„Journalismus auf LĂŒcke“ bei der Schweriner Volkszeitung?

Artikel zum Thema Prostitution und Menschenhandel: tendenziös, völlig unzureichend recherchiert und gespickt mit falschen Behauptungen

„Gewerbe mit Schattenseiten“ titelt heute die Schweriner Volkszeitung in ihrem Onlineportal. AufhĂ€nger ist erneut der Bauantrag des Schweriner Sex-Kinos „Zur alten Post“ in WĂŒstmark. Der Beitrag soll, so die offensichtliche Intension der Autorin (mara), aber weitreichender sein. So setzt sie gleichwohl sich mit den Fragen auseinander, ob in Schwerin Menschenrechtsverletzungen oder organisierte KriminalitĂ€t zu verzeichnen sind. Dabei kommt die Autorin mit einer Moralkeule daher, die aus dem selben Holz wie Pinocchios Nase geschnitzt zu sein scheint.

Schon der zweite Satz lĂ€sst jegliches VerstĂ€ndnis des Themas Prostitution vermissen (wenn man böse wĂ€re, mĂŒsste man sagen, hier mangelt es gar an journalistischem VerstĂ€ndnis). So heißt es: „Viele tun Sex gegen Bezahlung weiterhin als Kavaliersdelikt ab, der allzu menschliche BedĂŒrfnisse und manchmal den Hang zu Ungewöhnlichem befriedigt.“ Damit suggeriert die Autorin, Sex gegen Bezahlung sei in jedem Fall eine strafbare Handlung, also mindestens ein „Kavaliersdelikt“. Nur stimmt das nicht im geringsten. Weder ist es eine Ordnungswidrigkeit noch ein Gesetzesverstoß Sexdienstleistungen anzunehmen bzw. anzubieten.

Versteckter Rassismus bei der SVZ?

Dann fragt mara, hinter der sich die Journalistin Maren RamĂŒnke-Hoefer verbirgt, ob das Schweriner Rotlichtmilieu harmlos sei. Und was macht sie zu allererst? Sie kommt zurĂŒck zum Sexkino und beschreibt plötzlich die GefĂŒhle der WĂŒstmarker, schreibt von „große Autos“, „nĂ€chtliche Streits auf offener Straße“ und „vielen auslĂ€ndischen Damen“. Dies wĂŒrde die Anwohner zur Frage treiben, ob hier vielleicht organisierte KriminalitĂ€t am Werke sei.

Werte Frau RamĂŒnke-Hoefer: GefĂŒhle, subjektives Empfinden, große Autos, AuslĂ€nder, Streitigkeiten etc. sind doch keine Grundlage fĂŒr eine Debatte ĂŒber die moralische sowie juristische RechtmĂ€ĂŸigkeit der Prostitution. Zuallererst fehlen hier Belege, dass diese VorfĂ€lle ĂŒberhaupt im Zusammenhang mit dem Sexkino stehen, immerhin gibt es im Umfeld des GebĂ€udes auch andere Einrichtungen, welche regelmĂ€ĂŸig von Nicht-Anwohnern besucht werden.

Und, noch viel brisanter, man könnte Ihnen bei solch einer absurden Argumentation („vielen auslĂ€ndischen Damen“ gleich Vorhandensein von KriminalitĂ€t) einen latenten Rassismus vorwerfen.

Meinungsmache ist wichtiger als AufklÀrung

Etwas seriöser, zumindest auf den ersten Blick, geht der Artikel weiter. Das Landeskriminalamt in Rostock wird herangezogen. Und schon ist es mit der SeriösitÀt der Autorin vorbei, denn sie zitiert den Sprecher des LKA zum Thema Menschenhandel. Wieso ist sie plötzlich beim Thema Menschenrechtsverletzung? Ganz einfach: so wird Meinungsmache praktiziert.

Dem Kriminalbeamten zufolge sei Menschenhandel ein Bestandteil der Prostitution, sowohl allgemein in Deutschland, als auch speziell in MV und in Schwerin. „Wir haben in MV mehrfach Verfahren wegen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung“, so der Sprecher. 2012 habe es in der Landeshauptstadt mehr als ein Dutzend Ermittlungsverfahren wegen einschlĂ€giger Delikte, darunter einige FĂ€lle von massiven Menschenrechtsverletzungen gegeben, will die SVZ wissen. Es wird von bulgarischen und rumĂ€nischen Opfern gesprochen, Frauen die zwischen 17 und 22 Jahren alt (viele mit Kind in der Heimat) waren. Organisierte KriminalitĂ€t sei in dem Zusammenhang erkennbar gewesen.

Dass es im Umfeld der Sexarbeit auch KriminalitĂ€t und Menschenrechtsverletzungen gibt steht außer Frage. Leider gibt es das immer wieder. Doch nach deutschem Recht werden TĂ€ter dafĂŒr belangt, Opfer entschĂ€digt. Das verhĂ€lt sich hier nicht anders als in jedem anderen Gewerbe oder im Privatleben auch.

Werte Frau RamĂŒnke-Hoefer: KriminalitĂ€t in welcher Schwere auch immer – sei es nun Delikte wie Ausbeutung, Erpressung, Gewaltandrohung bzw. -anwendung oder sei es gar Heelerei, körperlicher Missbrauch bis hin zu Menschenhandel – gibt es nicht nur im Umfeld des Rotlichtgewerbes. Eine Pauschalisierung wo Rotlicht ist, ist’s kriminell halte ich daher fĂŒr Ă€ußerst fraglich, nein, fĂŒr böswillig und dumm.

Was sagt eigentlich die Polizei?

Ein kurzer Blick in die Polizeilicher Kriminalstatistik von 2012 (jene von 2013 wird ĂŒbrigens heute Nachmittag veröffentlicht) eröffnet mir folgende fĂŒr Schwerin zutreffende Daten (ein Auszug):

  • 298 FĂ€lle von gefĂ€hrlicher und schwerer Körperverletzung
  • 371 FĂ€lle von Nachstellung (Stalking), Nötigung, Bedrohung
  • 26 FĂ€lle von Brandstiftung
  • 53 Straftaten gegen das Sprengstoff-, das Waffen- und das Kriegswaffenkontrollgesetz
  • 67 FĂ€lle von Raub, rĂ€uberische Erpressung und rĂ€uberischer Angriff auf Kraftfahrer
  • 24 FĂ€llen von sexuellem Missbrauch von Kindern

Was kann ich daraus jetzt schließen? Entweder sind diese Straftaten alle im Umfeld der Prostitution geschehen. Wenn nicht, ich aber populistisch argumentieren möchte, dann mĂŒsste ich die ganze Gesellschaft moralisch infrage stellen:

– Sind Familien ethisch vertretbar? Immerhin werden ja die meisten KindesmissbrĂ€uch von nahen Verwandten vollzogen.

– Muss der Gebrauch von gewaltverherrlichenden Filmen (also beinahe alle US-Blockbuster), Spielen, die Mitgliedschaft in SchĂŒtzenvereinen, der Besitz von Wasserspritzpistolen etc. unter Strafe gestellt werden, weil es immer wieder zu Überschreitungen des Waffengesetzes kommt?

– RegelmĂ€ĂŸig werden Tankstelle, GeschĂ€fte, Banken usw. ausgeraubt (oft auch im Zusammenhang mit körperlicher Gewalt). Warum wurde in der Vergangenheit immer nur versucht, die Sicherheitsvorkehrungen zu verschĂ€rfen? WĂ€re eine Abschaffung sĂ€mtlicher Filialen nicht die Lösung? Was nicht ist, kann auch nicht ausgeraubt werden.

– … tragen Sie hier eine KuriositĂ€t Ihrer Wahl ein! …

Nochmal meine Frage: Warum gehen Sie, Frau RamĂŒnke-Hoefer, vom Thema Sexkino in WĂŒstmark auf Menschenhandel ĂŒber? Wohlgemerkt haben Sie keinerlei Fakten geliefert, dass gegen den Betreiber oder eine Mitarbeiterin bezĂŒglich solch einer Straftat ermittelt wird.

Und um noch eines klarzustellen: Es mag ja sein, dass es in MV mehrfach Verfahren wegen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung gemĂ€ĂŸ § 232 StGB gegeben hat und es solche auch weiterhin gibt – das ist auch gut so. Nur warum verschweigen Sie, dass es 2012 (Quelle: Polizeilicher Kriminalstatistik) keine erfassten FĂ€lle gab?

FĂŒr MV und somit fĂŒr Schwerin trifft auch zu, es gab keine erfassten FĂ€lle von:

  • AusĂŒbung der verbotenen Prostitution § 184e StGB     
  • JugendgefĂ€hrdende Prostitution § 184f StGB     
  • Förderung sexueller Handlungen MinderjĂ€hriger oder Ausbeuten von Prostituierten §§ 180, 180a StGB davon:
    • Förderung sexueller Handlungen MinderjĂ€hriger § 180 StGB  
    • Ausbeuten von Prostituierten § 180a StGB  
    • ZuhĂ€lterei gemĂ€ĂŸ § 181a StGB    

Rotlicht-MV preist an

ZurĂŒck zum Artikel. Jetzt kommen nĂ€mlich wir ins Spiel. Da heißt es: „Dort [Anm: also beim „einschlĂ€gigen Internetportal“ Rotlicht-MV] werden in Schwerin nicht nur Frauen aus Thailand, Ost- und SĂŒdwesteuropa angepriesen, sondern auch Flatrate-Sex – einmal zahlen, jederzeit kommen, inklusive Gleitgel, Snacks und Saft“

Liebe Frau RamĂŒnke-Hoefer: Erstens preisen wir nicht an, sondern bei uns werben die Sexarbeiter/innen fĂŒr sich. Wenn, dann preisen diese selbst an, und dann nur ihre Dienstleistungen – in der Regel werden dafĂŒr keine „Preise“ veröffentlicht. Zweitens: Wieso schreiben Sie, dass wir Flatrate-Sex anpreisen? TatsĂ€chlich gab es im Sexkino „Zur alten Post“ im MĂ€rz 2013 (also vor einem Jahr) mal eine Veranstaltung mit Ă€hnlichem Wortlaut. Das war es dann aber auch schon. Nicht mehr und nicht weniger. Aufgrund einer einzigen Annonce, welche im ĂŒbrigen ĂŒberhaupt nicht mehr im Netz zu finden ist, auf die Gesamtheit bzw. auf ein Unternehmen (Rotlicht-MV) zu schließen, ist mehr als fraglich und komplett unseriös.

Seriös ĂŒber Prostitution berichten: Auf Erkenntnisse von Alice und Emma bauen!?

Und jetzt kommt’s. NatĂŒrlich darf auch Alice Schwarzer und ihr Sprachorgan, die Emma, nicht fehlen. So bezeichnete sie im „Appell gegen Prostitution“ 2013 Prostitution bekanntlich als „moderne Sklaverei“. Unkritisch nimmt das die Autorin auf und sprach dazu mit der Schweriner Gleichstellungsbeauftragte Petra Willert. Weil Frau Willert den Appell ebenfalls unterzeichnet habe und ihr sage und schreibe eine einzige ehemalige Prostituiierte persönlich bekannt ist, ist sie natĂŒrlich dafĂŒr prĂ€destiniert, im Bericht zu Wort zu kommen. Ehrlich jetzt?

Was Petra Willert dann aber anzurechnen ist, ist ihr Wunsch nach „Ausstiegsprogrammen, regelmĂ€ĂŸigen Zugang zu gesundheitlichen und psychosozialen Beratungsangeboten fĂŒr Prostituierte“. Wir erinnern uns: Bereits 2012 war es ein Ziel des „Runden Tisches“ in Rostock, eine ĂŒberregionale Beratungsstelle fĂŒr Sexarbeiterinnen einzurichten. Bis heute ohne Ergebnis. Willerts Forderung nach besseren Kontrollrechten indes wird nicht nĂ€her erlĂ€utert. Was sie damit meint darf nur geraten werden. Aber wenn wir jetzt raten und nach GefĂŒhl gehen, dann machen wir es ja nicht anders als die Autorin.

Zuletzt kommt noch Baudezernent Dr. Wolfram Friedersdorff zu Wort. GlĂŒcklicherweise bleibt er durchweg neutral und realistisch. Außerdem konstruiert er keine Gefahren und GesetzesĂŒberschreitungen, wo keine sind.

Stets neugieriges Interesse waren …

Fazit: Der Artikel ist fĂŒr die Tonne. Schließlich macht die Autorin hier reinsten Gesinnungsjournalismus und kriminalisiert und pauschalisiert und konstruiert und agitiert munter drauf los. Passend dazu: weder wurden Sexkino-Betreiber, noch Prostituierte, noch Rotlicht-MV gefragt. Schließlich ist nur wichtig, dass die Leser durchweg erkennen, wie böse Prostitution doch ist. Vor allem, wie Böse ein schlichter Bauantrag, um den es ja eigentlich gehen sollte, ist.

In einer Sonderausgabe der SVZ ĂŒber die Lokalredaktion hieß es mal:

„Sie haben Journalistik studiert, Geschichte, Germanistik, Politikwissenschaften, Jura oder Maschinenbau – die Palette der Erfahrungen der Lokalredakteure der Zeitung fĂŒr die Landeshauptstadt ist breit gefĂ€chert. Sie vereint aber alle eines: Die Liebe zu ihrer Heimat und das stetig neugierige Interesse an den Menschen vor Ort und ihren Geschichten.“

Der Text „Gewerbe mit Schattenseiten“ zeugt jedenfalls nicht von stets neugierigem Interesse an den Menschen vor Ort und ihren Geschichten! Frau RamĂŒnke-Hoefer (mara), schreiben Sie bitte wieder ĂŒber etwas, von dem Sie was verstehen!

rmv

Nachtrag 07.04.2014: Richtigstellend muss gesagt werden, dass die „Polizeiliche Kriminalstatistik fĂŒr das Land Mecklenburg-Vorpommern 2013“ bereits am 25.03.2014 veröffentlicht wurde. Am 3. April wurde hingegen die Polizeiliche Kriminalstatistik der Landeshauptstadt öffentlich vorgestellt.

Aber auch hier finden sich keine erfassten FĂ€lle von

  • AusĂŒbung der verbotenen Prostitution § 184e StGB    
  • JugendgefĂ€hrdende Prostitution § 184f StGB    
  • Förderung sexueller Handlungen MinderjĂ€hriger oder Ausbeuten von Prostituierten §§ 180, 180a StGB davon:
  • Förderung sexueller Handlungen MinderjĂ€hriger § 180 StGB 
  • Ausbeuten von Prostituierten § 180a StGB 
  • ZuhĂ€lterei gemĂ€ĂŸ § 181a StGB   

weder fĂŒr Schwerin noch fĂŒr Mecklenburg-Vorpommern.

Nachtrag 14.04.2014: ErgĂ€nzende Infos zum Kriminalstatistik habe ich in diesem Artikel aufgelistet. So gab es tatsĂ€chlich einige FĂ€lle von Menschenhandel, welche sich nur nicht direkt ausgewiesen in der Statistik wiederfinden …

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