In weiten Teilen gut: SWR-Reportage vom 14.05.

2. Juni 2014

Sabine Harder und Edgar Verheyen versuchten stets Objektivität zu wahren

Dass die „betrifft“-Folge „Verkaufte Frauen – Das boomende Gesch√§ft mit der Prostitution“ im SWR-Fernsehen ausgestrahlt wurde, ist mittlerweile schon 3 Wochen her. Mit etwas Versp√§tung will ich hier dennoch ein Paar Worte √ľber die Reportage verlieren.

Die Personen hinter dem Film sind Sabine Harder und Edgar Verheyen. Die beiden Journalisten, beide schon f√ľr viele Produktionen des SWR im Einsatz, er sogar mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet, haben dabei ein in sich stimmigen und sehenswerten Fernsehbeitrag geschaffen. Nat√ľrlich gibt es auch hier und da einige Kritikpunkte aufzuz√§hlen, aber insgesamt versuchte man hier doch unvoreingenommen und objektiv an das Thema heranzutreten – trotz rei√üerischen Titels.

Der erste Kritikpunkt taucht allerdings gleich zu Anfang der Reportage auf. Da heißt es:

„Nirgendwo in Europa leben so viele Frauen in und vom Rotlichtmilieu. Nirgendwo ist Sex so billig, nirgendwo die Gesetze so liberal. Ein Boom mit verheerenden Folgen f√ľr die Frauen im Sexgewerbe.“

Wenn das die der Reportage zugrunde liegende These sein soll, dann wird sie in den folgenden 40 Minuten nicht best√§tigt. Allein der erste Satz steht in keiner Relation, immerhin ist Deutschland einer der am dichtesten besiedelten Staaten Europas. Das hat an sich schon einmal die Folge, dass hier mehr Sexarbeiterinnen anzutreffen sind. Die Aussage mag vielleicht richtig sein, wird aber nicht bewiesen. Zudem die Journalisten selbst erkennen, dass es keine gesicherten Zahlen √ľber die Anzahl jener Frauen gibt. Daneben wird der Markt in L√§ndern, in welchen Prostitution unter Strafe steht, wohl kaum „florieren“ k√∂nnen.

Satz zwei bleibt ebenfalls ohne Beweise. Hauptsache man wirft erstmal was in den Raum hinein. So gibt es keinerlei Erkenntnisse zum mittleren Verdienst der Prostituierten im europ√§ischen Vergleich. Erkl√§rungen, warum Deutschland die liberalste Gesetzeslage haben soll, bleiben aus. Vergleiche zu D√§nemark, Niederlande, Belgien, √Ėsterreich, Schweiz oder Griechenland, wo Sexarbeit ebenfalls legal ist, gibt es keine.

Die Aussage, dies h√§tte „verheerende Folgen f√ľr die Frauen“, k√∂nnte kaum pauschalisierter und populistischer sein. Zumindest wird dieser Satz im Laufe der Reportage relativiert und ergr√ľndet.

Interviews mit Prostituierten, Bordellbetreibern, Sozialarbeitern …

Hervorzuheben ist noch eine Sache. Harder und Verheyen waren nur in Baden-W√ľrttemberg, Saarland und Rheinland-Pfalz unterwegs. Klar, das ist nun mal das Sendegebiet des SWR, aber dadurch k√∂nnte es sein, dass die gewonnenen Erkenntnisse nicht unbedingt repr√§sentativ f√ľr gesamt Deutschland sind. Allerdings h√§tte die Recherchearbeit dann auch um ein vielfaches umfangreicher und langwieriger sein m√ľssen.

Was den Filmemachern zugute zu halten ist, ist die Tatsache, dass sie sowohl mit Prostituierten, Bordellbetreibern und Freiern als auch mit Sozialarbeitern, Soziologen und den Beh√∂rden sprachen. Durch die diversen Interviews wird deutlich gemacht, dass das Thema Sexarbeit politisch und gesellschaftlich keineswegs pauschal angegangen werden kann, noch gibt es verallgemeinernden Erkenntnisse. Es gibt eben nicht Die selbsterf√ľllte und finanziell ausgesorgte Sexarbeiterin noch Die ausgebeutete und versklavte Zwangsprostituierte.

So traf Edgar Verheyen in Trier und Stuttgart selbstbestimmte und zufriedene Sexworkerinnen (die auch erw√§hnen, dass nicht jeder Freier nur Sex will, einige w√ľrden einfach nur reden wollen). Er kam aber auch mit finanziell ausgebeuteten Prostituierten sowie einer ehemaligen und seelisch zerbrochenen Hure ins Gespr√§ch. Verheyen besuchte Sabine Constabel in ihrem „Caf√© La Strada“ sowie Mitarbeiterinnen des Diakonischen Werks in Mannheim. Er sprach mit offensichtlichen Zuh√§ltern und ging mit einem Polizeikommissar √ľber den Stuttgarter Stra√üenstrich. Michael Beretin f√ľhrte durch das „Paradise“ und die Soziologin¬†Christiane Howe¬†informierte √ľber statistische Erkenntnisse zu Freiern. Apropo Freier, die kamen nat√ľrlich auch in der Reportage zu Wort.

Der Zuschauer gewann so verschiedene Eindr√ľcke sowohl von Seiten der Bef√ľrworter als auch der Kritiker. Wie man sich zum Thema positioniert, muss man letztendlich selbst entscheiden. Klar ist nur – und das ist an der Reportage lobenswert – dass das Rotlichtgewerbe trotz seiner diversen Problematiken keineswegs grunds√§tzlich b√∂se und menschenverachtend ist. Harder und Verheyen haben sich klar von einer Schwarz-Wei√ü-Malerei distanziert. Kritik √ľber kommunale und nationale politische Entscheidungen gab es hingegen schon. Und diese kam von allen Fraktionen.

Da w√§re z.B. der Vorwurf einiger Bordellbetreiber, dass die Stadt Stuttgart illegale bordellartige Betriebe dulde, um weiterhin die Vergn√ľgungssteuer absch√∂pfen zu k√∂nnen, damit allerdings Ungerechtigkeiten im Milieu sch√ľre. Von Seiten der Sozialarbeiter und Beratungsstellen wurden Missst√§nde, wie fehlende Krankenversicherung bei vielen Frauen, fehlende Umsetzung von politischen Aussagen oder die gesundheitlichen Folgen der Beschaffungsprostitution betont. Stadtr√§te, Polizei sowie Beratungsstellen und die Sexarbeiterinnen selbst sorgen sich hingegen √ľber die steigende Anzahl von osteurop√§ischen Armutsprostituierten. Nur wollen einige das Problem mit Verboten regeln, w√§hrend andere mehr Kontrollm√∂glichkeiten w√ľnschen. Wieder andere sehen eine L√∂sung in pr√§ventiven Ma√ünahmen. Auch √ľber die Frage, ob das steigende Angebot oder die Zahlungswilligkeit der Freier die Ursache f√ľr den Preisverfall ist, wird unterschiedlich beantwortet.

Wie schon erw√§hnt: Trotz des rei√üerischen Titels und hin und wieder (aber relativ selten) auftauchender platter Aussagen ist die Reportage durchaus gelungen. Das zeigt auch das vern√ľnftige Schlusswort. Wer die SWR-Produktion sehen will, sie ist zwischen 20 und 06 Uhr in der Mediathek zu sehen.

Zum Abschluss doch noch zwei Kritikpunkte

Zwei Kritikpunkt habe ich doch noch. Und zwar heißt es irgendwann mittendrin:

„Der Schulweg der 6- bis 7-J√§hrigen f√ľhrt mitten durch das Rotlichtviertel, das es eigentlich gar nicht gibt [Anm.: vorhandene Bordelle sind illegal]. Oft w√ľrden sie sogar von Freiern angesprochen, wurde uns erz√§hlt.“

Das h√§tte jetzt wirklich nicht sein m√ľssen. Denn diese Aussage ist so vollkommen bl√∂dsinnig und unlogisch, dass es schon weh tut.

a) Warum sollten Freier irgendwelche Kinder ansprechen? W√§ren die M√§nner P√§dophil, dann gingen sie garantiert nicht ins Bordell. Vor allem sind Freier f√ľr gew√∂hnlich selbst auf Diskretion bedacht und p√∂beln demnach nicht einfach frei herum.

b) Wenn Kinder von fremden Männern angesprochen werden, woher wissen sie dann, dass es sich dabei um Freier handelt?

c) Die Aussage „wurde uns erz√§hlt“ entbiert jeglicher Beweisbarkeit und Glaubw√ľrdigkeit. Wer hat das erz√§hlt? Warum? Woher kommt dieses Wissen? …

√Ąhnliche Argumentationen, die immer wieder Kinder in den Vordergrund heben, hatte ich schon mal¬†hier¬†gesammelt.

Zum Zweiten: das Interview mit der als ehemalige Stra√üenprostituierte vorgestellten ca. 30-j√§hrigen Dame namens „Melissa“. Hier scheint sich diese mittels krass √ľbertriebener Aussagen aufspielen zu wollen (meine Vermutung). Jeder kennt doch die Alte-Damen-Gespr√§che, bei der jede kr√§nker ist als die andere, jede vorgibt, mehr Arztbesuche und Operationen gehabt zu haben, als ihre Vorrednerin!? So in etwa kommt mir das bei den Darstellungen von Melissa, die 10 Jahre in einem Laufhaus gearbeitet haben soll, vor. Da erz√§hlt sie z.B. Tage gehabt zu haben, an denen sie bis zu 50 Freier bedienen musste. Ich wundere mich ja schon, wenn es in anderen Darstellungen von Prostitutionsgegnern hei√üt, die Frauen w√ľrden bis zu 30 Freier am Tag haben. Aber 50? Geht man davon aus, dass sie 6 Stunden Schlaf am Tag hat, dann h√§tte sie alle 36 Minuten einen Freier. Da sind noch keine Wasch- und Essenszeiten, Toiletteng√§nge etc. mit eingerechnet. Wo bitte kommt soetwas vor? Vor allem, wo kommen die Freier her?

Alle anderen im Film interviewten Prostituierten, ob auf der Stra√üe im Bordell oder Laufhaus, erz√§hlen, dass sie drei bis 5 Freier t√§glich bedienen, an manchen Tagen blieben die sogar aus. (√Ąhnliche Aussagen h√∂ren auch wir hier bei Rotlicht-MV.).

An anderer Stelle berichtet Melissa √ľber Sexw√ľnsche von Freiern. Zwar sei es den M√§nnern nicht immer um Sex gegangen, aber auf der anderen Seite sollen die sexuellen W√ľnsche dieser, wie sie sagt, „Idioten“ immer extremer geworden sein. An dieser Stelle dachte ich: Oh, jetzt kommt was ganz perverses. Was sie aber aufz√§hlte waren noch ganz normale SM-Praktiken. Sie sollte die M√§nner mit einem Dildo penetrieren oder sie schlagen. Muss man ja nicht m√∂gen, aber wenn einer Prostituierten nicht selbst Gewalt angetan wird, braucht sie solche W√ľnsche doch einfach nur h√∂flich ablehnen und gut ist. Wenn sie das Geld hingegen braucht, soll sie die Freier doch schlagen…

Wie gesagt, ich habe eher den Eindruck, dass die junge Frau ihre leidvolle Geschichte vielleicht etwas aufbauschen wollte.

rmv

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