Populismus des Spiegels nimmt kein Ende

25. September 2013

Wie Redakteure des Magazins unterschwellig immer wieder gegen das Rotlichtmilieu wettern

Falschbehauptungen, Halbwahrheiten und Logikfehler mit inbegriffen

Das das Nachrichtenmagazin¬†DER SPIEGEL¬†beim Thema¬†Prostitution¬†nicht vorurteilsfrei und unvoreingenommen berichtet, ist ja bereits bekannt (wir berichteten). So √ľberrascht es auch kaum, dass das im aktuellen Artikel „Die Prostitution hat unertr√§gliche Ausma√üe angenommen“ auf¬†Spiegel.de¬†nicht anders ist. Der Beitrag von Autor M. Schneider – Hintergrund ist die Debatte um einen geplanten Bordellbau (auf 4.500 Quadratmeter) in der 177.000-Einwohner Stadt¬†Saarbr√ľcken¬†– besticht n√§mlich, zumindest in Teilen durch Falschbehauptungen, Halbwahrheiten und Logikfehler.

Einfach mal drauf los behaupten …

„Wer sich mit Leuten unterh√§lt, die sich in der Szene auskennen, egal ob Polizisten oder Zuh√§lter, bekommt zw√∂lf Jahre sp√§ter zu h√∂ren, dass sich eigentlich nichts zum Besseren ge√§ndert hat. Das gut gemeinte Gesetz nutze vielmehr Zuh√§ltern und Menschenh√§ndlern statt den betroffenen Frauen“, schreibt Schneider. Ja, dieses Argument kennen wir bereits – oberfl√§chlicher Populismus, mehr ist es nicht.

Auch ist der Bericht voller Widerspr√ľche. So lautet gleich der erste Satz: „In Saarbr√ľcken arbeiten rund tausend Prostituierte.“ Sp√§ter gesteht der Autor jedoch ein, dass keiner so genau wisse wie viele es eigentlich sind. Die genannte Zahl sei eine Sch√§tzung der Prostituierten-Beratungsstelle Aldona e.V.. Was nicht im Artikel steht, ist, dass Aldona von 800 bis 1.000 ausgeht. Und auch die Polizei sch√§tzt die Zahl der Sexarbeiterinnen auf 750 bis 800.

Als n√§chstes behauptet er, das Bordell sei „der neueste Schritt einer Entwicklung, die viele in Saarbr√ľcken nicht wollen“. Bekr√§ftigen will er dies mit einem Argument, wie wir es nur allzu gut kennen. So betont er: „Viele Familien wohnen hier, Kinder spielen Fu√üball vor den Garagentoren, f√ľnf oder sechs gehen mit Schulranzen die Stra√üe hoch.“ An dieser Stelle ist wohl wieder mal eine Bedenkminute voller Fragezeichen angebracht. Was hat das Hervorheben von Fu√üball und Schulranzen mit einer sachlichen Diskussion zu tun? Zumal das Bordell laut Bericht nicht innerhalb eines Wohngebietes liege …

Auch in diesem Punkt √§ndert sich die Meinung in einem sp√§teren Absatz. Da hei√üt es, die meisten Anwohner w√ľrden das Bordell bef√ľrworten. „Besser, die Frauen arbeiten unter hygienischen Bedingungen statt auf der Stra√üe“, so oder so √§hnlich w√ľrden viele Saarbr√ľckener argumentieren. Hier widerlegt der Autor doch glatt seine erste Aussage.

Pro oder contra, f√ľr oder wieder ? Man wei√ü es nicht

√Ąhnlich paradox scheint auch die Herangehensweise von Saarbr√ľckens Oberb√ľrgermeisterin Charlotte Britz. Laut Spiegel wolle diese die Stadt bis auf zwei Stra√üen zum Sperrgebiet machen und damit die unter „katastrophalen hygienischen Verh√§ltnissen“ stattfindende Stra√üenprostitution eind√§mmen. Die Prostitution habe unertr√§gliche Ausma√üe angenommen, wird Britz zitiert. Auch dem Gro√übordell in Burbach stehe sie kritisch gegen√ľber.

Auf der anderen Seite fordert die B√ľrgermeisterin aber eine kommunale Sexsteuer. Vorgeblich um den Anreiz zur Prostitution zu mindern.

Was w√ľrde das denn f√ľr einen Sinn machen? Steuern werden doch erhoben, um der Stadt/dem Land/dem Bund Geld in die Kasse zu bringen. Zudem muss die Rentabilit√§t im Vordergrund stehen. Warum sollte eine Kommune denn eine Steuer als pr√§ventive Ma√ünahme (also um die Steuerpflichtige Zielgruppe, in diesem Fall die Prostituierten abzuschrecken) fordern? Was macht das f√ľr einen Sinn, wenn die Finanzierung der b√ľrokratische Ma√ünahmen, der Sachbearbeiter etc. sp√§ter teurer wird als Einnahmen hereinkommen – weil ja Stra√üenprostitution abgeschafft, bordellartige Betriebe ihrer Zulassung beraubt bzw. geschlossen etc.pp.? Au√üerdem ist, glaube ich, nicht bekannt, dass irgendwo in Deutschland allein durch die Einf√ľhrung der sogenannten Vergn√ľgungssteuer (Sexsteuer) illegale und verborgene Hinterhofbordelle verschwanden.

Dann hei√üt es auch vom Spiegel-Autor in Bezug auf die finanzielle und versicherungstechnische Misere der Huren: „Keine Krankenversicherung nimmt eine Prostituierte zu bezahlbaren Konditionen. Und weil der Staat Steuern erheben will, aber die Einnahmen kaum nachpr√ľfen kann, verlangen manche St√§dte etwa pauschal 25 Euro pro Tag von Bordellbetreibern. Die geben die Kosten meistens an die Prostituierten weiter, auch wenn sie nur 100 Euro am Tag verdienen.“

Das wird dann ebenfalls von einer Ex-Hure verdeutlicht, die hervorhebt, dass wegen gleichbleibender Nachfrage aber steigendem Angebot die Preise enorm gefallen seien. Armut, Drogen und keine medizinische Versorgung w√ľrden die Situation der Frauen noch verschlechtern, so die Zitierte. Wie also sollen Sexsteuer und Prostitutionsverbot die Lage der Frauen verbessern? Die Antwort bleibt einem der Artikel schuldig.

Aussage getätigt, Ziel weiterhin unklar

Diese Argumentation f√ľhrt jedoch nicht nur die Denkweise von Frau Britz ad absurdum. Gleichwohl die des Autors selbst. Denn einerseits behauptet er, das Prostitutionsgesetz habe aus sich selbst heraus keine √Ąnderung f√ľr die Frauen bewirkt. Andererseits legt er dar, dass es die Krankenkassen und St√§dte sind, die dem Gesetz entgegenwirken und mit Ungleichbehandlung und absurden Steuern das Leben der Prostituierten schwer machen.

Was will die Oberb√ľrgermeisterin? Prostitution aus humanistischen und sozialen Gr√ľnden eind√§mmen? Oder vom Rotlicht-Milieu durch Steuereintreibung profitieren? Zieht sie das Prinzip des Verbots dem der Aufkl√§rung, Pr√§vention und Betreuung vor?

In einer Pressemitteilung von Aldona hei√üt es speziell: „ALDONA e.V. begr√ľ√üt den Vorsto√ü von Oberb√ľrgermeisterin Britz, den Stra√üenstrich in Saarbr√ľcken einzud√§mmen.“ Aber eben auch: „Mit der Ma√ünahme einer von der Landesregierung erlassenen Polizeiverordnung wird eine Eind√§mmung des Stra√üenstrichs erwartet und dass damit das ‚ÄěAngebot‚Äú und die ‚ÄěNachfrage‚Äú im Saarland zur√ľckgehen. Die Ma√ünahme bewirkt aber nicht die L√∂sung des Problems, sondern lediglich eine Verdr√§ngung in andere Regionen/Bereiche.“

So ist es. Eine Lösung erreicht man auf diese Weise nicht!

Und was Will M. Schneider? Journalistisch gegen Sexarbeit vorgehen? Oder neutral berichten? Mal schreibt er so, dann wieder so – mit diesem hin und her schafft er aber nichts von beidem.

rmv

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