Brennende Lovemobile in Himmelpforten

Wer war’s? Pyromane, Prostituiertenhasser oder Rocker?

Vergangene Woche ist es wieder geschehen. In der niedersächsische Gemeinde Himmelpforten nahe Stade ist ein sogenanntes Lovemobil Gegenstand eines Brandanschlags geworden. Das Fahrzeug brannte trotz Großeinsatzes der Feuerwehr vollständig aus. Menschen waren zum Zeitpunkt des Brandes glücklicherweise nicht im Fahrzeug.

Erst zweieinhalb Monate zuvor, am 6. Juni, kam es in Himmelpforten zu einem gleichartigen Fall. Damals wurde ein auf einem Rastplatz abgestellter Wohnwagen vollständig von einem vorsätzlich gelegten Feuer zerstört. Und auch das war nicht das Erste. So schrieb die Kreiszeitung Wochenblatt einmal „FĂĽr die Feuerwehren aus Himmelpforten und Burweg sind Einsätze wegen brennender Lovemobiles Wohnmobile auf diesem Rastplatz nichts Neues und daher verdient sich dieser Ort allmählich das zweifelhafte Prädikat als ein Hotspot der Brandbekämpfung.“

Auch ĂĽber den Landkreis Stade hinaus besteht das Problem der in Brand gesteckten Lovemobile – seit Jahren schon. U.a. brannten in Wardenburg (LK Oldenburg) zwischen 2007 und 2015 drei Fahrzeuge aus. Fazit der Ermittler fast ĂĽberall Brandstiftung.

Und immer das gleiche Bild: Die Behörden haben keine Anhaltspunkte, keine Beweise, weil die Fahrzeuge komplett ausgebrannt sind. Ebenso fehlen jegliche Hinweise auf einen oder mehrere Täter. Die Folge: die Polizei stellt die Ermittlungen ein. Es werden weder Vermutungen noch mögliche Anhaltspunkte kommuniziert. Di

Weil die Ermittlungsbehörden wieder und wieder keine Schuldigen liefern können, kochen die MutmaĂźungen innerhalb der Bevölkerung jedes Mal neu hoch – speziell in den Sozialen Medien. Aktuell wird auf Twitter diskutiert, inwieweit jene unsensiblen Aboli-Kampagnen wie „Rotlicht aus“ derlei Straftaten wortwörtlich befeuert haben könnte. Oder sind es doch „nur“ wieder irgendwelche Konflikte zwischen kriminellen Banden?

Bietet Kampagnen-Framing ZĂĽndstoff?

Wer möchte, könnte mit der notwendigen Fantasie durchaus Kausalitäten zwischen den letzten Bränden und aktuellen Aktionen von Abolitionistischen Gruppierungen finden. Immerhin wurde ja kürzlich erst eine sogenannte „Aufklärungsveranstaltung“ inklusive einer Plakataktion „gegen Zwangsprostitution“ in und um Stade und Buxtehude von Rotlicht-Gegnern (inkl. einer örtlichen Gleichstellungsbeauftragten) organisiert. Was hier für Außenstehende nach seriöser Arbeit aussieht, ist bei naher Betrachtung Teil einer bundesweit angelegten Desinformationskampagne konservativer, christlich fundamentaler und rechtsnationaler Kräfte, die es sich zum Ziel gesetzt haben, Sexarbeit in jeglicher Form zu stigmatisieren und zu illegalisieren. Ein beliebtes Mittel: Sexworkerinnen pauschal als arme unmündige Opfer von brutalen Menschenhändlern darstellen. Freier als wilde, misogyne Sexbesessene skizzieren. Außerehelichen Sex als abnorm framen.

Können solcherlei Kampagnen also potentielle Täter:innen anstacheln und radikalisieren? Möglich. Immerhin kennen wir derlei Zusammenhänge von Aufstachelung und Victimisierung im Netz hin zu realen Übergriffen aus den vergangenen Jahren nur allzugut. Letztendlich ist ein solcher im hiesigen Fall aber nichts als reine Vermutung.

Straftaten im Rotlichtmilieu kommen nicht ohne ihre Lieblingstäter aus

Eine zweite diskutierte Vermutung: „Konflickte“ in der Rocker-Szene. Also eigentlich wie immer. Kriminalitätsaffine MännerbĂĽnde stehen ja fast ununterbrochen im Fokus, wenn es um das Thema Prostitution geht. Bandenkriminalität als Totschlagargument fĂĽr die Prostitution im Land, wer kennt es nicht. Da spielt es medial oft nur eine untergeordnete Rolle, ob es in Fall XY tatsächliche echte Belege fĂĽr die Involvierung von Rockerbanden gibt. Andererseits verstehen sich diese manchmal ganz gut im Behörden an der Nase herumfĂĽhren. Und so gibt es auch hier bislang weder verwertbare Anhaltspunkte noch öffentlich geäuĂźerte Vermutungen seitens seriöser Quellen.

Was ist mit einem Feuerteufel ?

Und wie sieht es mit pathologischer Brandstiftung aus? Denkbar ist auch das. Ebensogut kann ein:e Pyroman:in zusätzlich noch von medialem framing und der Sensationsberichterstattung kontra die Sexarbeit beeinflusst worden sein. Aber was soll das? Es bleibt auch hier bei einer reinen Gedankenspielerei. Es gibt leider keinerlei öffentlich zugängliche Anhaltspunkte.

Es liegt in unserer Natur. Wir wollen nur allzugern einen Schuldigen oder eine Schuldige identifizieren. Möglichst schnell. Möglichst jemanden, der/die in unser Feindbild passt. Wir wollen Gerechtigkeit. Oftmals auch Bestätigung unserer Annahme. Alles andere ist irgendwie unbefriedigend. Zumindest solange bis Gras drüber wächst. Es wird also fleißig diskutiert und gemutmaßt. Die Grenze zur Verläumdung ist da manchmal fließend.
Denn auch wenn wir es manch einmal nicht wahrhaben wollen, bis zur Verurteilung hat immer die Unschuldsvermutung zu gelten. Auch in obigem Fall. Und am Ende kommt es eh ganz anders als man denkt…

rde

Zahl am Rande:
Laut einer Stellungnahme des niedersächsischen Sozialministeriums aus 2019 befanden sich zum Zeitpunkt landesweit rund 100 Lovemobile an den Straßen.
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