Dänische Ex-Prostituierte klagt Freier an

17. Januar 2014

Tanja Rahm geistert verbittert einer verallgemeinernden Schuldfrage nach Рmehr als Schwarz-Weiß-Malerei ist das nicht

Hohe Wellen hat die Prostitutionsdebatte hierzulande aufgrund Alice Schwarzers Frontalangriff geschlagen. √Ąhnlich scheint es bei unseren d√§nischen Nachbarn zu sein, dort allerdings aufgrund der Ver√∂ffentlichungen der Ex-Prostituierten Tanja Rahm. Welt.de ver√∂ffentlichte k√ľrzlich unter „Ich ekelte mich vor Euch und Euren Fantasien“ Rahms Brief an ihre einstigen Kunden. In diesem Fall m√∂chte ich nicht direkt auf das dort Gesagte eingehen, ist es schlicht von Verbitterung, Vorverurteilung, Verallgemeinerung und Hass gepr√§gt, sondern schreibe einen Brief an Rahm selbst:

Liebe Frau Rahm,

falls du glaubst, jeder Freier gehe in dem Glauben zu einer Prostituierten, sie w√ľrde sich unb√§ndig nach seiner M√§nnlichkeit verzehren und immer Lust an ihrem Job habe, liegst du falsch. Das deren Hauptmotiv das schnelle Geld ist, ist den M√§nnern klar.

Ebenso sind sie sich bewusst, dass die Lust und eventuelle Orgasmen der Dirnen sehr wahrscheinlich vorgespielt sind. Das hindert die Männer aber nicht daran zu fantasieren, in diese fiktive Welt des Begehrtwerdens einzutauchen und das Schauspiel einfach nur zu genießen. Um so besser eine Prostituierte die Illusion aufrecht erhalten kann, um so schöner ist ein solcher Besuch.

Wenn Du glaubst, dass der Freier dir keinen Gefallen getan hat, indem er dich f√ľr eine halbe oder ganze Stunde bezahlt hat, dann verkennst du die Situation und wiedersprichst dir teils selber. Ja, er wird insgeheim akzeptieren, dass du ihn nur schnell rein und schnell wieder raus haben wolltest. Aber du wolltest schnelles Geld verdienen und er gab es dir. Somit handelt es sich nicht um einen Gefallen, sondern um einen Vertrag. Und beide, du und er, haben die Vertragsvereinbarungen eingehalten: Sex gegen Geld.

Wenn du glaubst, Freier hielten sich f√ľr Heilige, weil sie dich dies oder jenes fragen, dann irrst du. Dass du in diesem Zusammenhang pauschal behauptest, jeder Freier h√§tte deinen K√∂rper durch seine Ber√ľhrungen mit blauen Flecken markiert, werte ich als verl√§umderische Unterstellung. F√ľr die F√§lle, die wirklich so abgelaufen sind, sch√§me ich mich jedoch f√ľr mein Geschlecht.

Wenn du verurteilst, dass Freier versuchen, einer Sexworkerin ebenfalls einen Orgasmus zu bescheren, dann verstehst du Sex nicht. Es mag sein das der eine oder andere auch seine M√§nnlichkeit beweisen will. Aber Sex macht nun einmal mehr Spa√ü, wenn beide Parteien Lust empfinden. Und sei es nur eine goldmedaillenreif vorgespielt Lust (zumindest im Hure-Freier-Verh√§ltnis); wobei wir wieder beim Thema gew√ľnschte Illusion w√§ren.

Ich war vielleicht Nummer drei, Nummer f√ľnf oder Nummer acht an diesem Tag. Glaubst du wirklich, obwohl du es ja so goldmedaillenreif beherrschtest zu Schauspielern, dass es meine Pflicht gewesen w√§re, deine k√∂rperliche und seelische Qual dennoch zu erkennen und unseren Termin sofort zu unterbrechen? Vielleicht w√§re es meine Pflicht gewesen. Aber du h√§ttest mich doch in dem Fall auch gar nicht empfangen brauchen. Immerhin sagst du, du hattest dich aus freien St√ľcken prostituirt. Ach nein, du sagst ja, das einzige, was du wolltest, war schnell verdientes Geld. Und dieses Geld wolltest du mit Sexdienstleistungen erhalten.

Nur warum verurteilst du den hungrigen Brötchenkäufer?

Du verurteilst die Motivationen/das Handeln der M√§nner, sagst sie seien zynisch, eiskalt… Wenn du glaubst, das trifft nicht auf dich zu, dann meidest du wohl Spiegel. Immerhin erkl√§rst du, wie wenig dich die Gespr√§che mit Freiern interessierten, wie gleichg√ľltig dir die Gr√ľnde f√ľr deren Besuch bei dir waren. Lass dir eines sagen: Auch M√§nner haben √Ąngste, Sorgen, und Probleme. F√ľr manche sind Prostituierte die einzigen Personen, mit denen sie dar√ľber sprechen k√∂nnen. Sie sind die einzigen, mit denen sie dann in eine sexuelle Fantasiewelt, fern ab der banalen Realit√§t, reisen, bei denen sie ihre unerf√ľllten Begierden und Gel√ľste ausleben k√∂nnen.

Die Freier haben nicht den Menschen hinter deiner Fassade gesehen? Das stimmt. Wie auch? Sie haben nur die Illusion gesehen. Ja, dass ist der Sinn! Darum gehe ich auch ins Theater, weil ich mich von einer Illusion bezaubern lassen will. Ich sehen nicht den Menschen hinter dem Schauspieler. Und was ist mit dir? Hast du den Menschen hinter dem sexhungrigen, vielleicht auch redebed√ľrftigen Freier gesehen. Nein! Du siehst nur das, was du sehen willst!

Von den beiden Archetypen Täter und Opfer

Dass es der Freier einziges Ziel sei, ihre „Macht zu beweisen“ und „deinen K√∂rper zu benutzen, wie es ihnen gerade gef√§llt“, ist eine feiste Unterstellung. Und f√ľr jene M√§nner, die dies ohne dein Einverst√§ndnis so taten, sch√§me ich mich – wie schon gesagt.

Du sagst, und hier zitiere ich dich im Ganzen: „Die Prostituierten sind nur da, weil M√§nner wie Du einem gesunden und respektvollen Verh√§ltnis zwischen M√§nnern und Frauen im Weg stehen. Die Prostituierten existieren nur, weil M√§nner wie Du sich berechtigt f√ľhlen, ihre sexuellen Bed√ľrfnisse in den K√∂rper√∂ffnungen anderer Menschen zu befriedigen.“

Mein Frage: Du sagst, du h√§ttest den Schritt hin zur Prostitution freiwillig getan, h√§ttest aber aufgrund verschiedener Lebensumst√§nde keine Alternative gesehen, schnelles Geld zu verdienen. Bitte sage mir, was du getan h√§ttest, wenn es keine Freier g√§be? Werden nicht auch viele M√§nner nur dadurch zu Freiern, weil es Frauen wie dich gibt, die sich freiwillig (welche Intension auch immer dahinter steckt) f√ľr bezahlten Sex zur Verf√ľgung stellen?

Wenn du meinst, jene „mittelm√§√üigen“ M√§nner, die f√ľr Sex bezahlen, haben den Kern ihrer eigenen Sexualit√§t nicht gefunden, dann erkl√§re mir mal folgendes:

Was sollten deiner Meinung nach Männer (mit einem gesunden Lustempfinden) tun, die

  • monatelang auf See sind, unter ihresgleichen und nur kurze Landg√§nge (in fremden L√§ndern) haben
  • aufgrund einer Behinderung (geistig oder k√∂rperlich) beinahe keine Chance auf eine Partnerschaft haben
  • aufgrund von Sch√∂nheitsfehlern, fehlendem Selbstvertrauen, Angst usw. √ľber viele Jahre keine Partnerin finden
  • eine Partnerin haben, die aufgrund eines Unfalls/einer Krankheit nicht mehr zu sexuellen Handlungen f√§hig ist
  • eine Partnerin, die sie lieben, haben, welche aber keinen Bedarf an Sex versp√ľrt
  • eine stark ausgepr√§gte sexuelle Neigung haben, welche ihre Partnerin aber nicht erf√ľllen kann/will
  • eine Frau haben, die eine offene Partnerschaft bef√ľrwortet und auch Besuche bei Dominas o.√§. akzeptiert

Deine Antwort kann doch nicht rigoros Enthaltsamkeit sein oder gar sie haben einfach die „eigene Sexualit√§t nicht gefunden“. Ich wei√ü, es gibt genug andere M√§nner, die nicht in diese Kategorien fallen. Aber ich versuche zu differenzieren. Du nicht! Und mit der Aussage „Es gibt keine lieben Kunden. Es gibt nur Kunden, die das negative Selbstbild von Frauen verst√§rken.“ sprichst du nicht nur den M√§nnern alles humane ab, sondern auch allen Frauen die F√§higkeit zur Selbstbestimmung. Du machst damit alle Freier zu T√§tern und alle Sexarbeiterinnen zu Opfern. Das finde ich wahnsinnig schade…

Herzliche Gr√ľ√üe, ein Mann

Fazit

Frau Rahm soll hiermit nicht verunglimpft werden, noch sollen ihre Erfahrungen klein- und heruntergeredet werden. Sie steht sicherlich nicht als einzige Frau mit solchen Empfindungen da. Aber Freier auf diese Weise so pauschal zu verurteilen und durchweg ins schlechte Licht zu stellen zeugt nicht davon, dass sie ihre Erlebnisse aufgearbeitet hat. Daneben ist es schwer zu glauben, dass sie, die sich freiwillig prostituierte, von jeglichen Freiern schlecht und entw√ľrdigend behandelt wurde. Und Sexarbeiterinnen, die selbst aussagen, ihren Beruf gerne und mit Freude auszu√ľben, spricht sie an dieser Stelle pauschal einfach mal die Glaubw√ľrdigkeit ab. Interessant…

Laut¬†Welt.de¬†erkl√§rt sie weiter: „Ja, ich habe es freiwillig getan. Aber verschiedene Umst√§nde in meinem Leben haben bewirkt, das ich gar keine Alternative sah, es war, als ob andere f√ľr mich entschieden hatten.“ Allerdings erkennt sie an keiner Stelle ihrer M√§nnerverurteilung, dass viele Freier vielleicht auch keine Alternative haben, als zu einer Sexworkerin zu gehen. Nein, Frau Rahm behauptet eher, dass es im Milieu eine gro√üe Anzahl von Psychopathen gebe. Hingegen seien die Prostituierten gar nicht in der Lage, eine freie Wahl zu treffen. Aufgrund von schlimmen Kindheitserfahrungen und familiengeschichtlich bedingt w√§re deren Psyche und Sexualit√§t negativ beeinflusst worden.

Diese Argumentation bzw. dieses pauschale Schubladendenken kennen wir doch schon von Alice. Hat vielleicht eine der beiden schlicht von der anderen abgeschrieben?

Laut der „Welt“ arbeitet sie als Therapeutin. Wenn aber eine Therapeutin in einer Weise an die √Ėffentlichkeit tritt, die eigene Depressionen, psychische Probleme und unverarbeitete Hassgef√ľhle vermuten lassen, dann darf man sich schon fragen, ob sie so √ľberhaupt in der Lage ist, selber andere Menschen zu therapieren…

rmv

Nachtrag 20.01.2014:

Welt-Autor P. Hinrichs, der den Offenen Brief von Rahm √ľbersetzte, hat nun ein Interview mit der D√§nin gef√ľhrt. Auch dieses ist auf Welt.de zu lesen. Ich gehe jetzt nur auf einen einzigen Punkt ein. Auf die Frage zum Verdienst antwortet Rahm: „Es ging mir nie um das Geld. Es war nicht das Geld, das mich zur Prostituierten gemacht hat.“

Wie das zu verstehen ist, nachdem sie in ihrem Brief noch genau das Gegenteil behauptete, wei√ü ich nicht. Nur zeugt es schlicht von ihrer Unglaubw√ľrdigkeit. So ist es nunmal bei Hetzkampagnen – sie sind gepr√§gt von: Widerspr√ľche, Verallgemeinerungen und Doppelmoral.

Lesenswerte Antworten auf die Rahm`schen Erg√ľsse haben auch¬†Guido Keller¬†und „erzaehlmirnix“ gegeben. Neben etlichen sehr emotionalen und teils moralisch fragw√ľrdigen Kommentaren im Netz, sind jene beiden durchaus einen Blick wert.

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