Die Legalisierung der Prostitution in Deutschland hat für mehr Prostitution gesorgt.“

–> Diese Behauptung könnte nicht falscher sein. Weil auch erneut ohne überprüfbare Quellenangabe. Man braucht sich ja nur mal den Umstand anschauen, dass Kristine Tauch im Gespräch die 400.000 phantasierten Prostituierten einwarf. Wenn man bedenkt, dass diese Zahl um das 10-fache höher ist als die tatsächlich erfassten Personen in der Sexarbeit und noch dazu aus den späten 1980er Jahren stammt, dann macht sich Voigts mit diesem Satz einfach nur lächerlich.

Übrigens, offiziell legal wurde die Prostitution im Jahr 2002 mit der Abschaffung der Sittenwidrigkeit. Davor war sie bereits geduldet. Wie jetzt der Anstieg der Sexarbeit in den letzten 20 Jahren aussehen soll, bleibt uns Voights schuldig.

An einer Stelle zitiert Voights Huschke Mau: „Es geht in der Prostitution nur um Macht

–> Das mit der Macht hatten wir ja schon. Interessant aber, dass Arne-Torben Voigts seine Zuhörer nicht darüber aufklärt, wer denn Huschke Mau eigentlich ist. Es ist nämlich kein Zufall oder Sinnbild einer journalistisch ausgewogenen Brichterstattung, dass sie hier genannt wird. So gehört die ehemalige Prostituierte Mau hierzulande zu den radikalsten Abolitionistinnen und Streiterinnen für ein Verbot der Sexarbeit. Passt also perfekt in die Runde um Margot Käßmann und Kristine Tauch.

„Was wollen diese Männer eigentlich, wenn es nicht Sex ist?“

–> Was wollen die „Mensch Margot“-Macher eigentlich wenn es nicht um die Erfüllung des öffentlich rechtlichen Programmauftrags geht?
Im Ernst, was soll diese bescheuerte Suggestivfrage?

„Wir haben in der Gesellschaft durch Pornografie eine irregeleitete, falsche Sexualität. Ein Grundproblem, das zu dem Problem in der Prostitution führt.“

–> WTF? Voigts und Co. vermeiden es bislang komplett, mit haltbaren Zahlen oder mit nachvollziehbaren Quellen zu arbeiten. Einem professionellen Faktenchek würden ihre kruden Phantastereien auch nicht standhalten können. Und jetzt macht auch Arne-Torben noch schnell ein neues Fass auf. Stammtischpolemik in aller reinster Form. Schon allein die unbelegte Behauptung das Pornografie eine „irregeleitete, falsche Sexualität“ begünstigen würde, ist so gar nicht haltbar. Klingt eher nach einer christlich fundamentalistischen Doktrin. Aber klar, sicherlich beeinflusst ein Pornografiekonsum das Sexualleben von jugendlichen und erwachsenen Menschen. Wobei man sagen muss, dass die Forschung hier zu durchaus spannenden Schlüssen kommt.
Die „irregeleitete Sexualität“ jetzt aber noch mit dem „Problem“ in der Sexarbeit zu verbinden, also einfach nur die Behauptung aufzustellen, ergo bewusst zu lügen, ist an Infamie nicht zu toppen.

„Wir reden in der Prostitution von 80 Prozent Zwang. Ist das grundsetzlich eine richtige Zahl, Frau Tauch?“

–> Was Kristine Tauch natürlich bejaht. Wie war das noch gleich? … also einfach nur die Behauptung aufzustellen, ergo bewusst zu lügen, ist an Infamie nicht zu toppen.
Diese Zahl ist übrigens mit nichts zu belegen. Sie ist schlicht ausgedacht oder Widergekäut. Obwohl, vor ein paar Jahren sprachen Prostitutionsgegner:innen noch von 90 oder mehr Prozent. Aber nie auch nur ein einziges Mal hat irgendwer aus dem Reigen der Abolitionist:innen eine glaubhafte Quelle dafür liefern können.

Fazit

Was soll man abschließend zu diesem Quatschgespräch sagen? Wäre das Thema nicht so sensibel, hätte Margot Käßmann nicht so eine große Reichweite, wäre eine Betrachtung des Podcasts auch gar nicht notwendig. Am Ende ist das Dreiergespräch eines der infamsten Produktionen des ÖR, wie man es bei anderen Themen gar nicht für möglich halten könnte. Überlegt mal, würden sie so über Flüchtlinge sprechen…
Aber genau so wie die drei Protagonist:innen arbeiten übrigens Querdenker und Fakenews-Portale: mit erfundenen Daten, falschen Rückschlüssen, Vermischung von Kausalität und Korrelation, Strohmann-Aargumantationen, absolut steilen Thesen und niemals mit seriösen Quellen.
Heißt das jetzt das Käßmann, Voigts und Tauch unter die Faktenerfinder gegangen sind? Oder waren sie es schon immer? Macht euch euer eigenes Bild.

Das PROBLEM Prostitution – Teil 1

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